[Die früher nicht berührten intellektuellen Schwächen der Intelligenten. Die verschiedenen Arten der Steckenpferde.]


Interdum dormitat Homerus. Schon die Alten erkannten, daß selbst bei den geistig hervorragendsten Personen der Verstand zeitweilig sozusagen schläft. Es liegt nahe, daß dies bei den nur gut Begabten und den Mittelmäßigen häufiger der Fall ist. An früherer Stelle haben wir bereits verschiedene Umstände kennen gelernt, auf welche die Ungleichmäßigkeit der geistigen Leistungen intelligenter Personen zum Teil zurückzuführen ist: geringe Entwicklung einzelner Spezialfähigkeiten, Mangel von Übung auf bestimmten Gebieten intellektueller Tätigkeit, die Macht der Leidenschaft. Neben den durch diese Momente bedingten intellektuellen Minderwertigkeiten finden wir jedoch nicht selten eine Urteilsschwäche auf einzelnen Gebieten, die von den übrigen Verstandesleistungen der betreffenden Personen mehr oder weniger absticht. Eine der häufigsten Formen, in der dieser Mangel auftritt, ist das Steckenpferd, die Beschäftigung mit einem Gegenstand und die Schätzung desselben in einer Weise, die in keinem Verhältnis zu seiner Bedeutung steht. Die Art des Steckenpferdes wechselt natürlich je nach dem Stande, Berufe, der Bildung und den äußeren Lebensverhältnissen des Individuums. Gewisse Berufsarten geben jedoch zur Entwicklung eines Steckenpferdes leichter Anlaß, als andere. So ist die Steckenreiterei insbesondere in der Gelehrtenwelt sehr vertreten. Der steckenreitende Gelehrte kultiviert irgend einen untergeordneten Zweig seiner Disziplin mit einer Ausdauer und Pedanterie, die einer viel wichtigeren Sache würdig wäre; er reitet, wie man zu sagen pflegt, in seinen Schriften, wie in seinen Vorträgen auf gewissen Theorien herum, denen er eine ungeheuere, von anderen allerdings nicht angenommene Tragweite zuschreibt. Und wenn im Gespräche zufällig sein Steckenpferd berührt wird, fließt sein Redestrom unerschöpflich, ob das Interesse des Hörers ihm folgt oder nicht. Bei den Ärzten führt die Überschätzung einzelner Theorien oder persönlicher Erfahrungen häufig zur Entwicklung eines Steckenpferdes, das sich namentlich auf therapeutischem Gebiet oft geltend macht. Der Eine ist geneigt, alle möglichen Übel auf Stuhlträgheit zurückzuführen, und erachtet die Fürsorge für das Offenhalten des Leibes als wichtigste Aufgabe der Behandlung. Ein anderer sieht überall Blutarmut und bemüht sich, gegen dieselbe mit einer Unzahl von Eisenpräparaten zu Felde zu ziehen. Ein Dritter huldigt dem Fortschritt in der Medizin derart, daß er seine Patienten stets die neuesten Präparate, welche die chemische Industrie auf den Markt bringt, schlucken läßt. Wieder ein anderer gefällt sich darin, gewisse Diätformen bei allen möglichen Krankheiten zu gebrauchen usw.

In den Kreisen der Geschäftswelt gestaltet sich das Interesse für Politik vielfach zu einem Steckenpferd, das in geistlosen Kannegießereien am Biertisch und Unduldsamkeit gegen jede andere politische Meinung sich kundgibt. Die allzugeschäftige Teilnahme am Vereinsleben (Vereinsmeierei), an gewissen reformatorischen Bestrebungen, insbesondere solchen auf den Gebieten der Hygiene und der Sozialpolitik (Antialkoholismus, Vegetarianismus, Wollkleidung, Freiluftfanatismus, Abolitionismus, Sprachreinigung etc.), das einseitige und überschwängliche Interesse für gewisse Richtungen in der Literatur und Kunst und die Verdammung anderer Richtungen gehören ebenfalls hierher.

Auch das häusliche und Familienleben bietet ein ergiebiges Feld für die Steckenreiterei. Die Einrichtung der Wohnung, die Art der Wirtschaftsführung, die Erziehung der Kinder, diese ganz besonders, die Behandlung der Dienstboten, die Pflege gesellschaftlicher Beziehungen sind hier die Hauptobjekte, und manches häusliche Elend wäre zu meiden, wenn der Gatte oder die Gattin der ehelichen Harmonie das Opfer ihrer Liebhaberei bringen würden.


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