[Bekämpfung neuer wissenschaftlicher Theorien durch einzelne Gelehrte und gelehrte Körperschaften.]


An die törichten Anschauungen, denen wir als positiven Produkten einer Urteilsschwäche in der Geschichte der einzelnen Wissenschaften begegnen, reihen sich als negative Leistungen intellektueller Minderwertigkeit die Kämpfe an, die gegen neue wissenschaftliche Wahrheiten und bedeutende Erfindungen auf technischem Gebiet seitens einzelner Gelehrten und gelehrter Körperschaften geführt wurden. Es ist kaum eine einzige bedeutende Entdeckung im Bereich der Naturwissenschaften und der Medizin gemacht worden, die nicht von Fachgelehrten mit einem Eifer bekämpft worden wäre, der einer besseren Sache würdig war1). Flammarion erwähnt, daß die pythagoreische Schule zuerst die tägliche Bewegung unseres Planeten annahm, wodurch die absurde Vorstellung, die einen grenzenlosen und unendlichen Himmel binnen 24 Stunden sich um einen unbedeutenden Punkt drehen ließ, hinfällig wurde. Diese geniale Idee wurde von Platon und Archimedes, selbst von den Astronotien Hipparch und Ptolemäus bekämpft. Ptolemäus fand die Theorie von der Bewegung der Erde völlig lächerlich. Noch im Jahre 1806 wurde in Frankreich von einem geistvollen Mann namens Mercier, Mitglied des Instituts, ein Werk publiziert, in welchem der Autor erklärt, er würde nie zugeben, daß sich die Erde wie ein Kapaun am Spieße drehe. Harvey, der die Lehre vom Blutumlauf definitiv begründete, fand unter seinen zeitgenössischen Kollegen erbitterte Gegner seiner Anschauungen2). Die Entdeckung Lavoisiers, daß die atmosphärische Luft hauptsächlich aus 2 Gasen, dem Sauer- und dem Stickstoff, bestehe, erregte den lebhaftesten Widerspruch. Ein Mitglied der Académie des sciences, der Chemiker Baumé, verteidigte Lavoisier gegenüber auf das energischste die alte Lehre von den vier Elementen und wollte nicht zugeben, daß die Elemente, an denen man seit 2000 Jahren festgehalten hatte, in die Kategorie der zusammengesetzten Substanzen verwiesen würden. Lavoisier selbst, der große Chemiker, konnte sich nicht dazu verstehen, die damals schon oft beobachtete Tatsache des Falls von Meteorsteinen zuzugeben. In einem sehr gelehrten Bericht an die Akademie, der durch einen genau beobachteten Fall von Meteorsteinen veranlaßt war, suchte er nachzuweisen, daß Steine nicht vom Himmel fallen können. Galvani, der durch einen glücklichen Zufall die nach ihm benannte Elektrizität (den Galvanismus) entdeckte, erntete mit seinen Veröffentlichungen über diesen Gegenstand von ungeheurer Tragweite anfänglich zumeist nur Spott. Man nannte ihn den "Tanzmeister der Frösche", und es gelang erst Volta, der Entdeckung Galvanis die ihr gebührende Anerkennung zu verschaffen. In England lehnte die Royal Society 1841 die Einsetzung einer Erinnerungstafel für den berühmten Physiker Joule, der um die Thermodynamik sich die größten Verdienste erworben hatte, ab. Robert Mayer, der geniale Naturforscher, der in seiner 1842 veröffentlichten Abhandlung: "Bemerkungen über die Kräfte der unbelebten Natur" als erster das Gesetz von der Erhaltung der Kraft verkündete, mußte es erleben, daß seine Entdeckung lange Zeit von den Fachgelehrten ignoriert oder abfällig kritisiert wurde. Der Wiener Gynäkologe Semmelweiss, der zuerst auf die Übertragung des Wochenbettfiebers durch die Hände der untersuchenden Ärzte, ungereinigte Instrumente und Utensilien hinwies und sich dadurch die hervorragendsten Verdienste um die Verhütung dieser schweren Krankheit erwarb, stieß mit seinen Anschauungen bei den bedeutendsten seiner Fachgenossen auf Widerstand, der bei manchen mit direkten Anfeindungen und Verfolgungen verknüpft war. Erst die Entdeckungen Listers und die bakteriologischen Untersuchungen über das Puerperalfieber brachten die Gynäkologen zur Anerkennung der Semmelweisschen Verdienste.

Bemerkenswert sind auch die Ansichten, welche eine Reihe bedeutender Fachgelehrter (Anthropologen) über den für die Vorgeschichte des Menschen so bedeutungsvoll gewordenen Gebeinfund im Neandertal äußerten. Während Dr. Fuhlrott, dem die betreffenden Skeletteile zuerst übermittelt wurden, mit Entschiedenheit dafür eintrat, daß es sich um Überreste eines europäischen Urmenschen handle, eine Auffassung, welche durch spätere Funde bestätigt wurde und gegenwärtig allgemein anerkannt ist, meinte Professor Mayer in Bonn, daß die Gebeine von einem 1814 gestorbenen Kosaken, Professor Rudolf Wagner in Göttingen von einem alten Holländer, Dr. Pruner-Bey (Paris) von einem Kelten, Virchow von einem gichtbrüchigen Greis stammen. Die Autorität des letztgenannten großen Forschers genügte lange Zeit, die richtige Deutung des Fundes bei der Mehrzahl der Anthropologen zu verhindern.

 

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1) Flammarion hat in seinem Werke "Rätsel des Seelenlebens" eine Reihe derartiger Vorkommnisse zusammengestellt, die zum größeren Teile schon allgemein bekannt waren.

2) Als solche taten sich zwei berühmte Mitglieder der Pariser Fakultät, Jean Riolan junior, ein bekannter Anatom, und Guy Patin besonders hervor.


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