[Die Theorie von der intellektuellen Superiorität der blonden dolichocephalen Rasse (Ammon, Roese, Woltmann, Wilser u. a.) nicht genügend begründet. Tatsachen, welche gegen dieselbe sprechen. Die Übertreibungen der Rassenchauvinisten.]


Man hat sich sehr viel Mühe gegeben, Argumente zu sammeln, welche diesen Rassenchauvinismus zu stützen geeignet sind, und dabei die demselben widerstrebenden Tatsachen nur sehr wenig oder nicht der Beachtung gewürdigt. An sich wäre es ja zweifellos sehr interessant und wichtig, wenn man die größere oder geringere intellektuelle Befähigung einzelner Individuen und Bevölkerungskreise auf Rassenunterschiede zurückführen könnte. Es würde dies dazu führen, daß man aus dem Äußeren eines Menschen, seiner Kopfform, Haar- und Augenfarbe schon gewisse Schlüsse auf seine geistigen Fähigkeiten ziehen könnte. Indes haben vorerst weder die Untersuchungen, die man an Schülern der Volks- und Mittelschulen, sowie an Angehörigen verschiedener Berufsarten anstellte, noch die Tatsachen der Geschichte der Annahme eine genügende Stütze gewährt, daß man von den blonden Langköpfen im Durchschnitt höhere intellektuelle Leistungen erwarten darf, als von den in Deutschland und Mitteleuropa weit überwiegenden Mischlingen der nordischen und alpinen Rasse, sowie von den reinen Vertretern letzterer und der mittelländischen Rasse. Woltmann und Andere haben mit großem Eifer nachzuweisen versucht, daß fast alle genialen Persönlichkeiten der blonden nordischen Rasse entstammten und die Genialität gewissermaßen ein Prärogativ dieser Rasse bildet. Demgegenüber verdient folgendes Beachtung:

Die beiden größten deutschen Philosophen, Kant und Schopenhauer, waren Kurzköpfe, über Goethes Kopfform steht nichts fest.1) Sicher ist dagegen, daß er braune Haare und Augen besaß (letztere wurden von manchen sogar als schwarz bezeichnet). Auch bei Bismarck ist es zweifelhaft, ob er noch zu den Dolichocephalen zu rechnen ist; jedenfalls bestand bei ihm keine ausgesprochene Dolichocephalie.2)

Roese, der sich durch äußerst zahlreiche Untersuchungen bemühte, die intellektuelle Überlegenheit der Langköpfe sowohl für die Schüler der Volksund Mittelschulen, wie für eine Reihe von Berufsarten nachzuweisen, ist genötigt, zuzugeben, daß es noch sehr vieler ausgedehnter Untersuchungen im ganzen deutschen Reich bedarf, ehe die Frage über die Beziehungen zwischen Kopfform und geistiger Leistungsfähigkeit als gelöst gelten kann. Diese Reserve war wohl am Platz angesichts des Umstandes, daß manche seiner Ergebnisse keineswegs zugunsten der Superiorität der Langköpfe sprechen.

Um ein recht auffälliges Beispiel zu geben, so waren unter 183 Abiturienten die bestqualifizierten kurzköpfiger als die schlechtqualifizierten. Der Kopfindex betrug für die mit "sehr gut" zensierten 84,6, für die mit "gut" 84,0 und für die mit "genügend" 83,5 cm. Ebenso zeigte sich unter den Schülern einzelner Dresdener Volksschulen die bestqualifizierten kurzköpfiger als die mit weniger guten Noten. Ferner ergibt sich aus einzelnen von dem Autor veröffentlichten Tabellen, daß zwar die Soldaten kurzköpfiger waren als ihre Hauptleute, Hochschulprofessoren (technische Hochschule in Dresden) dagegen kurzköpfiger als die Heerespflichtigen. In den Stockholmer Regimentern, die den nordischen Typus wohl am reinsten aufweisen, sind die Offiziere etwas kurzköpfiger als die Mannschaft.

Diese Beispiele dürften genügen, um zu zeigen, daß die intellektuelle Superiorität der blonden Dolichocephalen weder so beträchtlich, noch so konstant sein kann, wie die Vertreter der erwähnten Rassentheorien annehmen.

Wenn man von allen chauvinistischen Übertreibungen absieht und das z. Z. vorliegende Tatsachenmaterial unbefangen prüft, kann man nur zugeben, daß in der nordischen Rasse die höchsten Intelligenzstufen wahrscheinlich sich häufiger finden, als unter den Angehörigen der beiden anderen europäischen Rassen. Damit ist jedoch keineswegs gesagt, daß die durchschnittliche Intelligenz der blonden Langköpfe über die der in Mitteleuropa weit überwiegenden Mischlinge und der reinen Kurzköpfe hinausgeht und insbesondere die Beschränktheit unter den letzteren sich erheblich häufiger findet als bei den ersteren. Es fehlt uns beispielsweise jeder Anhaltspunkt für die Annahme, daß die Bevölkerung irgend eines ländlichen Distriktes in Mittel- oder Norddeutschland, in welchem das langköpfige Element stärker vertreten ist, intellektuell der kurzköpfigeren Bevölkerung irgend eines süddeutschen Landbezirks überlegen ist. Zweifellos ist das intellektuelle Niveau der bäuerlichen Elemente in verschiedenen Gegenden Deutschlands nicht das gleiche, allein diese Unterschiede sind auf eine Mehrzahl ursächlicher Momente zurückzuführen: klerikale und gouvernementale Einflüsse, insbesondere erstere, wirtschaftliche und Verkehrsverhältnisse, Trinkgewohnheiten. auch die Rasse mag einen gewissen Anteil besitzen; daß dieselbe aber allein oder hauptsächlich diese Unterschiede bedingt, hiefür fehlt jeder Nachweis.

Der nüchtern Denkende wird angesichts der erwähnten Sachlage die Behauptung, daß der einzelne Mischling um so größere Bedeutung für unser Volk und die gesamte weiße Menschheit hat, je näher er sich dem Vorbild der nordisch - germanischen Rasse nähert, nur als eine Übertreibung betrachten können, die man in wissenschaftlichen Arbeiten nicht finden sollte.

Was soll man nun vollends von Äußerungen, wie der Wilsers halten, daß der edelsten germanischen Rasse die Weltherrschaft nicht mehr streitig gemacht werden kann und die übrigen Rassen nur mehr als ihrer Dienerinnen Aussicht auf Erhaltung haben?

Wer die derzeitige politische Lage nur einigermaßen zu würdigen versteht und die Erfolge berücksichtigt, mit denen das nichtarische Japan den Expansionsbestrebungen des arischen russischen Kolosses in Asien entgegengetreten ist, kann derartige Ansichten nur als Ausfluß einer Germanomanie betrachten, die an Urteilsschwäche noch erheblich über den von uns so oft belächelten französischen Chauvinismus hinausgeht. Wir haben hier wieder einen Beleg dafür, wie sehr die Voreingenommenheit für gewisse scheinwissenschaftliche Theorien — ähnlich den politischen und religiösen Leidenschaften — den geistigen Gesichtskreis einzuengen und das Urteil zu trüben vermag.

 

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1) Moebius (Ausgewählte Werke, Band 3, Goethe, 2. Teil) der sich eingehendst mit Goethes Körperlichkeit auf Grund der vorhandenen Quellen beschäftigte, enthält sich jeder Äußerung über Goethes Kopfform. Die Zeichnungen Jagemanns und Matthays, aus welchen Roese Goethes Dolichocephalie ableiten will, beweisen für den unbefangenen Beobachter nichts.

2) Roese kann nicht umhin, nach langen Auseinandersetzungen für Bismarcks Kopf eine Länge von 21,2 cm, eine Breite von 17,0 cm und einen Index von 80,2 cm zu berechnen; Roese selbst aber beansprucht für die Dolichocephalie einen Index von unter 80 cm und verschiedene andere Anthropologen einen solchen von unter 75 cm.


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