[Die Spekulationsepidemien des 17. und 18. Jahrhunderts. Ähnliche Vorkommnisse in neuerer Zeit.]


Wie betörend und ansteckend die Suggestion raschen und mühelosen Gewinns, wenn in geschickter Form vorgebracht, auf die Menge wirkt, hierfür liefern schon die Spekulationsepidemien des 17. und 18. Jahrhunderts (die Tulpenmanie in Holland, der John Law-Schwindel in Frankreich und der South Sea Company Aktienschwindel in England), die den Ruin ungezählter Existenzen herbeiführten, recht auffällige Beweise. Die Tulpenmanie, die im Jahre 1634 in Holland um sich griff, ist die interessanteste unter den in Frage stehenden Epidemien, da sie uns zeigt, welch unglaubliches Maß von Verblendung die Gewinnsucht bei einem sonst nüchtern urteilenden Volk zu verursachen vermag. Um die genannte Zeit stieg der Preis der Tulpen in Holland erheblich, und alle Kreise der Bevölkerung fingen alsbald an, sich mit der Zucht und dem Handel von Tulpen zu befassen, worüber die gewohnten Geschäfte vielfach vernachlässigt wurden. Einzelne Tulpensorten erreichten rasch einen geradezu fabelhaften Wert. Man verkaufte die Zwiebel granweise zu demselben Preis, wie Diamanten. Eine Tulpe, "Admiral Liefken" geheißen, von einem Gewicht von ungefähr 400 Gran (perits) wurde auf 4400 Gulden gewertet, und der Preis von 5500 Gulden einer Tulpe "Semper Augustus", die nur 200 Gran wog, noch für billig gehalten. Man verkaufte Grundstücke, Häuser und die verschiedensten Habseligkeiten, um dafür Tulpen zu erwerben, und ein besonders kühner Spekulant gab für 40 Tulpen ein Kapital von 100 000 Gulden hin. Man erwartete, daß die in Holland grassierende Tulpenmanie auch die übrige Welt ergreifen und deren Gold nach Holland für die dort gezüchteten Tulpen fließen werde. Bei dieser extrem wahnwitzigen Spekulationsmanie konnte der Krach nicht lange ausbleiben. Als man das Törichte und Gefährliche dieses ganzen Tulpengeschäfts zu erkennen anfing, sanken die Preise der Tulpen noch viel rapider, als sie gestiegen waren, und der Ruin Unzähliger war die Folge.

Eine ähnliche, doch von minder törichten Vorstellungen ausgehende Spekulationsmanie suchte Frankreich im Jahre 1719 heim. John Law, der Gründer der Mississipi Company, welchem durch ein Regierungsedikt auch das Monopol des Handels nach Ostindien und der Südsee verliehen worden war, wußte durch die Inaussichtstellung einer Dividende von 120% für die von der Gesellschaft ausgegebenen Aktien die besitzenden Kreise derart zu kötern, daß man sich um den Besitz von Aktien förmlich riß. Als 50 000 neue Anteilscheine auf den Markt gebracht wurden, fanden sich hiefür 300 000 Abnehmer. Man bestürmte Law förmlich um Anteilscheine, und Personen aus den höchsten Ständen, Herzoge, Grafen und deren Frauen warteten stundenlang auf der Straße, um Bescheid auf ihre Gesuche um Aktien zu erhalten. Die Preise der letzteren stiegen ungeheuer, und das Spekulationsfieber verbreitete sich, da man von den Unternehmungen der Company ganz ungeheuere Gewinne erwartete, in allen Kreisen der Bevölkerung. Die Reaktion ließ auch hier nicht allzulange auf sich warten. Die geträumten Gewinne blieben natürlich aus, und die so viel begehrten Aktien wurden wertlos.

Durch ähnliche, schwindelhafte Versprechungen, wie die Mississipi Company in Frankreich, erzeugte die South Sea Company in England im Jahre 1720 eine Spekulationsepidemie. Jedes in Aktien der Gesellschaft angelegte Kapital sollte einen Gewinn von mehreren Hundert Prozent bringen. Die Direktoren der Gesellschaft hatten der Leichtgläubigkeit des Publikums nicht zu viel zugemutet. Ihre Aktien fanden reißenden Absatz, und die Spekulation mit denselben erreichte riesige Dimensionen. Der Erfolg der South Sea Company wirkte ansteckend. Neue Gesellschaften, die sich mit den lächerlichsten Projekten befaßten1), schossen wie Pilze empor. auch deren Aktien fanden Abnehmer. Als die Aktien der South Sea Company auf 1000 gestiegen waren, folgte der Zusammenbruch, der die gleichen Folgen wie die erwähnten Epidemien in Holland und Frankreich hatte.

An ähnlichen Vorkommnissen auf wirtschaftlichem Gebiet, nur von geringerer Bedeutung, hat es auch in neuerer Zeit nicht gefehlt. So blühte in München in den 70er Jahren der sogenannte Dachauerbankschwindel. Eine Abenteuerin namens Adele Spitzeder verstand es, durch das Versprechen hoher Zinsen und Provisionen eine Anzahl von Personen, zumeist aus den unteren Ständen, zu veranlassen, ihr größere oder kleinere Beträge zu leihen. Das Gerücht von den zugesicherten hohen Gewinnen verbreitete sich alsbald und bewog eine große Anzahl weiterer Personen, ohne nähere Prüfung des Sachverhaltes, der Schwindlerin größere Summen, zum Teil selbst ihr ganzes Vermögen anzuvertrauen; man drängte ihr das Geld förmlich auf. Die Vertrauensseligen haben von dem Hingegebenen nur sehr wenig mehr gesehen.

Ähnlich hatte in Frankreich der Umstand, daß viele Personen ihr Vermögen in Bontoux-Aktien anlegten, die Folge, daß eine Unzahl anderer aus Gewinnsucht das Gleiche taten und ihre Torheit mit dem Verlust des angelegten Kapitals büßen mußten.

 

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1) Solche Projekte waren z. B.: Herstellung eines Rads für ein Perpetuum mobile, die Umwandlung des Quecksilbers in ein schmiedbares Metall, die Gewinnung von Silber aus Blei.


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