[Der Typus Tartarin von Tarascon.]


Einen geradezu köstlichen Typus, eine Kombination von Einfalt mit Eitelkeit und Prahlsucht, wie er in solcher Ausprägung wohl nur in Südfrankreich gedeiht, hat Daudet in seinem Tartarin von Tarascon gezeichnet. Der edle Tartarin, ein moderner Don Quixote, dem es in seiner Vaterstadt an Gelegenheit zu Heldentaten fehlt, wird, obwohl keineswegs von mutigem Naturell, durch seine von törichten Mitbürgern mächtig aufgestachelte Eitelkeit auf die Idee gebracht, durch Löwenjagden in Algier sich Ruhm zu erwerben. Sein vernünftiges, die Bequemlichkeit liebendes und Gefahren abholdes Ego widersetzt sich zwar dieser Idee, doch läßt er sich in seiner Einfalt durch die Sticheleien seiner Mitbürger schließlich zur Ausführung derselben drängen. Er schifft sich, mit einem ganzen Arsenal von Waffen und Proviantvorräten versehen, nach Algier ein, um dort zu erfahren, daß in dem Territorium dieser Kolonie Löwen nicht mehr existieren. Diese Belehrung stößt bei ihm jedoch auf Unglauben, und er zögert nicht, schon in der ersten Nacht außerhalb Algier sich auf den Anstand auf Löwen zu begeben. Hiebei erschießt er ein Eselein, das er für einen Löwen gehalten, für welche Tat er von der Besitzerin Prügel erhält und außerdem weidlich zahlen muß. Diese Erfahrung macht ihn um nichts klüger. Nachdem er einige Zeit mit einer Kokotte, die als Maurin seine Einfalt trefflich auszunützen versteht, verbracht, zieht er wieder auf die Löwenjagd aus, durchstreift in Begleitung eines Schwindlers, der ihn bei der ersten günstigen Gelegenheit seiner Barschaft beraubt, verschiedene Gegenden Algiers und kommt, nachdem er, infolge eines Irrtums lediglich einen gezähmten blinden Löwen erschossen, schließlich von allen Mitteln entblößt nach Tarascon zurück, wo er sich als Löwenjäger von seinen Mitbürgern feiern läßt.

Im "Tartarin sur les Alpes" läßt Daudet seinen Helden, der Präsident des Tarasconer alpinen Klubs geworden war und befürchtet, dieser Würde durch die Machinationen eines Konkurrenten verlustig zu gehen, in die Schweiz ziehen, um dort durch die Ausführung schwieriger Hochtouren sich mit Ruhm zu bedecken und so seinen Konkurrenten aus dem Felde zu schlagen. Nach einigen kleinen Abenteuern läßt sich der Held in seiner Einfalt von einem Landsmann den ungeheuren Bären aufbinden, daß die Berichte über die Schwierigkeiten und Gefahren der Gletscherbesteigungen nichts als ein Trick seien, durch den man diese Partien anziehender machen wolle. Tartarin läßt sich hierdurch auch bestimmen, obwohl völlig untrainiert, die Besteigung der Jungfrau und später auch des Montblanc zu unternehmen, ohne auch eine Ahnung von der Gefahr zu haben, in die er sich begibt.

Der Dichter ist so menschenfreundlich, den Helden hierbei nicht zugrunde gehen zu lassen.


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