[Beschränktheit kein Hindernis für die Erlangung einer gewissen Gelehrsamkeit. Beschränkte Gelehrte in verschiedenen staatlichen Stellungen; geistige Eigentümlichkeiten derselben in Goethes und Molières Schilderungen.]


Eine Verknüpfung von Dummheit und Gelehrsamkeit anzunehmen, dürfte sich mancher Leser sträuben. Gelehrsamkeit bedeutet ja nach der landläufigen Auffassung den Besitz eines reichen Schatzes von Kenntnissen auf dem Gebiet einer oder mehrerer Wissenschaften, und für Viele liegt der Gedanke nahe, daß ein solcher Besitz nur bei sehr guter Begabung zu erwerben ist. Diese Annahme ist jedoch nicht ganz stichhaltig. Auch ein beschränkter Kopf kann sich, wenn er über ein gutes Gedächtnis und den gehörigen Fleiß verfügt, eine bedeutende Summe von Kenntnissen auf irgend einem wissenschaftlichen Gebiet rein mechanisch aneignen. Ein Maß von Kenntnissen, das man als Gelehrsamkeit ansprechen kann, beweist daher allein noch nichts für einen gewissen Begabungsgrad. Entscheidend für letzteren ist lediglich die Art und Weise der Verwertung der erworbenen Kenntnisse. In der Tat sind die Individuen, welche bei geringer intellektueller Befähigung es in diesem oder jenem Fach zu einer gewissen Beschlagenheit bringen und durch diese bei den ihnen Fernestehenden ein günstiges Urteil über ihre Begabung hervorrufen, keineswegs selten. Manche dieser Personen sind sogar imstande, Stellungen zu erlangen, die in den Augen vieler wenigstens die staatliche Anerkennung nicht nur ihrer Gelehrsamkeit, sondern auch einer höheren Intelligenz bedeutet. Auch diese Behauptung dürfte manches Kopfschütteln erregen. Allein wenn man den Einfluß berücksichtigt, den Konnexionen und die Gunst hochmögender Personen bei Berufung von Hochschulprofessoren und Besetzung mancher anderer Stellen ausübte, so wird man es nicht allzu verwunderlich finden, daß auch in den Kreisen der Gelehrten mit Amt und Würden die Beschränktheit Vertretung besaß und noch besitzt. Die beschränkten Gelehrten haben nun gewisse Züge gemeinsam, die sie von ihren talentierten Kollegen überall unterscheiden. Sie sind gewöhnlich mit einem gewissen Dünkel ob ihres Wissens behaftet und betrachten jede nicht lobende Kritik ihrer Leistungen als böswillige Verunglimpfung. Neue Ideen werden von ihnen zumeist bekämpft, da sie ihre Anschauungen denselben nicht zu akkommodieren verstehen. Sie sind auch allzeit geneigt aufstrebende Talente eher zu unterdrücken als zu fördern, da sie befürchten, von ihnen in den Schatten gestellt zu werden. Auf die Erfolge ihrer besser begabten Kollegen blicken sie nur mit Neid, und soweit es angeht, suchen sie dieselben zu verkleinern. Diese Sorte von Gelehrten hat in gewissen Beziehungen schon Altmeister Goethe treffend charakterisiert (Faust 2. Teil), indem er Mephistopheles sprechen läßt:

"Daran erkenn' ich den gelehrten Herrn!

Was ihr nicht tastet, steht euch meilenfern;

Was ihr nicht faßt, das fehlt euch ganz und gar;

Was ihr nicht rechnet, glaubt ihr, sei nicht wahr;

Was ihr nicht wägt, hat für euch kein Gewicht;

Was ihr nicht münzt, das, meint ihr, gelte nicht."

Auch Molière war mit dieser Spezies von Gelehrten wohl vertraut, wie aus der Schilderung hervorgeht, die er dem Arzt Diafoirus von seinem Sohn Thomas geben läßt: "Es kostete viel Mühe ihn lesen zu lehren; er war schon 9 Jahre und kannte noch nicht die Buchstaben. Gut, sagte ich zu mir selber: Früchte, die langsam reifen, sind die besten. Man schreibt nicht so leicht in den Marmor, wie in den Sand, aber diese Schrift ist dauerhafter; und diese Trägkeit des Verstandes, diese Schwerfälligkeit der Einbildungskraft sind das beste Zeichen für ein gesundes Urteil in der Folge. Als ich ihn auf das Gymnasium schickte, hatte er mit vielen Widerwärtigkeiten zu rechnen, aber er überwand sie alle und seine Lehrer lobten mir immer seinen Fleiß und seine Ausdauer. Durch stetes Hämmern auf das Eisen hatte er es rühmlich so weit gebracht, Licentia zu erhalten, und ich darf ohne Eitelkeit behaupten, daß in den 2 Jahren, seit er auf den Bänken sitzt, kein Kandidat in allen Disputationen unserer Fakultät ihm den Rang abgelaufen hat. Man fürchtet ihn, weil er auf Tod und Leben bei jedem Actus wider die gegnerischen Propositionen streitet. Er ist sehr stark im Disputieren, hält wie ein Türke an seinen Grundsätzen fest, läßt nie seine Meinung fahren, und verfolgt sein Argument bis in die geheimsten Schlupfwinkel der Logik. Was mir jedoch ganz besonders an ihm gefällt und worin er meinem Beispiele folgt, das ist, daß er sich blindlings den Ansichten der Alten anschließt, und von den modernen Weisheiten, die den Kreislauf des Blutes und anderes Zeug von gleichem Kaliber entdeckt haben wollen, nichts wissen will." Mit besonderer Geringschätzung äußert sich Schopenhauer über Gelehrsamkeit und Gelehrte. So bemerkt er u. a.: "Die Gelehrten aber, wie sie in der Regel sind, studieren zu dem Zweck, lehren und schreiben zu können. Daher gleicht ihr Kopf einem Magen und Gedärmen, daraus die Speisen unverdaut wieder abgehen. Eben deshalb wird auch ihr Lehren und Schreiben wenig nützen."


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