[Die Futuristen.]


Es kann nicht als besonders auffällig erachtet werden, wenn ein einzelner Maler, wie in den erwähnten Fällen, in der Technik oder den Objekten seiner Darstellungen auf Abwege gerät, welche sich von allem, was man gemeinhin als Kunst zu betrachten gewohnt ist, ganz und gar entfernen. Befremdlicher ist es dagegen, wenn eine ganze Gruppe von Malern sich darin gefällt und damit eine neue besonders wertvolle Kunstrichtung begründen zu können glaubt, daß sie auf dem Gebiet der Malerei Werke produziert, die nicht nur nach dem Urteile kunstsinniger Laien, sondern hervorragender Künstler und Kunstkritiker vollendeten Unsinn darstellen. Es sind die "Futuristen", um die es sich handelt, eine Gesellschaft, die, ursprünglich von Italienern gebildet, bis in die jüngste Zeit auch in Deutschland Anhänger fand. Ich hatte vor Jahren Gelegenheit, eine Ausstellung futuristischer Gemälde zu besichtigen und konnte mich dabei einer Verwunderung nicht erwehren, daß man in der Kunststadt München mit etwas derartigem hervorzutreten wagte. Ein Kunstkritiker in den "Münch. N. N." äußerte über diese Ausstellung, daß bei deren Betreten auch der schaudernd zurückprallt, der Einiges zu ertragen gewohnt ist. "Wie eine wilde Parodie und wie ein grotesker Karnevalscherz mutet das Ganze an." Ich muß mich begnügen, hier einige Beispiele von der Art der ausgestellten Kunstwerke anzuführen:

 

Sommerlandschaft.

Eine Fläche, in der nur eine Menge größerer oder kleinerer farbiger Flecke, aber keine Andeutung von irgendwelcher Zeichnung zu entdecken ist.

 

Studie (Kirche).

Wieder eine Fläche mit größeren oder kleineren farbigen Flecken, unter welchen nur mit Mühe die Umrisse einer Kirche zu erkennen sind, die ungefähr der Leistung eines vierjährigen Kindes entsprechen.

 

Bild mit Reifrockdamen.

An den die Reifrockdamen vorstellenden Figuren sind menschliche Gliedmassen nur andeutungsweise zu erkennen, die Gesichter nichts als Farbenflecke. Das Ganze ein unglaubliches Machwerk.

 

Amazonen.

Die Figuren ungefähr von der Art von Holzfiguren der Nürnberger Spielwaren der billigsten Sorte.

 

Dem Katalog der Ausstellung war ein Manifest beigegeben von F. T. Marinetti, dessen Gedanken und Darstellungsweise sich den ausgestellten Gemälden würdig anschlossen.

Wir müssen uns begnügen, einige Stellen aus diesem Erguß anzuführen: "Wie die Literatur bisher die nachdenkliche Unbeweglichkeit, die Exstase, den Schlummer gepriesen hat, so wollen wir die aggressive Bewegung, die fiebrige Schlaflosigkeit, den gymnastischen Schritt, den gefahrvollen Sprung, die Ohrfeige und den Faustschlag preisen."

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"Wir stehen auf dem äußersten Vorgebirge der Jahrhunderte! .... Wozu hinter uns blicken, da wir gerade die geheimnisvollen Tore des Unmöglichen brechen? Zeit und Raum sind gestern da hinaufgegangen. Wir leben im Absoluten, denn wir haben schon die ewige allgegenwärtige Schnelligkeit geschaffen.

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Auf dem Gipfel der Welt stehend schleudern wir noch einmal unsere Herausforderung den Sternen zu!"

Es verlohnt sich nicht, auf diesen von Größenwahn triefenden Phrasenschwall näher einzugehen, allein, da der Verfasser des Manifests sich als Führer der futuristischen Bewegung bezeichnet, darf man annehmen, daß seine Ansichten, soweit von solchen gesprochen werden kann, wenigstens in gewissem Maße von den futuristischen Malern geteilt werden.

Die futuristische Malerei ist aus einer ungeheuerlichen Übertreibung des Impressionismus hervorgegangen. Sie stellt gewissermaßen eine Entartungsform dieser Kunstrichtung dar. Auf Urteilsschwäche oder Talentlosigkeit allein ist daher die künstlerische Wertlosigkeit der futuristischen Gemälde nicht zurückzuführen. Auch ein beschränkter Kopf, selbst ein Schwachsinniger mag, wie wir gesehen haben, befähigt sein, bedeutende Kunstwerke zu produzieren. Neben der intellektuellen Insuffizienz, die aber nicht in allen Fällen vorhanden sein mag, handelt es sich bei den Jüngern der neuen Kunstrichtung offenbar um ein hohes Maß von Verschrobenheit und Neigung zu Exzentrizitäten, was sie versuchen läßt, das in Wirklichkeit Unmalbare oder auch gewisse Objekte lediglich durch Farbenflecke- oder Striche darzustellen.

An die vorstehend besprochenen Bilder reihen sich jene an, deren Objekte zwar technisch gut ausgeführt, aber ästhetisch minderwertig sind. Man kann hier von ästhetischen Dummheiten sprechen, da es sich um Urteilsmängel inbezug auf die ästhetischen Wirkungen des Dargestellten handelt, und es ist sehr bemerkenswert, daß man solchen auch unter den Leistungen bedeutender Künstler begegnet. So findet sich in einem Prospekt des Werkes "Etudes sur quelques artistes originaux, Félicien Rops, l'homme et l'artiste", die Reproduktion eines Gemäldes des genannten belgischen Künstlers, welche die Rückseite einer nackten weiblichen Figur darstellt, auf deren sehr entwickeltem Gesäß sich ein Visier findet. Man kann den Gedanken des Künstlers verstehen und muß doch die Darstellung desselben als unser ästhetisches Gefühl verletzend i. e. als ästhetische Dummheit (vulgo Geschmacklosigkeit) betrachten. Ähnliches gilt von dem Werke eines jüngeren angesehenen Künstlers, welches den Kopf Beethovens nach der Totenmaske darstellt. Auf dem Scheitel des großen Meisters lagern zwei kleine nackte Figuren, die sich küssen. Die Figuren, die wohl Genien darstellen sollen, verleihen durch die Art ihrer Lagerung und speziell die Haltung des einen an den Schläfen herabbaumelnden Beines dem Ganzen einen geradezu abstoßenden Eindruck, der auch durch die treffliche Ausführung der Details nicht gemildert wird.

 

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