[Geringschätzung der Philosophie und Psychologie seitens wissenschaftlich Gebildeter. Die Urteilsschwäche der gelehrten und ungelehrten Anhänger des Spiritismus. Lapponis Auffassung. Kants Äusserungen über das Geistersehen.]


In den Kreisen der wissenschaftlich Gebildeten begegnet man häufig Leuten, die sich nie mit irgendwelchen philosophischen Studien beschäftigten und sich dennoch für berechtigt erachten, auf alles, was Philosophie heißt, mit souveräner Geringschätzung herabzusehen. Philosophie treiben heißt für sie "leeres Stroh dreschen", und sie befassen sich nur mit Dingen von praktischer Bedeutung. Mit der gleichen Geringschätzung, wie auf die Philosophie, sehen manche, denen für ihre Berufstätigkeit gewisse Kenntnise auf dem Gebiet der Psychologie sehr nützlich wären, auf diese Disziplin herab. Sie ist ihnen lediglich graue Theorie, deren sie ohne Nachteil entraten können. Ihre Menschenkenntnis und Lebenserfahrung genügt ihnen völlig, wenn es sich um die Beurteilung seelischer Vorgänge handelt. Es ist zwar genau so, als wenn jemand die Leistungen eines komplizierten elektrischen Apparates, sagen wir einer Dynamomaschine, verstehen wollte, der mit den Grundbegriffen der Elektrizitätslehre nicht vertraut ist. Aber wenn es sich um die menschliche Seele handelt, da ist die Sache natürlich einfacher, da genügt eine gewisse Dosis von Mutterwitz und Erfahrung, um die kompliziertesten Zusammenhänge zu verstehen.

Unter den Philosophen hinwiederum finden sich manche, die jede Beschäftigung mit den sogenannten okkulten Erscheinungen ablehnen. Ihr Urteil über dieses Gebiet ist ohne Studium des Tatsächlichen fertig und lautet einfach: Schwindel und Selbsttäuschung. Auf der anderen Seite treffen wir bei den Anhängern des Okkultismus und Spiritismus häufig eine Leichtgläubigkeit und Kritiklosigkeit, welche die plumpesten Täuschungen seitens der Medien ermöglicht. Besonders bemerkenswert ist jedoch der Umstand, daß unter den Anhängern des Spiritismus sich zahlreiche sehr intelligente und gebildete Personen, auch einzelne hervorragende Gelehrte (Crookes, Lombroso, Flamarion, Wallace) finden, welche in Sachen des Geisterglaubens eine Urteilsschwäche bekunden, die man nach ihren wissenschaftlichen Leistungen ihnen nicht zutrauen möchte. Die ganze spiritistische Lehre ist — und dies gilt von dem populären wie von dem wissenschaftlichen Spiritismus — ein Produkt der Kritiklosigkeit und Leichtgläubigkeit, und selbst die Besonnensten unter den Anhängern dieser Lehre unterscheiden sich von den Blindgläubigen lediglich durch einen geringeren Grad dieser Eigenschaften. Lapponi, der Leibarzt zweier Päpste, hat in seinem Werke "Hypnotismus und Spiritismus" die Stellung des Spiritismus in treffender Weise gekennzeichnet, allerdings ohne die Tragweite seiner Erklärungen zu erkennen, indem er bemerkt: "Vom Standpunkte der dargelegten Kritiken betrachtet, wären wir auf dem Wege, den Spiritismus mit der alten Magie und mit der Nekromantie der alten Zeiten zu identifizieren. Wenn einer uns diese Bemerkung machen will, haben wir nichts dagegen einzuwenden. Wir möchten sogar erklären, daß zwischen der Magie und der Nekromantie der vergangenen Zeiten und dem Spiritismus von heutzutage kein wesentlicher Unterschied ist, und wir möchten sogar auf deren Identität schließen."

Die Identität des Spiritismus mit der Magie und der Nekromantie der Alten, die Lapponi in seiner Naivität ohne weiteres zugibt, besagt für den nüchtern Denkenden mehr, als lange Ausführungen vermöchten. Aber die Magie und die Nekromantie bedeuteten für die sich damit Befassenden vor Jahrtausenden keine geistige Verirrung, wie der Spiritismus für die lebende Generation, da der Glaube an das Eingreifen übersinnlicher Wesen in die irdischen Vorgänge und an das Vermögen des Menschen, übernatürliche Kräfte zu erlangen, nichts in sich barg, was der Naturkenntnis jener Zeit zuwider lief. Es ist auch sehr beachtenswert, daß die unsagbar läppischen Dinge, welche die Spirits in den spiritistischen Sitzungen häufig trieben, selbst sehr intelligente Personen, z. B. den verstorbenen du Prel, in ihrem Glauben an diese Wesen nicht zu beirren vermochten. Heutzutage dürften immer noch für diejenigen, die irgend eine Kenntnis von einer Geisterwelt zu besitzen glauben, die treffenden Bemerkungen Kants ("Träume eines Geistersehers" erläutert durch Träume der Metaphysik, Geltung besitzen: "Wenn indessen die Vorteile und Nachteile ineinander gerechnet, die demjenigen erwachsen können, der nicht allein für die sichtbare Welt, sondern auch für die unsichtbare in gewissen Graden organisiert ist (wofern es jemals einen solchen gegeben hat), so scheint ein Geschenk von dieser Art demjenigen gleich zu sein, womit Juno den Tiresias beehrte, die ihn zuvor blind machte, damit sie ihm die Gabe zu weissagen erteilen könnte. Denn, nach den obigen Sätzen zu urteilen, kann die anschauende Kenntnis der anderen Welt allhier nur erlangt werden, indem man etwas von demjenigen Verstand einbüßt, welchen man für die gegenwärtige nötig hat"1).

 

__________________

1) Es ist bemerkenswert und bezeichnend, daß der Spiritismus in neuerer Zeit auch im streng katholischen Lager mehr und mehr Anhänger fand. So hat der Jesuit Pater Franco eine Studie veröffentlicht, in welcher er mit Entschiedenheit für den Spiritismus eintritt und sich zu der Behauptung versteigt, baß heutzutage eigentlich nur noch wenige beschränkte Köpfe die Wahrheit der spiritistischen Lehre leugnen. Um über meinen eigenen Standpunkt in der Frage keinen Zweifel aufkommen zu lassen, sei mir gestattet, die Schlußbemerkungen meiner Schrift "Somnambulismus und Spiritismus", 2. Auflage 1907, hier anzuführen: Die wissenschaftliche Beschäftigung mit den sogenannten okkulten Phänomen, welche der Spiritismus als seine Domäne betrachtete, hat, wie wir im Vorhergehenden zeigten, schon Vieles dazu beigetragen, den Schleier des Mystischen von einer Reihe von Tatsachen zu entfernen, die von spiritistischer Seite zugunsten ihrer Anschauungen verwertet wurden. Es ist zu erwarten, daß es ernster wissenschaftlicher Forschung gelingen wirö, im Laufe der Zeit mehr und mehr von jenen materiellen mediumistischen Phänomenen, die uns heute so rätselhaft erscheinen, in den Zusammenhang der Naturvorgänge einzufügen und badurch wenigstens in den Kreisen der Gebildeten der Ausbreitung des Spiritismus einen Damm zu setzen.


 © textlog.de 2004 • 20.10.2017 21:45:29 •
Seite zuletzt aktualisiert: 13.12.2009 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright