[Törichte Annahmen in der Medizin. Die Lehre von der Wanderung der Gebärmutter. Die Paracelsusschen Sympathiekuren.]


Auf dem Gebiet der Medizin mangelt es ebenfalls nicht an Analogien zu den Tierprozessen und der Annahme von Baumgänsen. Vom Altertum bis in das 19. Jahrhundert finden wir in der Medizin fortlaufend neben trefflichen Beobachtungen und scharfsinnigen Theorien eine Reihe der törichtsten Vorstellungen über Krankheiten und Krankheitsursachen, Vorstellungen, die sich nicht aus der Unzulänglichkeit der Untersuchungsmethoden und dem jeweiligen Stand der Naturkenntnisse erklären lassen. Eines der prägnantesten Beispiele dieser Art bildet die Rolle, die dem Uterus in der Lehre von der Hysterie zugeschrieben wurde. Der Uterus (Gebärmutter) sollte nach Plato ein Tier sein, das ein glühendes Verlangen nach Schwängerung hegt, und wenn diesem Verlangen längere Zeit nach Entwicklung der Pubertät nicht entsprochen wird, aus Verdruß hierüber den ganzen Körper durchwandert, hierbei die Luftwege verlegt und die Atmung hemmt, dergestalt die größten Gefahren für das Leben herbeiführend. Die Idee einer Wanderung des Uterus infolge sexueller Nichtbefriedigung erhielt sich, obwohl dieselbe schon von Galen entschieden bekämpft worden war, das ganze Mittelalter hindurch in der Medizin. Man erblickte hierin die Ursache aller jener Zufälle, die man als natürliche Äußerungen der Hysterie betrachtete, während man einen anderen Teil der hysterischen Erscheinungen auf dämonische Einflüsse zurückführte. Daß Plato auf die Idee verfiel, den Uterus als ein Tier zu betrachten und im Körper herumwandern zu lassen, war sicher kein geistvoller Einfall und erklärt sich aus seinem Mangel an anatomischen Kenntnissen. Die mittelalterlichen Ärzte hätten aber durch ihre, wenn auch sehr bescheidenen anatomischen wie physiologischen Kenntnisse an der Beibehaltung und Verwertung einer derartigen Theorie verhindert werden sollen. Nur eine ausgesprochene Urteilsschwäche konnte sie zu einer kritiklosen Annahme der überlieferten Fabel bestimmen. Es ist auch kein Ruhmesblatt in der Geschichte der Medizin, daß selbst erfahrene und sehr gelehrte Ärzte noch im 16. und 17. Jahrhundert (so Lepois, Pare, Plater und selbst noch Willis) den Hexen- und Dämonenglauben vollständig teilten und deshalb eine Reihe hysterischer Zustände auf übernatürliche Ursachen zurückführten. Man verfehlte auch nicht, aus diesen Anschauungen entsprechende praktische Folgerungen zu ziehen, sofern man den Feuertod für die des Verkehrs mit dem Teufel Bezichtigten unter Umständen für ganz gerechtfertigt hielt 1).

Daß auch diejenigen Ärzte, denen man den Fortschritt in der Medizin zuschreibt, in manchen ihrer Anschauungen und den darauf basierenden Behandlungsmethoden eine Urteilsschwäche bekunden, die uns geradezu in Erstaunen setzt, hiefür liefert der berühmte und einer gewissen Genialität nicht ermangelnde Theophrastus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus2), ein drastisches, in mancher Hinsicht ergötzliches Beispiel. Paracelus bekannte sich zu der Ansicht, daß jeder einzelne Teil des menschlichen Körpers einem bestimmten Planeten oder Himmelszeichen unterworfen ist und deshalb die Stoffe, welche unter denselben Stern oder dasselbe Zeichen gehören, gegen Krankheiten des betreffenden Körperteiles wirksam sein müssen. Da Gold und Herz der Sonne unterworfen sind, ist Gold ein Mittel gegen Herzkrankheiten. Alle wirksamen Kräfte (Arcana) wirken nur auf einzelne Körperteile. Ein wirksamer Stoff ist aber bei Behandlung von Krankheiten überhaupt nicht nötig; es gerügt, etwas zu wählen, was unter denselben Sternenhimmel gehört wie das kranke Glied, so z. B. Sigille und magische Charaktere, und Paracelsus empfiehlt auch solche zur Verhütung und Behandlung einer ganzen Reihe von Krankheiten. Viel merkwürdiger ist noch die Paracelsus'sche Theorie von den Sympathiekuren. "Da alle gleichartigen Dinge ihre Kräfte gegenseitig anziehen, so kann man eine Krankheit auch dadurch heben, daß man einige Krankheitsstoffe auf ein anderes Wesen, eine Pflanze oder ein Tier überführt. Geschieht dies unter Beobachtung gewisser Vorsichtsmaßregeln, so werden die entfernten Stoffe die ganze Krankheit an sich ziehen; sie geht auf die Pflanze oder das Tier über, und der Mensch wird gesund" (Lehmann). In welcher Weise die Sympathiekuren von Paracelsus und seinen Anhängern praktisch geübt wurden, hiefür einige Beispiele:

"Es wird der Zahnschmerzen transplantiert in eine Weide, Holderbaum, Haselstaude etc. auf diese Weise: Nachdem die Rinde ein wenig abgeschält worden, so schneide ein Spähnchen heraus; mit demselben stich das Zahnfleisch, so lange bisz es blutet, hernach lege den blutigen Spahn wieder an seinen Ort, decke die Rinde darüber und verwahre sie wohl mit Kothe." "Die Schwindsucht kann folgendermaßen curirt werden: Nimm Johannisbrot, so viel du willst, gisz guten Wein darauf und laß es 24 Stunden weichen. Den andern Tag darauf lasz zuvor den Urin, trink darauf von dem Wein und continuire es neun Tage nacheinander, so dasz du dich von allen Getränken gänzlich enthaltest, indessen allen gelassenen Urin aufsammelst und in den Rauch hängest, damit er allgemach verzehrt werde, so wird die Schwindsucht nach und nach geheilt werden."

 

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1) Vergleiche Löwenfeld, Über hysterische Schlafzustände, deren Beziehungen zur Hypnose und zur grande Hysterie. Archiv f. Psych. 22 u. 23. Bd.

2) Siehe Lehmann: "Aberglaube und Zauberei". 2. Aufl. 1908. S. 230 u. f.


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