[Gestaltung religiöser Vorstellungen unter dem Einfluss der Dummheit. Beispiele.]


Man erschrecke nicht! Ich beabsichtige, hier weder die Glaubenslehren der verschiedenen Konfessionen einer Kritik zu unterziehen, noch mich mit den Beziehungen zwischen Intelligenz und Glauben zu beschäftigen, obwohl dies ein verlockendes Thema wäre. Es muß mir hier genügen, mit einigen knappen Strichen zu zeigen, welche Früchte die Dummheit auf religiösem Gebiet zeitigt, d. h. welche Gestaltungen religiöse Vorstellungen, die nicht einer einzelnen Konfession angehören, sondern gewissermaßen religiöses Gemeingut bilden, unter dem Einfluss der Dummheit annehmen.

Zunächst einige Beispiele: Einer beschränkten älteren Frau, die mit einer an Tuberkulose Erkrankten zusammenwohnt, wird von befreundeter Seite der Rat erteilt, sie möge doch wegen der vorhandenen Infektionsgefahr nicht aus einem Glas mit der Kranken trinken, nicht dasselbe Besteck, wie diese benutzen etc. Die Frau erwidert: "Das ist Dummheit. Wenn Gott nicht will, daß ich krank werde, bleibe ich gesund und wenn er mir die Lungenschwindsucht schicken will, nützt es mir auch nichts, wenn ich aus dem Glas nicht trinke". Ein frommes Bäuerlein wird von einem Schullehrer auf die Vorteile der Versicherung gegen Hagelschaden hingewiesen und ist bereit, eine solche Versicherung einzugehen. Seine Frau widersetzt sich dem jedoch mit Entschiedenheit, indem sie bemerkt, sie hätten bisher keine solche Versicherung gehabt und brauchten auch in Zukunft keine solche. Wenn es Gottes Wille sei, daß sie künftig von Hagelschaden verschont bleiben, so werde es geschehen und wenn Gott sie nicht verschonen wolle, müßten sie es auch ertragen. Die Versicherung unterblieb auch.

Der Besitzer einer Villa in Tirol kam zu dem Entschluss, auf seinem Grundbesitz eine Bewässerungsanlage einzurichten, und trat mit zwei Bauern, deren Grundstücke an die seinigen grenzten, in Unterhandlung wegen Beteiligung an dem Unternehmen, welches auch den letzteren große Vorteile bringen mußte. Ein Kapuziner, der zufällig dazu kam, als die Verhandlungen im Gange waren, erklärte den Bauern mit aller Entschiedenheit: "Aus der Sache wird nichts. Wenn Gott Euch was wachsen lassen will, geschieht's, und wenn er nicht will, geschieht es nicht. Ihr habt dagegen nichts zu tun." Die Bemerkungen des frommen Paters verfehlten auch ihren Eindruck bei den Bauern nicht, diese verzichteten auf die Beteiligung an der Bewässerungsanlage.1)

Die Ideen, daß man, um Gesundheit und Leben zu schützen, keine Vorsicht gebrauchen dürfe, daß eine Versicherung gegen Vermögensverluste durch Naturereignisse überflüssig sei, daß man sich nicht zu bemühen habe, um seine materielle Lage zu verbessern, da alles vom Willen Gottes abhänge, gehören keiner der bei uns vertretenen Konfessionen an. Alle stimmen in dem Satz überein: "Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott." Nur auf dem Boden der Beschränktheit kann die Idee reifen, es sei Gottes Wille, daß der Mensch sich nicht gegen Krankheit und materiellen Schaden schütze, daß er nichts aus eigener Kraft zur Verbesserung seiner Lage tue. Die Erfahrung spricht ja auch zu deutlich für die Haltlosigkeit derartiger Anschauungen. Es zeigt sich überall, daß derjenige einer Gefahr eher entgeht, der Vorkehrungen gegen dieselbe trifft, als derjenige, der Gott allein die Abwendung der Gefahr überläßt. Ebenso kann man sich allerorten davon überzeugen, daß derjenige, welcher an der Verbesserung seiner Lage arbeitet, eher emporkommt, als derjenige, der im Vertrauen auf Gott die Hände in den Schoß legt. Die Beschränktheit seines geistigen Horizonts verhindert den Dummen, diese Erfahrungen in Rechnung zu ziehen, und so kommt er zu dem Trugschluss, daß Vorsicht und Arbeit überflüssig seien, da des Menschen Geschick ja doch nur von Gott abhänge. Noch törichter ist natürlich die von dem erwähnten Kapuziner vertretene Idee, daß der Versuch des Menschen, den Ertrag seiner Arbeit durch besondere Vorkehrungen zu erhöhen, eine Auflehnung gegen Gottes Willen bedeute. Es liegt nahe, daß durch die Verbreitung und Nährung derartiger Vorstellungen einer gutgläubigen und wenig intelligenten Landbevölkerung unberechenbarer Schaden zugefügt werden kann, da hierdurch jedes Streben, durch rationelleren Wirtschaftsbetrieb bessere Erträgnisse zu erzielen, erstickt wird.

 

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1) Der Fall wurde mir gelegentlich von absolut zuverlässiger Seite mitgeteilt. Der Besitzer der Villa ist eine bekannte Münchener Persönlichkeit.


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Seite zuletzt aktualisiert: 12.12.2009 
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