[Dummheit kein krankhafter Zustand. Dummheit als Qualität einer einzelnen intellektuellen Leistung. Umstände, die hierbei zu berücksichtigen. Einfluß der Individualität des Urteilenden.]


Wir sehen, daß, wie unsere Ermittlungen an Soldaten, so auch die Erhebungen in den Schulen ein Perzentverhältnis der Beschränkten ergeben, welches mit Entschiedenheit gegen die Annahme spricht, daß die als Dummheit zu bezeichnende intellektuelle Qualität als krankhafter Zustand aufzufassen ist. Abnorme Kleinheit und Schwachsichtigkeit finden sich ungleich seltener unter einer bestimmten Anzahl Erwachsener oder Kinder als Dummheit. Die Häufigkeit in der wir letztere schon bei uns in gewissen Bevölkerungskreisen und Gegenden, noch weit mehr aber in manchen, von der Kultur weniger beleckten, außerdeutschen Ländern treffen1), nötigt zu der Annahme, daß wir es hier mit einer Intelligenzstufe zu tun haben, die noch als innerhalb der Breite der Norm liegend angesehen werden muß. Daß man auch durch Erkrankung dumm werden kann, spricht dagegen nicht. Ein Grad intellektueller Leistungsfähigkeit, der für den einen normal ist, kann für den andern krankhaft sein, soferne er einen durch pathologische Vorgänge herbeigeführten Rückgang bedeutet. Wir sehen ja ähnliches auch auf körperlichem Gebiete. Ein gewisses Maß körperlicher Leistungsfähigkeit, das bei dem einen normal ist, bedeutet bei dem anderen eine krankhafte Schwächung.

Die Qualifizierung einer intellektuellen Leistung als Dummheit bedeutet, daß wir dieselbe als Ausfluß einer allgemeinen oder partiellen geistigen Minderwertigkeit betrachten. Wenn diese Qualifizierung eine Berechtigung haben soll, so darf sie das Lebensalter des Individuums, seine Bildung, soziale Stellung und seine Lebensverhältnisse nicht unberücksichtigt lassen. Ein Benehmen, das wir bei einem Kinde natürlich und passend finden, mag sich bei einem Erwachsenen als Dummheit charakterisieren. Eine Ansicht, die wir bei einem Jüngling mit Rücksicht auf seine ungenügende Lebenserfahrung entschuldigen, betrachten wir beim gereiften Mann als Dummheit. Der Luxus, der bei einem Reichen als vernünftig zu erachten ist, wird zur Dummheit, wenn ein minder Bemittelter sich ihn gestattet. Man moquiert sich mit Recht über den Bauern, der in Kleidung und Sprache den Städter zu kopieren sich bemüht, und über den Städter, der ohne das Zeug dazu zu haben, sich als Bauer gerieren will. Eine Schmeichelei, die in einem Falle sehr wohl angebracht sein mag, kann sich in einem anderen Falle als vollendete Dummheit charakterisieren.

Bei der Qualifizierung intellektueller Leistungen von Einzelindividuen wie von Massen (Gebräuchen, verbreiteten Ansichten etc.) spielt die geistige Individualität des Urteilenden häufig eine ausschlaggebende Rolle. Es gibt wohl nur wenige Ansichten und Handlungen, die allgemein als Dummheit aufgefaßt werden. Die äußeren Verhältnisse des einzelnen, die Anschauungen, die ihm durch Erziehung und Milieu beigebracht wurden, politische und wissenschaftliche Meinungen machen zumeist ihren Einfluß geltend. Wer lediglich, um einige Edelweiß zu pflücken, eine halsbrecherische Kletterei unternimmt, begeht wohl nach Ansicht aller besonneneren Leute eine Dummheit. Dagegen sind die Ansichten schon sehr geteilt, wenn die gleiche lebensgefährliche Kletterei zur Erreichung eines Gipfels unternommen wird. Es gibt besonnene, einsichtsvolle Personen, welche dergleichen für eine Dummheit halten, während die Anhänger des Alpinismus derartige Unternehmungen, wenn mit der nötigen Vorsicht durchgeführt, als wertvolles Mittel geistiger und körperlicher Stählung, von anderen Gesichtspunkten abgesehen, schätzen. Die Anhänger des Vegetarianismus betrachten diesen als eine Angelegenheit von ungeheuerer hygienischer und kultureller Bedeutung, während viele intelligente Personen denselben lediglich als wertlose Schwärmerei, als Dummheit, taxieren. Die Antialkoholbewegung, die gewiß in wirtschaftlicher und hygienischer Beziehung von größter Bedeutung ist, wird selbst von manchen geistig hochstehenden Männern als Dummheit angesehen. Die Ausgleichung von Ehrensachen auf dem Wege des Duells, wie sie in den romanischen Ländern und in Deutschland bis in die jüngste Zeit üblich war, betrachtet der Brite als Rest einer mittelalterlichen Dummheit — eine Ansicht, die auch bei uns von zahlreichen geistig hervorragenden Persönlichkeiten geteilt wird. Dies hat jedoch nicht gehindert, daß man in militärischen Kreisen bis zur Revolution die Austragung von Ehrenangelegenheiten auf dem Wege des Zweikampfes nicht nur duldete, sondern geradezu erzwang, indem man den Offizier, der eine Forderung ablehnte, zum Quittieren des Dienstes nötigte. Ernst zu nehmende Kollegen haben mir gegenüber die Ansicht geäußert, daß sie die Bestrebungen zur Errichtung von Lungenheilstätten für eine Dummheit erachten, da diese ihren Zweck nicht erreichen können, während andererseits wieder viele Ärzte die Lungenheilanstalten als wichtigstes Mittel zur Bekämpfung der Tuberkulose ansehen. Die Forderung sexueller Aufklärung der Jugend, die heutzutage von so vielen Seiten mit Nachdruck erhoben wird, wird von anderen hinwiederum als Dummheit charakterisiert. Man glaubt, daß dadurch mehr geschadet als genützt wird. Es gibt kaum eine auf Reformen auf irgend einem Gebiete abzielende Bestrebung, die nicht von einer Klasse, einer Partei, einer Korporation, einer Richtung zur Dummheit gestempelt wird, weil die Betreffenden von ihrem Standpunkt aus, d. h. bei ihrem durch Partei-, Standesinteressen etc. eingeengten geistigen Horizonte die Nützlichkeit, resp. Notwendigkeit der betreffenden Reformen nicht einzusehen vermögen. Auch bei Beurteilung der alltäglichsten Angelegenheiten macht sich der Einfluß der Individualität in auffälliger Weise geltend. Das Gros der Menschen ist überhaupt geneigt, alles, was ihren Anschauungen und Gewohnheiten zuwiderläuft, als Dummheit zu betrachten. Der Leichtlebige, für den das Geld Chimäre ist, hält die Sparsamkeit seines Freundes, der sich diesen und jenen Genuß versagt, für Dummheit; der Sparsame hinwiederum die Sorglosigkeit, mit der der andere von der Hand in den Mund lebt. Der mit dem altmodischen Hausrat Zufriedene erachtet das Bestreben seiner Bekannten, sich modern einzurichten, für Dummheit. Der in Gesundheitsangelegenheiten völlig Gleichgültige beurteilt ähnlich die Bemühungen anderer, in Speise und Trank, in Kleidung und Wohnung hygienische Grundsätze zu betätigen. Der Egoist, dem das liebe Ich über alles geht, sieht in der Rücksichtnahme und der Fürsorge für andere nichts als Dummheit.

Während in den vorhergehend erwähnten Fällen der einseitige Standpunkt des Urteilenden dessen Auffassung bestimmt, hängt in vielen anderen Fällen die Aburteilung einer Ansicht, Handlung oder Einrichtung als Dummheit lediglich davon ab, daß dem Kritiker ausreichende Grundlagen für ein zutreffendes Urteil mangeln. Was dem Fernstehenden und Uneingeweihten als unvernünftig, zwecklos, selbst bedenklich erscheint, erweist sich oft bei genauer Kenntnis der Sachlage als wohlbegründet. Wie oft kommt es vor, daß irgend ein folgenschwerer Schritt, den ein Mensch unternimmt, z. B. das Aufgeben einer Stellung, von seinen Freunden und Angehörigen als Dummheit bezeichnet wird, während sie zu einem anderen Urteile gelangen müßten, wenn sie die Summe der Beweggründe, die den Schritt veranlaßten, kennen würden. Im allgemeinen läßt sich wohl sagen, daß der intelligente und erfahrene Mensch viel zurückhaltender mit abfälliger Beurteilung der Ansichten oder Handlungen anderer ist, als der Beschränkte, da dieser die Motive derselben oft nicht einmal zu ahnen vermag.

 

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1) Die Frage, inwieweit die intellektuelle Minderwertigkeit der betreffenden außerdeutschen Bevölkerungskreise auf angeborene Veranlagung oder Ungunst der Lebensverhältnisse, Mangel an Schulunterricht, geistiger Anregung etc. beruht, muß hier unberücksichtigt bleiben.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 10.12.2009 
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