[Urteilsschwäche in medizinischen und hygienischen Angelegenheiten. Inanspruchnahme von Kurpfuschern durch Gebildete. Der Einfluß von Krankheiten auf das Urteilsvermögen. Übertriebene Wertschätzung einzelner Heilmethoden und grundlose Verwerfung anderer.]


Neben den eigentlichen Steckenpferden, die zumeist harmloser Natur sind, finden wir bei intelligenten Personen besonders häufig inbezug auf medizinische und hygienische Angelegenheiten eine Urteilsschwäche, die in der Stellung der Betreifenden zum Kurpfuschertum ihren prägnantesten Ausdruck erhält. Wer eine schadhafte Uhr repariert haben will, dem fällt es wohl nicht ein, diese Arbeit einem Schlosser oder Schmiede zu übertragen. Wenn es sich jedoch um die Beseitigung eines Schadens in dem so komplizierten Mechanismus des menschlichen Körpers handelt, wenden sich auch Leute, denen man Verstand und Bildung nicht absprechen kann, häufig nicht an diejenigen, welche durch ihre Berufsbildung hierzu befähigt sind, sondern an Schäfer, Handwerker, Kaufleute, Pastoren etc., die die Kurpfuscherei als Gewerbe betreiben. Diese Leute verstehen es ja nicht nur, ihre Heilkünste anzupreisen, sondern auch die Entstehung aller Krankheiten und ihre Behandlungsweise so überaus einfach darzustellen; sie besitzen überdies eine besondere Gabe, alle Krankheiten ohne weitschweifige Untersuchungen zu erkennen. Der eine bedarf dazu nur der Haare, der andere des Urins, ein Dritter nur der Betrachtung der Augen. Daß auf derartige Lockungen diejenigen, die nicht alle werden, hereinfallen, ist nicht zu verwundern. Viel auffälliger ist der Umstand, daß dieselben auch häufig auf Personen eine Wirkung äußern, die in anderen Angelegenheiten sehr kritisch urteilen. Bekannt ist der Zulauf, welcher der Dachauerbäuerin Amalie Hohenester und Pfarrer Kneipp auch aus den Kreisen der Gebildeten zuteil wurde. Auch unter den Attesten, mit denen sich die minder berühmten Kurpfuscher der Gegenwart brüsten, finden sich nicht wenige, die von Angehörigen der gebildeten Stände, selbst von wissenschaftlich gebildeten Personen herrühren1).

Wenn man sich fragt, wie ist dieses Vertrauen in die Heilkunst von Personen zu erklären, die der medizinischen Vorbildung entbehren und auf den Einsichtsvollen durch die Art ihres Vorgehens oft den Eindruck des Schwindelhaften machen müssen, so stößt man auf Vorstellungen, die keiner ernsten Kritik standhalten und nur auf Urteilsschwäche beruhen können. Es wird hier angenommen, daß zur Heilung von Krankheiten jene Kenntnisse, welche der Mediziner durch sein Studium sich erwirbt, nicht nötig sind, daß man speziell von dem Bau und den Verrichtungen des menschlichen Körpers nichts zu wissen braucht, sondern lediglich über ein oder einige Heilmittel verfügen darf, deren Kenntnis man auf irgend einem Wege erlangt haben mag. Mit diesen Vorstellungen verknüpft sich häufig die Anschauung, daß Schäfer, Handwerker, Pastoren, auch Frauen der unteren Stände Heilmittel kennen, die der ärztlichen Wissenschaft unbekannt geblieben sind. Die Urteilsschwäche, die sich in diesen Vorstellungen offenbart, ist auf mehrere Umstände zurückzuführen. In erster Linie kommt die Erfahrungstatsache in Betracht, daß Kranke unter dem Einfluss ihres Leidens diesem gegenüber sehr häufig ihre Urteilsfähigkeit verlieren. Ich habe auf diesen Umstand schon a. O. hingewiesen2), indem ich bemerkte: "Am wenigsten dürfen wir aber glauben, daß Kranke den Verstand und die Urteilsschärfe, welche sie in gesunden Tagen besaßen und auch während ihres Leidens noch in anderen Angelegenheiten an den Tag legen, in der Auffassung ihres Zustandes und der Wahl der Mittel zur Bekämpfung desselben bekunden müßten. Dieselben Menschen, welche als Gesunde sehr wohl einsehen, daß gegen den Tod kein Kraut gewachsen ist und daß es unheilbare Krankheiten gibt, hegen als Kranke keinen Zweifel, daß es gegen ihr Leiden, welcher Art dasselbe auch sein mag, irgend ein Mittel geben müsse und es sich nur darum handle, dieses zu finden. So darf es uns nicht wundern, wenn wir sehen, daß auch skeptische Gebildete in Krankheitsnöten ebenso nach dem Strohhalm greifen, welcher sich in den' Anpreisungen eines Charlatans ihnen darbietet, wie der einfältigste Bauersmann, und mitunter sich der Behandlung eines Kurpfuschers mit einer Vertrauensseligkeit, Ausdauer und Selbstüberwindung hingeben, zu welcher sie sich einem Arzt gegenüber nicht aufschwingen würden".

Ähnlich wie mit den Kranken verhält es sich oft mit deren Angehörigen; sie verlieren unter dem Einfluss der gemütlichen Erregungen, welche der Zustand des Patienten bei ihnen verursacht, die Unbefangenheit und Schärfe ihres Urteils, sowohl inbezug auf die Art des vorhandenen Leidens, als die zu wählenden Heilmittel. Dieser Umstand macht sich auch bei den Ärzten so häufig geltend, daß diese in Krankheitsfällen, die sie selbst oder ihre Familienangehörigen betreffen, zumeist die Hilfe eines Kollegen in Anspruch nehmen.

 

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1) Nach einem im "Gesundheitslehrer" 1. Juni 1906 mitgeteilten Inserat führte der bekannte Kurpfuscher Jakobi in Berlin unter seinen Kunden folgende Persönlichkeiten an: 3 Generale, 1 Oberst, 2 Großfinanziers, Frau Generalin v. W., 1 Generalleutnant, 2 Rittergutsbesitzer, 1 Professor der Malerei, mehr als 100 Beamte des kgl. Polizeipräsidiums zu Berlin. Kollega Dr. Neustätter erwähnt in einem Bericht (Süddeutsche Monatshefte, 5. Jahrg. Nov. 1908, Heft 11, Seite 585) über einen Besuch bei dem Wunderdoktor Pastor Felke, der alle Krankheiten aus den Augen diagnostiziert und mit Lehm kuriert, daß dieser als der größte Augendiagnostiker gepriesen wird, "dessen unerreichte Meisterschaft" in Tausenden und Abertausenden von Zeugnissen — das sagt viel — aus dem Munde von Exzellenzen, Offizieren, Geistlichen, Lehrern und auch — Ärzten bestätigt wird. Daß es auch Ärzte gibt, welche die Kurpfuscherei unterstützen und zwar nicht lediglich aus Gewinnsucht, ist einer der Umstände, die beweisen, daß es auch in diesem Stand an intellektuell minderwertigen Elementen nicht fehlt.

2) L. Loewenfeld: "Lehrbuch der gesamten Psychotherapie" S. 70.


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