[Die verschiedenen Quellen der Dummheit in der äußeren Politik der Einzelstaaten. Beispiele.]


Mit einer Geschichte der Dummheiten, die auf dem Gebiet der Politik schon begangen wurden, ließe sich leicht eine Reihe von Bänden füllen. Man kann ja getrost behaupten, ein großer Teil dessen, was man die Weltgeschichte nennt, ist lediglich eine Geschichte politischer Dummheiten. Wir müssen uns hier begnügen, einen flüchtigen Blick auf die hierher gehörigen Vorkommnisse der neuesten Zeit zu werfen. Die Dummheiten, die in der Politik der Einzelstaaten zutage treten, haben wie früher auch gegenwärtig noch mehrere Quellen. Sie können lediglich von den Regierenden ausgehen. In diesem Falle gilt noch immer der alte Horazsche Satz: Quidquid delirant reges, plectuntur Argivi, nur daß gegenwärtig die Argiver, wenigstens in den konstitutionellen Staaten, sich nicht auf das Beklagen beschränken, sondern in der Presse und in den Parlamenten gegen das Verübte gewöhnlich remonstrieren und, soferne es möglich ist, die verantwortlichen Faktoren zur Rechenschaft ziehen. Die fraglichen Dummheiten können aber auch lediglich den Regierten, dem Volke, zur Last fallen oder aus einem Zusammenwirken von Regierung und Volk hervorgehen.

Die Beispiele, welche wir hier folgen lassen, werden die Verschiedenheiten in der Provenienz der politischen Dummheiten der Einzelstaaten illustrieren.

Der Krieg, den das kleine Serbien gegen die Türkei 1876 unternahm, und der zur völligen Eroberung desLandes durch die Türken geführt hätte, wenn nicht Rußland den Serben zu Hilfe gekommen wäre, war eine politische Dummheit, an der Regierung und Volk gleichen Anteil hatten.

Der unglückliche Feldzug, den Italien gegen Abessinien unternahm, war dagegen im wesentlichen eine Dummheit der Regierenden, da die Masse des italienischen Volkes dem abessinischen Abenteuer abhold war.

Die provozierende Haltung, durch welche das kleine Griechenland 1897 die Türkei zur Kriegserklärung nötigte, war hinwiederum eine politische Dummheit, an der Volk und Regierung in gleichem Maße partizipierten. Nationaler Größenwahn hatte die Massen, wie die Regierenden betört und erst der unglückliche Ausgang des leichtfertig angezettelten Krieges konnte die Griechen zur Erkenntnis ihrer militärischen Unzulänglichkeit der Türkei gegenüber bringen.

In Frankreich war der Krieg 1870 eine politische Dummheit, die zunächst zwar von der Regierung ausging, aber von den Massen gutgeheißen wurde.

Spanien hat für die törichte Politik, die seine Regierung in Kuba verfolgte, nicht nur mit dem Verlust dieser überaus wertvollen Kolonie, sondern auch mit dem der Philippinen büßen müssen.

Die meisten und verhängnisvollsten Dummheiten auf dem Gebiet der Politik waren jedoch in neuerer Zeit Deutschland vorbehalten; man darf nur die Verhältnisse Deutschlands nach dem Frankfurter Frieden 1871 mit denen nach dem Versailler Frieden vergleichen, und man wird sich der Überzeugung nicht verschließen können, daß ein so gewaltiger Sturz von der Höhe politischer Macht in die Tiefe der Erniedrigung und Machtlosigkeit nicht eingetreten wäre, wenn die Geschicke Deutschlands annähernd mit der Umsicht geleitetworden wären, welche die Lage des Reiches erforderte. Allein es war das Verhängnis unseres Vaterlandes, daß auf Wilhelm I., der einem Meister der Staatskunst Bismarck die Zügel der Regierung überließ, Wilhelm II. folgte, ein Monarch, der in maßloser Selbstüberschätzung die Politik des deutschen Reiches nach eigenen Heften zu leiten unfernahm, obwohl er der Befähigung hierzu ganz und gar ermangelte. Die Ungunst dieser Sachlage wurde noch dadurch erhöht, daß die Umgebung des Kaisers seinen Dünkel steigerte und das preußische Regierungssystem nicht geeignet war, für die Besetzung der wichtigsten diplomatischen Posten besonders befähigte Köpfe heranzuziehen. Von den politischen Dummheiten, die deutscherseits unter Wilhelm II. Regierung gemacht wurden, fällt nur eine im wesentlichen unserem Volk zur Last: Die lebhafte Sympathie, die man während des Burenkrieges für die Buren bekundete und die damit zusammenhängende unfreundliche Gesinnung gegen England. Es war dies reine Gefühlspolitik, und das Gefühl hatte hier wie so oft der besseren Einsicht den Weg versperrt. Alles übrige an politischen Dummheiten Geleistete ist ausschließlich oder wenigstens in erster Linie dem Kaiser und seiner Regierung zuzuschreiben. Wir müssen uns hier darauf beschränken, einige wenige besonders prägnante Beispiele anzuführen. Hierher gehört: die Glückwunschdepesche an den Präsidenten Krüger nach dem mißglückten Einfall Jameson's, die ganz unnötig war, aber in England das größte Ärgernis erregte; der operettenhafte Besuch in Tanger, bei welchem der Kaiser die Unabhängigkeit Marokko's und seines Sultans ausdrücklich anerkannte, nachdem durch ein Abkommen zwischen Frankreich und England Marokko bereits Frankreich zugeteilt worden war; sein Vorgehen hatte demnach die Bedeutung einer feindseligen Handlung gegen diese beiden Staaten, mit denen er jedoch in Frieden bleiben wollte. Hierher gehören ferner die im Daily Telegraph 1908 mit seiner Zustimmung veröffentlichten weitgehenden Erklärungen über sein Verhalten gegen England, durch welche die gespannten Beziehungen zu diesem Staat gebessert werden sollten, tatsächlich jedoch ein Entrüstungssturm in der englischen Presse hervorgerufen wurde 1). Von den Vorgängen im Juli 1914 sei nur erwähnt, daß der Kaiser, während er bemüht war, den Frieden zu erhalten, seine Regierung nicht verhinderte, das Wiener-Kabinett zu seinem brüsken Vorgehen gegen Serbien zu ermutigen, obwohl er wissen mußte, daß Serbien durch Rußland gedeckt war, das nur auf eine Gelegenheit zum Angriff auf Deutschland und Österreich wartete; endlich daß man bis in die letzten Julitage auf die Neutralität Englands baute, die, nach den seitens dieses Staates mit Frankreich und Rußland getroffenen Vereinbarungen so gut wie ausgeschlossen war.

 

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1) Die in Frage stehenden Äußerungen wurden vom Kaiser nicht in einem Interview mit einem hervorragenden Engländer, wie man früher annahm, sondern einer Mehrzahl von Personen gegenüber in England gemacht und von einem englischen Publizisten zusammengefaßt. Auch im deutschen Reichstag erfuhr die in Frage stehende Veröffentlichung die schärfste Mißbilligung.


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