[Die Rolle des Alkohols. Einfluß der Stellung und der äußeren Lebensverhältnisse auf die Art der Jugendtorheiten. Jugendeseleien kein Präjudiz für das spätere Verhalten.]


Es ist auch nicht zu leugnen, daß junge, gebildete Männer häufiger sich in Jugendeseleien ergehen, als die den unteren Ständen angehörigen Individuen. Schuhmacher und Schneidergesellen verüben seltener Ulk, als Studenten, und bei den von diesen begangenen Torheiten spielt meistens der Alkohol eine Rolle. Es ist hier ein circulus vitiosus vorhanden: Die jugendliche Unbesonnenheit verleitet den Akademiker nur allzuleicht, geistige Getränke in Quantitäten zu konsumieren, die sein Bewußtsein mehr oder weniger trüben, und in dem Zustand des Angeheitertseins werden dann mitunter die unverantwortlichsten Dinge verübt. Die Art der Jugendtorheiten hängt zum großen Teil von der Stellung und den äußeren Verhältnissen des Individuums ab, und es ist daher begreiflich, daß wir bei unserer lieben studierenden Jugend gewisse Varianten in besonderer Häufigkeit treffen.

Hierher gehört vor allem die Überschätzung der eigenen Person und des civis academicus im allgemeinen, die man namentlich in kleineren Universitätsstädten trifft, in welchen die Studentenschaft eine erheblichere Rolle spielt als in den Großstädten. Der Student hält sich hier ob seiner Eigenschaft als akademischer Bürger für ein dem Staat besonders wertvolles Wesen, eine Auffassung, welche dadurch wesentlich genährt wurde, daß man — bis in die Neuzeit — bei den verschiedensten Gelegenheiten die akademische Jugend als die Hoffnung des Landes bezeichnete. Es liegt nahe, daß mit dieser Überschätzung der Eigenschaft des civis academicus eine zutreffende Würdigung nicht gelehrter Berufsarten nicht einhergehen konnte und kann und der flotte Studio sich nicht selten schon wegen seiner akademischen Bildung über den Kaufmann und Handwerker erhaben erachtet. Mit dem Nahen des Examens schwindet diese Überhebung schon bedeutend und beim Eintritt in die Praxis verliert sie sich völlig, und der junge Mann kommt allgemach zu der Erkenntnis, daß das Studium an sich dem Individuum noch keinen Wert verleiht, sondern lediglich das Maß dessen, was er als Vorbereitung für seinen künftigen Beruf sich aneignet, ein Maß, mit dem es nicht selten recht ärmlich aussieht.

Ein weiterer vor dem Kriege bei unserer studierenden Jugend häufig anzutreffender Zug war die Freude an bedeutungslosen Äußerlichkeiten, wie die Veranstaltung von Chaisenfahrten, bei welchen immer 2 Studenten in einem viersitzigen Wagen saßen, der Verzicht auf das Tragen eines Regenschirms bei den Korpsstudenten, der lediglich auf Nachahmung eines Offiziersgebrauchs beruhte. In den Zeiten, in welchen hohe Stehkragen in Mode waren, wurde bei manchen Korps den Füchsen sogar die Höhe des Hemdkragens vorgeschrieben, damit sie nicht in die Lage kämen, durch das Tragen eines zu niederen Kragens das Ansehen der Korporation zu schädigen. Hierher gehört auch die Freude an dem lärmenden Zeremoniell bei Kommersen und anderen Gelegenheiten, das Salamanderreiben usw. Auffälliger als das vorstehend Erwähnte ist der Umstand, daß auch das Vergnügen an läppischen und z. T. nicht ganz harmlosen Handlungen unter der studierenden Jugend, namentlich an kleineren Universitäten, keineswegs selten sich geltend machte und dabei das Entwürdigende des fraglichen Vorgehens kaum zum Bewußtsein kam. Zu dem törichtsten und verbreitetsten Leistungen auf diesem Gebiete zählten die Renommistereien mit Trinkleistungen und der Zwang zu solchen, der in den Korporationen durch Vortrinken und sogenannte Bierstrafen ausgeübt wurde. Das angehende Korporationsmitglied (der Fuchs) mußte für jeden Verstoß gegen den sogenannten Komment der Verbindung mit dem Hinunterstürzen eines Seidels büßen, gleichgültig wie viel er schon getrunken hatte. Auf dem Heimwege von der Kneipe machte sich dann unter dem Einfluss des Alkohols die Neigung zum Läppischen in besonderem Maße geltend. Da wurde die Nachtruhe durch Singen und Schreien gestört, die heilige Hermandad angerempelt, der ehrsame Bürger in der einen oder anderen Weise belästigt; es wurden Glocken gezogen, Firmenschilder weggenommen und an entfernte Orte gebracht und dergl. Dinge mehr, und man freute sich dieser Heldentaten noch nachträglich, wenn sie zu keiner gerichtlichen Ahndung führten.

Leichtfertigkeit in Geldangelegenheiten spielte neben dem hier Angeführten häufig keine geringe Rolle, was den lieben Eltern vielfach Verdruß und Sorgen bereitete, den jungen Mann dagegen gewöhnlich wenig berührte, auch wenn er durch seine Torheit die Eltern zu Opfern nötigte, die sie nur schwer aufzubringen vermochten.

Es darf wohl angenommen werden, daß der bittere Ernst unserer Zeit auch auf unsere studierende Jugend seine Wirkung ausgeübt und mit den erwähnten Äußerungen jugendlichen Übermuts und Unverstandes jedenfalls in weitgehendem Maße, wenn nicht völlig aufgeräumt hat.

Man darf die Jugendeseleien, wenn sie sich innerhalb gewisser Grenzen halten, d. h. die Zukunft des Individuums nicht schädigen und keinen groben ethischen Verstoß bilden, nicht zu schwer nehmen; sie bilden, man kann sagen, normale Äußerungen eines Entwicklungsstadiums der Psyche, welche inbezug auf das künftige Verhalten des Individuums nichts präjudizieren. Es gibt indes Leute, die da glauben, daß Jugendeseleien gewissermaßen eine Vorbedingung für die Mannestüchtigkeit seien1). Der junge Mann muß sich nach ihrer Meinung austoben, die Hörner abstoßen, "he must saw his wild oats", wenn aus ihm etwas Tüchtiges werden soll. Diese Ansicht ist meines Erachtens irrtümlich. Mir ist mancher in seinem Beruf äußerst tüchtige Mann bekannt, der in jungen Jahren keine Torheiten beging, wenn er auch von den Freuden der Jugend sich nicht ganz ferne hielt; und auf der anderen Seite habe ich auch manchen kennen gelernt, der nach überreichlich verübten Jugendeseleien sich keineswegs zu großen Leistungen aufschwang, sondern sich mit einer sehr bescheidenen Existenz begnügte oder auch ganz verkam.

 

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1) So bemerkt Weber in seinem Demokritos: "Wer indessen in diesen Jahren (Jünglingsjahren) keine Torheiten mitgemacht hat, wird selten Männertaten tun. Das Leben will seine Zeit haben und die Jünglingsjahre sind der April, wo der Saft von allen Seiten aus dem Baume dringt, bei dem ja auch nicht alles zur Blüte und Frucht kommt!"


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