[Erklärung des geringen intellektuellen Fortschritts der Massen im Mittelalter und in der Neuzeit.]


Denjenigen, welche etwa geneigt sein sollten, darüber in Erstaunen zu geraten, daß wir im Verlauf von 2000 und vielleicht noch mehr Jahren so geringe intellektuelle Fortschritte gemacht haben sollen, obwohl doch damals schon in Europa und Asien eine hochentwickelte Kultur bestand und auf hellenischem Boden die Kunst eine Blüte erreicht hatte, die uns heute noch mit Bewunderung erfüllt — allen diesen können wir bemerken, daß Erstaunen hier durchaus nicht am Platz ist. Wenn wir die Geschichte verfolgen, so stoßen wir auf die höchst bemerkenswerte Tatsache, daß es, von vereinzelten Ausnahmen abgesehen, bis in das verflossene Jahrhundert den Machthabern in den europäischen Ländern niemals eingefallen ist, auf eine systematische geistige Hebung der Volksmassen hinzuwirken. Zwar haben einzelne Fürsten, von Karl dem Großen anfangend, im Laufe der Jahrhunderte sich die Förderung einer gewissen Bildung durch Errichtung von Schulen, Gründung von Universitäten, Bibliotheken usw. angelegen sein lassen. Diese Maßnahmen kamen jedoch gewöhnlich nur einem kleineren Teil der Bevölkerung zugute. Die Erkenntnis, daß von oben herab etwas zur Hebung des intellektuellen Niveaus der Massen und zur Verbreitung gewisser Kenntnisse unter denselben geschehen müsse, fehlte fast allenthalben. Erst mit der Einführung des obligatorischen Schulbesuchs war ein unbestreitbarer Schritt zu einer zielbewußten, systematischen Bekämpfung der Dummheit getan. Wenn wir gewissenhaft prüfen, was bis vor Beginn, des vorigen Jahrhunderts von staatlicher und kirchlicher Seite für die Intelligenz der Massen geschah, so läßt sich nicht verkennen, daß der Einfluß, der ausgeübt wurde, mehr in der Richtung der Verdummung als der geistigen Förderung lag. Den absolutistischen Regierungssystemen, die wir, abgesehen von England, überall finden, war eine größere geistige Regsamkeit der Massen unbequem; man brauchte gefügige, wenig denkende, keine Kritik übende Untertanen, welche die Maßnahmen der Regierung, wie drückend sie auch sein mochten, geduldig, als von der von Gott eingesetzten Obrigkeit kommend, hinnahmen. Die Diener der Kirche, resp. der Kirchen waren zwar überall eifrigst für das Seelenheil ihrer Schäflein, d. h. deren Heil im Jenseits besorgt, aber dies jenseitige Heil konnte nach ihrer Meinung zu leicht durch einen geweckten Verstand gefährdet werden, und deshalb war man mehr auf Erhaltung einer gewissen frommen Einfalt, als auf Förderung geistiger Regsamkeit bedacht. Weltliche und geistliche Gewalten waren gleich eifrig bemüht und unterstützten sich wechselseitig, soweit es galt, die Glaubensreinheit und die Beschränktheit des Untertanenverstandes zu erhalten. Der Ketzer wurde zwar von den geistlichen Gerichten verurteilt, zur weiteren Behandlung jedoch dem weltlichen Arme überantwortet, der für den Scheiterhaufen zu sorgen hatte. Wie schwer das absolutistische, von der Kirche unterstützte und zugleich ihr dienende System auf den Geistern lastete, dies hat Schiller in den Worten des Marquis Posa in lapidarer Weise zum Ausdruck gebracht:

"Ein Federzug von dieser Hand und neuerschaffen wird die Erde. Geben Sie Gedankenfreiheit!"

Je weiter wir zurückgehen, um so mehr stoßen wir auf Momente, welche der Ausbildung und Verwertung der geistigen Fähigkeiten der Massen hinderlich waren: die scharfe Sonderung der Stände, welche speziell bei den Angehörigen des Bauernstandes zur Einengung ihres geistigen Horizontes beitragen mußte, die Hörigkeit eines erheblichen Teiles der ländlichen Bevölkerung, die häufigen Kriege mit ihrem Gefolge von Verwüstungen und Verrohung, die Rechtsunsicherheit, der Mangel bildungsfördernder Mittel jeder Art (von Schulen, Büchern etc.), häufige wirtschaftliche Notlagen, welche den Geist stumpfsinnig und zu jeder anderen Bestrebung als der Fürsorge für das tägliche Brot unfähig machten, die Verbreitung abergläubischer Vorstellungen (speziell inbezug auf Hexerei und Zauberei) durch den Klerus, die Beseitigung der Anteilnahme des Volkes an der Rechtspflege, wie sie durch Einführung des römischen Rechts in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts geschah.

Wenn man alle diese Umstände berücksichtigt, wird man es begreiflich finden, daß es mit dem intellektuellen Fortschritt der Massen bisher dürftig bestellt war. Der geistige Druck, der auf dem Volk viele Jahrhunderte hindurch lastete, war zu schwer, und das, was zur geistigen Förderung der Massen geschah, viel zu unbedeutend, um eine intellektuelle Weiterentwicklung zuzulassen. Das, was von einer solchen überhaupt zu konstatieren ist, dürfte im Wesentlichen den ausgiebigen Veranstaltungen für Bildungszwecke, die seit etwa einem Jahrhundert von staatlicher und privater Seite getroffen wurden, sowie den in dieser Periode eingetretenen politischen und wirtschaftlichen Veränderungen zuzuschreiben sein.

 

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