[Ungenügende Ausbildung der hemmenden seelischen Kräfte der Grundquell aller Jugendtorheiten.]


Die im Vorstehenden angeführten Eigentümlichkeiten der jugendlichen Psyche charakterisieren sich im Wesentlichen, wie ersichtlich, als ein Mangel jener hemmenden seelischen Kräfte, die dem Denken und Handeln des Reifen den Charakter der Besonnenheit verleihen. Bei all den Vorgängen, die man als Jugendtorheiten, Jugendeseleien, Dummejungenstreiche und dergleichen bezeichnet, macht sich dieser Umstand geltend. Ob es sich um die Verübung eines relativ harmlosen Ulks oder einen Streich jugendlichen Übermuts, bei welchem die eigene Gesundheit oder selbst das Leben ohne nützlichen Zweck aufs Spiel gesetzt wird, das Aufgeben eines bereits gewählten Berufes aus ganz und gar unzulänglichen Gründen, um die Verübung von Gedichten, die man drucken läßt und später verbrennt, um das Eingehen einer Ehe, für deren gedeihliche Gestaltung alle Voraussetzungen mangeln, handelt, ob man sich an politischen Umtrieben beteiligt, an Demonstrationen, die keinen Sinn haben, oder an geschäftlichen Unternehmungen, die der reellen Basis ermangeln — es sind immer Äußerungen des gleichen Grundzustandes, mangelhafter Entwicklung jener hemmenden seelischen Kräfte, die unser Verhalten der Außenwelt gegenüber regulieren und unserem Handeln den Charakter der Besonnenheit verleihen.

Bemerkenswert ist dabei, daß kein Grad geistiger Begabung das Individuum vor jugendlichen Torheiten schützt, ja daß Personen von ganz hervorragenden Talenten häufig solche in größerer Zahl oder von auffälligerer Natur begehen, als die intellektuell bescheiden Veranlagten. Schon im Altertum finden wir hiefür manche Belege. So hat Alkibiades in seinen Jugendjahren eine Reihe von Streichen verübt, die den Neid manchen übermütigen Couleurbruders unserer Tage erwecken könnten. Plutarch berichtet, daß er eines Tages einem wegen seines Reichtums und seiner Abstammung in höchstem Ansehen stehenden Bürger Athens namens Hipponikus eine Ohrfeige gab, nicht etwa in der Hitze des Zorns, sondern lediglich deshalb, weil er es mit seinen Freunden gewettet hatte. Er besaß einen großen, sehr schönen Hund, den er für 70 Minen, eine für jene Zeit sehr bedeutende Summe, gekauft hatte; diesem schnitt er den Schwanz ab, wie er seinen Freunden eingestand, lediglich um den Athenern einen Gesprächsstoff zu geben.

Ähnliche Streiche werden von dem jungen Bismarck. berichtet. Blum1) erzählt: "An eine Harzreise zu Pfingsten 1832 schloß sich ein von Bismarck den Reisegenossen gebotenes üppiges Frühstück. Hierbei habe Bismarck eine Flasche aus dem Fenster geworfen und sei deshalb aufs "Conzilienhaus", d. h. vor den Universitätsrichter zitiert worden. Dort sei er erschienen mit Zylinderhut in buntem Berliner Schlafrock und Kanonenstiefeln, begleitet von seinem gewaltigen Hund. Für dieses ungesetzliche Tier habe er zunächst 5 Taler Strafe zahlen müssen." Ferner erhielt er in Göttingen einmal eine erhebliche Rüge, weil er einen zu weit gehenden Scherz mit einem Studenten getrieben hatte, in dessen Zimmer er nächtlicherweile eingedrungen war, um ihn in Furcht zu setzen. Sein Ruf als gefährlicher Rapierschläger scheint übrigens auch in andere deutsche Vaterländer gedrungen zu sein, denn als er einmal eine Gastrolle in Jena geben wollte, wies ihn der dortige wohllöbliche Senat sofort aus.

Auch der Jüngling Goethe hat ein reiches Maß von Torheiten verübt und manchen Streich ausgeführt, den man der späteren unnahbaren Exzellenz nicht zugetraut haben würde. Der überschäumende Jugendmut machte sich bei dem Dichterfürsten nicht nur während der Studentenjahre in Leipzig und Straßburg, sondern auch noch während der ersten Zeit des Weimarer Aufenthalts in zum Teil recht toller Weise geltend. "Ich treib's hier toll genug," schreibt Goethe selbst an Merk, "und wir machen des Teufels Zeug." Goethes und seines Busenfreundes, des Herzogs Karl August Gebahren erregte denn auch vielfach das Entsetzen der Weimarer Gesellschaft. Beispielsweise sei erwähnt, daß Goethe und der Herzog sich auf den Marktplatz in Weimar stellten und dort stundenlang mit großen Hetzpeitschen um die Wette knallten und bei den Orgien, die sie gelegentlich veranstalteten, den Wein aus Schädeln tranken.

 

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1) Blum: Fürst Bismarck und seine Zeit. 1. Band S. 33.


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