[Stumpfe und erregte Schwachsinnige. Die Schulkenntnisse der Schwachsinnigen. Bedeutung der sozialen Brauchbarkeit. Momente, auf welche die Entscheidung in den Grenzfällen sich zu stützen hat.]


Man sondert gegenwärtig die Schwachsinnigen je nach dem Grad ihrer geistigen Regsamkeit in zwei Hauptgruppen: stumpfe und erregte. Die ersteren entsprechen in ihrem Verhalten den populären Vorstellungen vom Schwachsinn ungleich mehr wie letztere; sie zeigen im allgemeinen die Charaktere der Dummheit in bedeutender und ziemlich gleichmäßiger Entwicklung. Die erregten Schwachsinnigen können dagegen an Gedächtnisleistungen, Lebhaftigkeit der Phantasie und Schnelligkeit des Gedankenverlaufs den normalen Dummen übertreffen. Sie verstehen es, insbesondere in den leichtesten Fällen, sich verschiedenartigen äußeren Verhältnissen anzupassen, bekunden ein allerdings nicht tiefer gehendes Interesse für eine Menge von Gegenständen, nehmen in Gesellschaft an der Unterhaltung regen Anteil und mögen durch die Schlagfertigkeit ihrer Antworten mitunter selbst erfahrene Personen über ihre Begabung täuschen. Für die Unterscheidung dieser Schwachsinnsform wie des Schwachsinns überhaupt von der normalen Beschränktheit ist der Stand der Schulkenntnisse weder im günstigen noch im ungünstigen Sinne verwertbar. Ausgeprägt Schwachsinnige können über ein ansehnliches Maß von Schulkenntnissen verfügen, insbesondere soweit es sich um reine Gedächtnisleistungen und rechnerische Fertigkeit1) handelt, während bei normalen Beschränkten es mit den Schulkenntnissen sehr übel bestellt sein mag2).

Die meisten Psychiater sind deshalb dahin gelangt, nicht das Maß der Kenntnisse, die sich das Individuum in und außerhalb der Schule erworben hat, sondern die Art der Verwertung derselben, d. h. die soziale Brauchbarkeit des Individuums, seine Fähigkeit, sich eine gewisse Lebensstellung zu schaffen und seine Interessen zu wahren, als das Entscheidende zu betrachten. Bei ausgeprägten Fällen von Schwachsinn fehlt diese Fähigkeit gewöhnlich. Die betreffenden Individuen sind nicht imstande, ohne ständige Führung und Anleitung in irgend einem Beruf sich andauernd brauchbar zn erweisen. Auch die lebhaften Schwachsinnigen sind trotz ihrer größeren geistigen Regsamkeit gewöhnlich zu einer geordneten, selbständigen Lebensführung untauglich. Sie halten in keinem Beruf, keiner Stellung längere Zeit aus und geraten schließlich häufig auf die Bahn des Verbrechens. Bei guter Erziehung und unter günstigen äußeren Verhältnissen können jedoch auch leicht Schwachsinnige dahin gelangen, eine geringe intellektuelle Anforderungen erheischende Stellung selbständig auszufüllen. So ist es nichts Außergewöhnliches, daß leicht schwachsinnige Frauen imstande sind, den Anforderungen eines kleineren Haushaltes ohne Unterstützung völlig Genüge zu leisten. Ein schwachsinniger Arbeiter, der genötigt ist, seinen Unterhalt zu erwerben, mag sich um Beschäftigung wie ein Vollsinniger umtun und die ihm übertragenen Arbeiten, wenn dieselben kein besonderes Kopfzerbrechen erheischen, in befriedigender Weise selbständig ausführen. Andrerseits kann auch ein Normalbegabter infolge von Leichtsinn, Unstetheit, Genußsucht und Willensschwäche zu einem Taugenichts und damit sozial so unbrauchbar werden wie ein Schwachsinniger. In den schwer zu beurteilenden Grenzfällen müssen daher neben der eingehenden Untersuchung des Individuums dessen ganze Lebensgeschichte und seine Abstammungsverhältnisse für die Entscheidung herangezogen werden. Ausgeprägte erbliche Belastung spricht für, Mangel solcher gegen Schwachsinn. Aus der Lebensgeschichte wird ersichtlich, wie das Individuum auf verschiedene äußere Verhältnisse reagierte, welches Maß von Urteilsfähigkeit es nicht alltäglichen Vorkommnissen gegenüber bekundete. Von besonderer Wichtigkeit ist ferner das Vorhandensein anderer krankhafter Erscheinungen seitens des Nervensystems und körperlicher Mißbildungen. Der normale Beschränkte zeigt gewöhnlich weder in seiner körperlichen Entwicklung, noch auf seelischem Gebiete Anomalien; wenigstens sind solche bei ihm nicht häufiger als bei besser Begabten. Bei Schwachsinn finden sich dagegen sehr häufig neben dem Intelligenzdefekte andere krankhafte psychische und nervöse Erscheinungen, sowie verschiedene von jenen körperlichen Mängeln, die gemeinhin als Degenerationszeichen betrachtet werden (Mißbildungen des Schädels, der Ohren, des harten Gaumens, ungleiche Innervation der beiden Gesichtshälften, Schielen etc.).

Besonders häufig werden bei Schwachsinnigen auch Anomalien der Gemütssphäre angetroffen, einerseits übermäßige gemütliche Erregbarkeit und Neigung zu maßlosen Affekten, periodisch wiederkehrende Verstimmungszustände, andrerseits gemütliche Stumpfheit, insbesondere geringe Entwicklung oder Fehlen der ethischen Gefühle.3) Auch psychische Zwangserscheinungen (Zwangsimpulse und -triebe, Phobien etc.), sowie Anomalien des Trieblebens, speziell auf geschlechtlichem Gebiet, exzessiv gesteigerte Libido, Perversionen etc. kommen bei denselben nicht selten vor.

Bei alledem läßt sich nicht verkennen, daß in dem Grenzgebiete, in dem Beschränktheit und Schwachsinn ineinander übergehen, dem subjektiven Ermessen bezüglich dessen, was noch und was nicht mehr normal ist, ein zu weiter Spielraum gegeben ist. Wieweit hier die Auffassungen auseinandergehen, zeigt wohl am deutlichsten Folgendes: Während der englische Irrenarzt Tredgold erklärt, daß die Unfähigkeit, in der Volksschule Fortschritte zu machen, noch kein Zeichen geistigen Defektes sei, und sogar so weit geht, daß er auch Individuen, die nicht nur in der Schule nicht mitkommen, sondern in ihrem ganzen Verhalten einen gewissen Stumpfsinn bekunden, noch für geistig normal erachtet,4) halten es manche deutsche Psychiater nicht für ausgeschlossen, daß ein Schwachsinniger bis zur Prima an einem Gymnasium gelangt und das Reifezeugnis für die Universität erwirbt. Also auf der einen Seite der geistig Normale, der unfähig ist, Lesen und Schreiben einigermaßen zu lernen, und auf der anderen Seite der Schwachsinnige mit Gymnasialbildung. Dies zeigt meines Erachtens recht deutlich, daß das Gebiet der Beschränktheit, mit dem man so wohlbekannt zu sein glaubt, noch eingehenderer Durchforschung bedarf, wenn die Willkür in der Unterscheidung zwischen Normalem und Krankhaftem mehr, als bisher möglich war, ausgeschaltet werden soll.

 

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1) Wir haben schon an früherer Stelle auf die rechnerischen Leistungen Schwachsinniger hingewiesen. Bumke (Landläufige Irrtümer in der Beurteilung von Geisteskranken) erwähnt ebenfalls, daß selbst sehr Schwachsinnige mitunter ausgezeichnet rechnen.

2) Ziehen (Die Prinzipien und Methoden der Intelligenzprüfung, Berlin 1908) erwähnt in dieser Beziehung u. a. folgendes: Viele vollsinnige Berliner Arbeiter wissen vom Kriege 1870—71 fast nichts mehr. Von den Hauptstädten der einzelnen Länder haben manche keine Ahnung. Geschichtliche Personen werden in unglaublicher Weise verwechselt. Die Kenntnis des Einmaleins ist auch bei Vollsinnigen nicht immer vollständig. Speziell wird 7x8 öfters unrichtig angegeben. Die Zahl der Tage im Jahr und gar im Schaltjahr ist vielen vollsinnigen Individuen nicht bekannt. Antworten wie 250, 350, 360, 356 beweisen noch keinen Intelligenzdefekt.

3) In letzterem Fall spricht man von moralischem Schwachsinn. Der Intelligenzdefekt mag in diesen Fällen sehr gering sein.

4) "In fact", bemerkt Tredgold (Mental Deficiency, London 1908, Seite 142) inbezug auf die in Frage stehenden Kinder, "their whole demeanour and behaviour are characterized by a more or less dull stolidity. Here, again, I do not think the condition is necessarily one of mental defect; it is physiological, and not pathological, although undoubtedly it is the normal in its lowest mental form" (es ist der Normalzustand in seiner untersten geistigen Form).


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