[Größere Häufigkeit beschränkter Köpfe unter den Gelehrten des Mittelalters. Einfluß der Scholastik. Verschiedene Auffassungen über die Leistungen des scholastischen Systems. Eigene Ansicht. Beispiele der Themata scholastischer Abhandlungen. Nachteiliger Einfluß des scholastischen Systems auf das Urteilsvermögen.]


Beschränkte Köpfe unter den Gelehrten hat es zu allen Zeiten gegeben, solange man von Gelehrsamkeit überhaupt etwas weiß. Es hat jedoch den Anschein, als ob die Zahl dieser intellektuell Minderwertigen unter den Gelehrten früher bedeutender war, als gegenwärtig, und insbesondere im Mittelalter, in dem gelehrte Bildung fast nur in den Kreisen des Klerus sich fand, reichlich vertreten war. In der Atmosphäre geistiger Stagnation, welche das Mittelalter repräsentiert, und auf dem Boden der Scholastik hat die beschränkte Gelehrsamkeit, oder wie man auch sagen kann, die gelehrte Dummheit, die köstlichsten und bizarrsten Früchte gezeitigt. Das System der Scholastik, welches der Philosophie als Magd der Theologie die Aufgabe stellte, das Dogma vernunftgemäß zu erklären, dabei die Gelehrten in dem Bann aristotelischer Lehren festhielt und jedes freie Denken perhorreszierte, dafür aber auf dialektische Haarspaltereien das größte Gewicht legte, dieses System war in besonderem Maße geeignet, auch beschränkten Köpfen einen Anreiz zu geben, ihr schwaches Licht leuchten zu lassen. Der Satz Anselms von Canterbury "Credo ut intelligam", der zum Leitmotiv der ganzen Scholastik wurde, ist so recht bezeichnend für das Widersinnige, mit dem sich diese sogenannte Philosophie abmühte. Indes wird der intellektuelle Wert der Scholastik in neuerer Zeit verschieden beurteilt. Während die einen auf die Spitzfindigkeiten und Haarspaltereien, die absurden Quästionen und Distinktionen, mit denen sich die Scholastiker in den weitschweifigsten Abhandlungen beschäftigten, hinweisen und sich deshalb für berechtigt erachten, das ganze System als eine Art von gelehrtem Unsinn hinzustellen, glauben andere, der Scholastik einen günstigen Einfluß auf den Stand der Intelligenz im Mittelalter nicht absprechen zu dürfen. Nach ihrer Ansicht sind all die absurden Fragen und zwecklosen Grübeleien und Tüfteleien in der Scholastik nebensächlich und zudem Ausfluß eines Forschungstriebes, der sich auf andere Weise nicht betätigen konnte, das System der Scholastik selbst dagegen ein sehr achtbares Geisteswerk, dessen Ausbau die Geister in reger Bewegung erhielt und dazu diente, das Denkvermögen zu steigern.

Ich kann mich mit dieser Auffassung nicht befreunden. Nicht nur der absolut geistlose Kleinkram, an dessen dialektische Bearbeitung die Scholastiker Zeit und Mühe verschwendeten, auch der durch Jahrhunderte sich hinziehende Streit über das Hauptproblem der Scholastik, ob die Allgemeinvorstellungen (Begriffe) eine selbständige Existenz — ante-res — besitzen oder lediglich Produkte der Abstraktion (nomina) seien, der Streit der Realisten und Nominalisten weist darauf hin, daß die intellektuelle Leistung der Scholastik als solche nicht hoch einzuschätzen ist. Zugegeben muß werden, daß unter den Scholastikern sich einzelne Männer von hervorragendem Verstand und umfassender Bildung befanden und selbst ein wirklich genialer Forscher (Roger Bacon) zu denselben zählt. Allein die positiven Leistungen und Verdienste dieser Männer liegen in anderen Richtungen, besonders auf dem Gebiet der Naturwissenschaft, nicht dem der Scholastik.

Über die absonderlichen und lächerlichen Fragen, welchen die Scholastiker Abhandlungen widmeten, erhält man in den Werken über Geschichte der Philosophie keine Auskunft. Man muß sich an die Sammlung von Kuriositäten wenden, wie sie z. B. Weber's "Demokritos" enthält, um zu ersehen, welche Nichtigkeiten als Objekte gelehrter Erörterungen gewählt wurden. Es seien hier einige Beispiele angeführt: Hat die Ziege Wolle oder Borsten? Steht oder liegt Gott Vater? Kann er einen Berg ohne Tal schaffen? Tanzen die Engel Menuett oder Langaus? War es Luzifer, der den ersten Purzelbaum schlug? Was man in der Hölle treibe und bis zu welchem Thermometergrad die Hitze gehe? Die Wiedergeburt der alten klassischen Literatur führte zwar zur Beseitigung der Scholastik als philosophisches System, konnte jedoch den scholastischen Geist aus der Gelehrtenwelt nicht ganz entfernen.

Was nun den von manchen Seiten dem scholastischen System zugeschriebenen günstigen Einfluß auf das Denkvermögen betrifft, so wollen wir nicht in Abrede stellen, daß die literarischen Leistungen der Scholastiker sowie ihre Disputationen eine gewisse Übung des Denkvermögens mit sich brachten. Allein diese Übung war eine sehr einseitige; sie hat den Geist in dialektischen Subtilitäten und begrifflichen Spitzfindigkeiten gedrillt, den Sinn für die Wirklichkeit dagegen herabgedrückt, die Unterscheidung von Sein und Schein, von Wahrheit und Trug, von Wesentlichem und Unwesentlichem, von Möglichkeit und Gewißheit nicht gefördert, sondern eher erschwert und dadurch eine allgemeine oder partielle Urteilsschwäche bei den Gelehrten und Gebildeten herbeigeführt. Einen unwiderleglichen Beweis hiefür bildet die Ausbreitung und Andauer der Hexenprozesse, auf die wir noch zu sprechen kommen werden. Die ungünstige Einwirkung, welche die Scholastik auf das Urteilsvermögen äußerte, macht es verständlich, daß auch die Wiedergeburt des klassischen Altertums, wenn sie auch zum Verfall der scholastischen Philosophie führte, doch nicht imstande war, den scholastischen Geist aus der Gelehrtenwelt zu entfernen. Das Haften an den untergeordnetsten Kleinigkeiten und an überlieferten alten Formeln, das Zusammentragen aller möglichen Ansichten über einen Gegenstand, die rein dialektische, in den feinsten Subtilitäten sich ergehende Behandlung von Fragen, die nur auf dem Wege der Erfahrung zu lösen oder überhaupt gegenstandslos sind, dies wurde noch immer vielfach als Zeichen echter Gelehrsamkeit angesehen. Damit hängt es zusammen, daß man auf die Dickleibigkeit der verfaßten Bücher ein besonderes Gewicht legte und auf die Behandlung der absonderlichsten Themata verfiel1).

 

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1) So führt, um einige Beispiele zu geben, Weber (Demokritos) an, daß Salmasius eine Abhandlung über die goldenen Äpfel der Hesperiden schrieb, in welcher er zu dem Schluss gelangte, daß es sich um Pomeranzen handle, und Apinius eine Dissertation über das Thema verfaßte, ob es recht sei, den Hunden die Ohren zu stutzen.


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