[Übertriebene Schätzung des Reichtums, von Titeln, Orden, Abkunft, Adelsprädikaten. Das Streben nach gesellschaftlichen Konnexionen. Enttäuschungen hierbei.]


In unserem gesellschaftlichen Leben begegnen wir einer Reihe von Erscheinungen, die, obwohl in allen Schichten der Gesellschaft, auch in den gebildetsten anzutreffen, doch nur als Ausfluß einer intellektuellen Schwäche zu betrachten sind.

Die übertriebene Schätzung des Reichtums ist hier nicht die auffälligste und bedauerlichste Erscheinung. Geld ist etwas sehr Reelles und bedeutet einen Machtfaktor, der sich in allen Sphären des privaten wie öffentlichen Lebens geltend macht, und, wenn auch der Besitz allein schon in den Augen Vieler Ansehen verleiht, und man es bei uns nicht verschmäht hat, einem reich gewordenen Bierbrauer einen Platz in der Ruhmeshalle zu gewähren, so gibt es doch auch wieder andere, bedächtige Leute, denen das Vermögen an sich nicht imponiert. Einem tieferen intellektuellen Niveau entspringend, d. h. weniger entschuldbar ist die übertriebene Schätzung reiner Äußerlichkeiten, wie Titel, Orden, Zugehörigkeit zu einer Korporation, Abkunft, Verkehr usw. Es ist wohl begreiflich, daß unter dem monarchisch bürokratischen Regime, das hinter uns liegt, angesichts der Gepflogenheit, daß man anerkannte Verdienste durch die Verleihung von Titeln und Orden zu belohnen suchte, namentlich in Beamten- und Gelehrtenkreisen auf den Besitz oder die Erlangung derartiger Auszeichnungen Gewicht gelegt wurde. Allein der verständig und nüchtern Urteilende mußte wissen, daß die fraglichen Auszeichnungen nicht lediglich dem Verdienst zu Teil wurden, sondern in vielen Fällen nur den Charakter von Gunstbezeugungen seitens vorgesetzter oder hochstehender Persönlichkeiten mitunter (so namentlich bei Fürstlichkeitsbesuchen) auch nur die Bedeutung eines Höflichkeitsaktes gegen Dritte oder eines Trinkgeldes besaß. Dieser Tatbestand, sowie der Umstand, daß keineswegs selten Männern von hohen Verdiensten jede Anerkennung in der in Rede stehenden Weise versagt blieb, hätte jedem sonst einigermaßen verständigen Staatsdiener darüber trösten müssen, wenn die Leere seines Knopfloches noch fortbestand zu einer Zeit, in der er auf Verleihung einer höchsten Auszeichnung rechnen zu dürfen glaubte. Allein dies war keineswegs immer der Fall, und die Betrübnis war oft recht groß, wenn die Liste der Neujahrsauszeichnungen nicht das Ersehnte brachte. Die Schätzung der Orden dürfte, da solche nicht mehr verliehen werden und auch nicht mehr getragen werden können, gegenwärtig bei uns sehr gesunken sein, während die Titel, und zwar auch solche, die auf keinerlei Verdienst zurückgeführt werden können, noch immer sehr in Ansehen stehen und auch von den Inhabern nicht gering geschätzt werden, so namentlich die Exzellenz, die zum Teil nur das Appendix gewisser Stellungen bildete, auch lediglich als Äußerung von Hofgunst verliehen wurde. Man kann dem entgegenhalten, daß auch geistig hervorragende Männer, bei denen man kaum eine Urteilsschwäche annehmen kann, auf die ihnen vom Monarchen verliehenen Auszeichnungen vielfach kein geringes Gewicht legten. Dies ist zweifellos richtig, jedoch auf den Umstand zurückzuführen, daß auch hohe Intelligenz vor Eitelkeit nicht schützt. Auch Goethe, der bei seinem Dichterruhm gewiß keinen Grund hatte, fürstlichen Anerkennungen irgend welche Bedeutung beizulegen, betrachtete seinen Exzellenztitel als etwas, was seine Stellung nach außen hob, weil er trotz seiner geistigen Größe von einer gewissen Eitelkeit nicht ganz frei war.

Ähnlich verhält es sich mit der Schätzung des Adels und gewisser gesellschaftlicher Kreise, in welchen dieser eine Rolle spielt. Es hat zweifellos eine gewisse Berechtigung, wenn ein Mensch auf seine Abkunft von Vorfahren, die sich Verdienste erwarben und angesehene Stellungen bekleideten, Wert legt. Man kann es auch verstehen, daß bei unseren heutigen gesellschaftlichen Gepflogenheiten und Anschauungen die Besitzer von Adelsprädikaten in diesen einen Vorzug erblicken, der sie der Masse gegenüber auszeichnet. Allein die Anschauung, der man zuweilen in aristokratischen Kreisen begegnet, daß der Mensch eigentlich erst beim Baron beginne und der Adelige kraft seiner Abkunft ein Wesen von feinerer oder höherer Organisation als das gemeine bürgerliche Pack repräsentiere, kann nur als Ausfluß von Urteilsschwäche erachtet werden. Intelligentere Angehörige der Aristokratie sind von solchen Ansichten in der Regel frei. Die übermäßige Schätzung des Adels seitens einzelner Angehöriger der Aristokratie spielte jedoch bis in die jüngste Zeit in gesellschaftlicher Hinsicht eine geringere Rolle, als die übertriebene Wertung des Adels in gewissen bürgerlichen Kreisen. Zahlreiche Angehörige der Geschäftswelt, Bankiers, Kaufleute, Industrielle glaubten, nachdem sie es zu bedeutenden materiellen Erfolgen gebracht hatten, ihr Ansehen dadurch zu erhöhen, daß sie sich Zutritt in gewisse exklusive Kreise, in welchen der Adel mehr oder minder den Ton angab, verschafften. Bei diesen Bestrebungen spielte meist die Eitelkeit der Gattin eine wesentliche Rolle, der Frau, für die der Verkehr mit dem exklusiven Kreise fast einer Adelung gleichkam und die gelegentliche Ansprache einer Prinzessin die Bedeutung eines Ordens besaß. Es war daher natürlich, daß man sich ernstlich bemühte, durch Connexionen solcher Ehren teilhaftig zu werden, und deshalb den Verkehr mit Herrn oder Frau v. X. und anderen Persönlichkeiten eifrigst pflegte, von deren Einfluß man die Erfüllung des so heiß gehegten Wunsches erwarten konnte. Es war auch selbstverständlich, daß man an Bazars und ähnlichen Veranstaltungen, die von der Creme der Gesellschaft besucht wurden, stets lebhaftesten, oft mit Opfern verbundenen Anteil nahm. Diese Bemühungen hatten nicht immer das gewünschte Resultat. Die Frau des Fabrikanten oder Bankier Soundso mußte früher oder später gelegentlich erfahren, namentlich wenn ihre Bildung gewisse Mängel aufwies, daß die Damen der von ihr so hoch geschätzten Gesellschaft sich nicht gerade sehr günstig über sie äußerten und manche derselben sie geradezu als einen Eindringling erachteten, von dem man sich tunlichst fern halten müsse. Dies konnte nicht verfehlen, bei der so Enttäuschten die Meinung über den Wert des Verkehrs mit dem exklusiven Kreise sehr herabzuschrauben und ihr die Überzeugung beizubringen, daß es eine Torheit war, wenn sie sich in denselben einzudrängen versuchte.

Das törichte Bestreben, in einen als höher erachteten gesellschaftlichen Kreis zu gelangen, hat aber nicht ganz selten noch erheblich ungünstigere Folgen. Durch Eitelkeit verblendete Eltern glauben mitunter ihr Ansehen dadurch zu erhöhen, daß sie eine Tochter an den Träger eines adeligen Namens verheiraten, dessen persönliche Eigenschaften und Stellung sie nicht entfernt veranlassen würden, ihn zum Schwiegersohn zu wählen, wenn er nicht den Vorzug der adeligen Abkunft besäße. Die Tochter, die von Eitelkeit der Eltern mehr oder minder angesteckt wurde, muß dann meist durch ein verfehltes Leben für die Torheit ihrer Eltern büßen.


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