[Die durch die Beschäftigung bedingte intellektuelle Tätigkeit der bäuerlichen und Arbeiterbevölkerung der Gegenwart. Kein erheblicher Unterschied gegenüber der jüngeren Steinzeit und Bronzezeit.]


Werfen wir unseren Blick nunmehr auf die Gegenwart, so bedarf es wohl keiner besonderen Darlegung, um den Abstand der Kultur der breiten Massen unseres Volkes von der im 11. Jahrhundert und in den besprochenen prähistorischen Perioden klar zu stellen. Wir haben hier vor allem den Umstand zu berücksichtigen, daß die Landwirtschaft im Erwerbsleben unseres Volkes nicht mehr dieselbe Rolle spielt wie früher, da ein sehr großer Teil unserer Bevölkerung durch die Industrie ihren Unterhalt gewinnt. Das Gleiche gilt für unsere Nachbarstaaten. Wenn wir nun die Tätigkeit unserer bäuerlichen Bevölkerung, welche der derzeitige Stand der Landwirtschaft erheischt, einer Prüfung unterziehen, so ergeben sich keine Anhaltspunkte dafür, daß dieselbe ein erheblich höheres Maß von geistigen Kräften beansprucht, als die Beschäftigungen, denen die Bauern des Mittelalters und selbst die Menschen der jüngeren Stein- und Bronzezeit oblagen. Ziehen wir nur letztere in Betracht, so zeigt sich, daß ihre Beschäftigung eine mannigfaltigere war, als die der meisten Bauern der Gegenwart. Sie betrieben neben dem Getreidebau und der Viehzucht auch Jagd und Fischfang, was den bäuerlichen Grundbesitzern der Gegenwart nur selten möglich ist. Sie waren genötigt, sich Kleidungsstücke, Geräte und Werkzeuge selbst herzustellen, die der Landmann der Gegenwart zum größten Teile durch Kauf erwirbt. Sie mußten auch mancherlei Gefahren (wilde Tiere, feindliche Stämme) Rechnung tragen, die der heutige Bauer nicht kennt. Dieser ist dagegen genötigt, bei der Beschränktheit des Eigentums den Ertrag seines Grundbesitzes möglichst zu steigern, und wenn er nicht zu Schaden kommen will, sich um den lokalen Bedarf an landwirtschaftlichen Produkten und den Preis dieser zu kümmern, was jedoch keine schwierigen geistigen Prozesse erheischt. Das Plus und das Minus an intellektuellen Leistungen dürften im vorliegenden Falle sich ausgleichen. Trotzdem können wir uns nicht zu der Annahme verstehen, daß der Bauer der Gegenwart noch völlig auf gleichem intellektuellen Niveau mit seinen mittelalterlichen und prähistorischen Vorfahren sich befinde. Der intellektuelle Fortschritt, der bei ihm zutage tritt, steht jedoch, wie ausdrücklich hervorgehoben werden muß, in gar keinem Verhältnisse zu dem Fortschritte unserer Kultur seit den in Frage stehenden Perioden und ist in anderen Umständen als seiner Tätigkeit begründet. Der Landmann genießt gegenwärtig wie der Städter einen Volksschulunterricht, den seine mittelalterlichen Vorfahren nicht kannten. Hierdurch wird er befähigt, Zeitungen und Bücher zu lesen, was seinen Gesichtskreis erweitert. Die Bedürfnisse der Gemeinde, der er angehört, die Steuern und Abgaben, die er für Kreis und Staat zu entrichten hat, veranlassen ihn, sich auch mit öffentlichen Angelegenheiten zu beschäftigen. Mehr noch als alle diese Umstände spricht eine andere Tatsache für einen gewissen intellektuellen Fortschritt der ländlichen Bevölkerung. Ein großer Teil der intelligenteren Elemente der städtischen Bevölkerung ist bäuerlichen Ursprungs, und nicht selten sehen wir direkt aus dem Bauernstand bedeutende Künstler, Gelehrte und treffliche Beamte hervorgehen. Es weist dies darauf hin, daß die intelligenteren Elemente in der Landbevölkerung zugenommen haben, wenn auch der intellektuelle Fortschritt, den diese im großen und ganzen aufweist, nur gering sein mag.

Wenn wir die geistigen, mit der Beschäftigung verknüpften Leistungen der gewerblichen, Industrie- und Bergwerksarbeiter der Gegenwart demselben Vergleich unterziehen, wie die der bäuerlichen Bevölkerung, so kommen wir zu keinem wesentlich verschiedenen Resultat. Es ist wohl nicht zu leugnen, daß einzelne Gewerbe, z. B. Mechanik, Uhrmacherei, Kunstschlosserei, zum Teil wenigstens kompliziertere geistige Tätigkeiten erheischen als die Arbeit, welche der Pfahlbauer verrichtete; bei anderen gewerblichen und einem großen Teile der Industriearbeiter ist eher das Gegenteil der Fall, und wenn wir trotzdem bei der Arbeiterklasse einen gewissen intellektuellen Fortschritt nicht in Abrede stellen können, so sind hiefür dieselben Gründe maßgebend, wie bei der bäuerlichen Bevölkerung. Bei den Arbeitern kommt noch in Betracht, daß ein großer Teil derselben in Städten lebt und den anregenden Einflüssen der Stadt unterliegt, sowie, daß bei denselben die stetig wachsende Anteilnahme an Organisationen sich als ein die geistige Kultur wesentlich förderndes Moment erwiesen hat. Ferner darf nicht unberücksichtigt bleiben, daß ein erheblicher Teil der intelligentesten Elemente der städtischen Bevölkerung auch aus dem Arbeiterstand hervorging und insbesondere manche der tüchtigsten Köpfe in den industriellen Kreisen ihre Laufbahn als einfache Arbeiter begannen.

 

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