[Verdummende Milieueinflüsse. Vernachlässigung und Verkehrtheiten in der Erziehung. Wirkung des Beispiels beschränkter Eltern.]


Wer das Pech hat, von beschränkten Eltern zu stammen und deren intellektuelle Minderwertigkeit zu erben, hat daneben zumeist auch das Mißgeschick, in einem Milieu aufzuwachsen, das seiner geistigen Entwicklung wenig förderlich ist. In der Umgebung, welche auf das Kind von der Stunde seiner Geburt an einwirkt, spielen ja die Eltern gewöhnlich eine Hauptrolle, und die Beschränktheit derselben äußert sich in der Art der Erziehung, die sie dem Kinde angedeihen lassen, nicht minder, als in ihrem sonstigen Verhalten. Wieviel leiblicher Schaden den Kindern durch die Dummheit ihrer Erzeuger, insbesondere der Mütter zugefügt wird, muß hier ganz außer Betracht bleiben, obwohl die körperliche Schädigung nicht ohne Einfluß auf die geistige Entwicklung ist. Was letztere fördert und hemmt, sind beschränkte Eltern gewöhnlich nicht imstande, zu erkennen. Sie sind auch unfähig, die geistigen Anlagen ihrer Kinder richtig zu beurteilen und darnach die Erziehung derselben zu leiten. Eine überaus häufige Folge dieser Verhältnisse ist Vernachlässigung des Kindes; es wird sich selbst überlassen und den zufälligen Eindrücken, die seine Umgebung ihm bietet, ohne jede Vorsicht preisgegeben. Nicht selten ist auch die Überantwortung des Kindes an einfältige Personen, Dienstboten, alte Frauen etc., die den kindlichen Geist mit den törichtsten Vorstellungen füllen. In der Erziehung leisten beschränkte Eltern, namentlich Mütter, in Anwendung verkehrter Maximen häufig Großartiges. Wo Konsequenz und Strenge am Platz ist, verlegen sie sich darauf, alle Fehler und Unarten des Kindes durch Güte und Nachsicht zu kurieren, während in anderen Fällen hinwiederum, in welchen die Berücksichtigung der Individualität des Kindes eine sanfte Behandlung erheischen würde, das Prügelsystem ohne Bedenken durchgeführt wird. Die richtige Beurteilung der Fähigkeiten eines Kindes ist oft eine recht schwierige Sache, und es begreift sich daher, daß beschränkte Eltern in dieser Hinsicht nur zu häufig in schwerwiegende Irrtümer verfallen. Sie betrachten die Fähigkeiten des Kindes, einen gewissen Gedächtnisstoff sich mechanisch anzueignen, z. B. ein längeres Gedicht zu deklamieren, eine Reihe von Zahlen zu behalten, als einen Beweis höherer Veranlagung, die leidliche Wiedergabe eines kleinen Klavierstückes als ein Zeichen von musikalischem Talent, und so wird mancher Knabe, der keinerlei Befähigung für einen gelehrten Beruf besitzt, in das Gymnasium geschickt und mit Latein und Griechisch gequält, bis die Unzulänglichkeit seiner Leistungen die Eltern endlich zu der Einsicht bringt, daß sie mit der beabsichtigten Berufswahl nicht auf dem richtigen Wege waren.

Daß auch das Beispiel, welches das Verhalten beschränkter Eltern in verschiedenen Lebensverhältnissen gibt, das Kind suggestiv ungünstig beeinflußt, liegt nahe. Die Sorglosigkeit der Eltern in materiellen Angelegenheiten, das in den Taghineinleben, unbekümmert um die Zukunft, wie es bei beschränkten Individuen so häufig ist, prägt sich dem Kind ebensogut ein, wie der schmutzige Geist, der nichts Höheres als Geldanhäufung kennt und selbst notwendige Ausgaben scheut, wenn dies auch von sehr üblen Folgen sein mag. Aberglaube, Vorurteile und manche üble Gewohnheiten vererben sich von den Eltern auf die Kinder um so leichter, je weniger letztere durch ihre geistige Beschaffenheit zu einem selbständigen Urteil befähigt sind.


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