Anhang: Der Fall Courbet.


Der Maler Courbet bildet meines Wissens das auffälligste und interessanteste Beispiel einer Vereinigung hoher künstlerischer Begabung mit ausgesprochener allgemeiner Beschränktheit. Zwar sind die Kunstkritiker über die künstlerische Bedeutung Courbets nicht ganz einig, insofern einzelne ihn geradezu als Genie betrachten, während andere ihn nur als bedeutendes Talent gelten lassen; hohes künstlerisches Vermögen wurde ihm indes von keiner Seite abgesprochen. Den äußeren Lebensgang des Malers können wir hier nur kurz berühren. Gustave Courbet wurde am 10. Juli 1819 als Sohn wohlhabender Bauersleute in Ornans bei Besançon geboren, war von seinem Vater für den Advokatenberuf bestimmt und kam mit 20 Jahren nach Paris, wo er, statt nach dem Wunsch seines Vaters die Rechte zu studieren, die Ateliers von August Hesse und Steuben besuchte und sich der Kunst völlig widmete. Die Richtung, welche er in der Malerei vertrat, war die des unverfälschten Realismus, und er wurde in Bezug auf diesen der Gründer einer Schule oder Sekte. Der Realismus Courbets war jedoch nicht das Resultat irgend welcher Überlegungen, sondern in der Art seines Talents begründet. "Sein absoluter Mangel an Phantasie", bemerkt Maxime Descamps, "die unüberwindlichen Schwierigkeiten, die er empfand, wenn es galt, ein Gemälde zu komponieren, hatten ihn dazu gebracht, den sogenannten Realismus zu begründen, d. h. die genaue Wiedergabe der natürlichen Dinge ohne Unterschied, ohne Auswahl, wie sie sich dem Blick darbieten".

Camille Lemonnier nennt Courbet den grand peintre bête, den Maler der groben Materie, der nicht einsah, warum man etwas malen solle, was man nicht unter den Füßen fühlte. Der Kunstrichtung Courbets erwuchsen zahlreiche Gegner; seine Bilder wurden von den Ausstellungen vielfach zurückgewiesen; trotz alledem gelang es ihm, da er kein Mittel, das ihm förderlich schien, verschmähte, sich einen bedeutenden Namen und Vermögen zu erwerben. Infolge seiner Beteiligung an dem Kommuneaufstand 1871 wurde er mit der Zerstörung der Vendômesäule betraut, die er auch ausführte. Vor dem Kriegsgericht, das ihn nach seiner Gefangennahme abzuurteilen hatte, suchte er auf die demütigste Weise sein Vorgehen zu entschuldigen, und er wurde auch nur zu einer sehr mäßigen Strafe (6 Monate Gefängnis) verurteilt. Nach seiner Freilassung begann er jedoch alsbald über seine vandalische Tat sich in weniger bescheidener Weise zu äußern und sich damit zu brüsten, daß er die Säule bezahlen werde, bis sich schließlich die Regierung veranlaßt sah, ihn beim Worte zu nehmen und von ihm 323 091 Frs. Schadenersatz beanspruchte. Dies war dem sehr am Geld hängenden Meister etwas zu viel; er entfloh in die Schweiz und starb dort am 31. Dezember 1877, nachdem er in längeren Verhandlungen mit der Regierung sich zu jährlichen Zahlungen von 10000 Frs. verpflichtet hatte. Courbet war ein Mensch von dürftiger Schulbildung, er konnte nicht orthographisch schreiben, und es wird von ihm berichtet, daß der Anblick eines Buchs ihn in Zorn versetzte und daß er vor einem Tintenfaß geradezu zurückprallte. Seine Lektüre beschränkte sich im wesentlichen auf die Zeitungen, die sich mit ihm beschäftigten. Die Beschränktheit äußerte sich bei ihm vorwaltend in geradezu maßloser Eitelkeit und Selbstüberschätzung, mit der entsprechende Unterschätzung Anderer Hand in Hand ging. Als die Jury der Weltausstellung 1855 die von Courbet eingereichten 40 Bilder nicht sämtlich annahm, veranstaltete er eine separate Ausstellung derselben, die, da es sich zum größten Teil um Selbstporträts des Malers handelte, lediglich seiner persönlichen Eitelkeit diente. Das Glaubensbekenntnis, das er in Form einer Vorrede dem Katalog beizugeben für gut fand, war wahrscheinlich von einem Freund verfaßt. Das Kreuz der Ehrenlegion, das ihm im Jahre 1870 von der Regierung verliehen wurde, wies er in einem an den Minister gerichteten (ebenfalls von einem Freund verfaßten) Schreiben voll hochtrabender Phrasen zurück, und er rühmte sich nachträglich, daß seit dem Kreuze Christi kein Kreuz in der Welt so viel von sich reden gemacht habe, als das ihm zugedachte. Ernstzunehmende Personen, welche Courbet genau kannten, versichern, daß er bei der Zerstörung der Vendômesäule von persönlichen Motiven bestimmt wurde. Courbet war nämlich der Ansicht, daß durch Napoleons Ruhm der seinige beeinträchtigt werde. Seine Gemälde erschienen ihm wie Rosenberg bemerkt, bedeutender als gewonnene Schlachten, das Konkordat und der Code civile. Selbst Meyer-Gräfe, der Courbet als Künstler sehr hoch stellt, kann nicht umhin, zuzugeben, daß seine Überhebung über seine Zeitgenossen an Frechheit grenzt. Als Beleg führt der Autor Folgendes an: 1862 sagte er einmal zu Corot: "Wer sind heute die wirklichen Maler in Frankreich? — Ich! — lange Pause — und dann Sie!" Und Corot äußerte später einem Freund gegenüber: "Wenn ich nicht dabei gewesen wäre, hätte er mich gerne vergessen." Ebenso, wie über seine Zeitgenossen, erachtete er sich über die Meister früherer Jahrhunderte erhaben. Das Urteil, das er über die Heroen der Renaissance, Tizian, Leonardo da Vinci usw. fällte, war so geringschätzig, daß es geradezu Empörung hervorrief. Die Selbstüberschätzung Courbets beschränkte sich jedoch nicht auf seine künstlerischen Leistungen. Er betrachtete sich als eine Art Universalgenie und wollte auch als Philosoph, Moralist und Politiker Geltung erlangen. Und doch war er bei seiner mangelhaften Bildung nicht imstande, ein philosophisches Werk zu verstehen. Seine Sozialtheorie war ebenso läppisch, wie seine Auffassung der Politik, die er als eine Art Bierulk betrachtete. Selbst Graf d'Ideville, welcher der Künstlerschaft Courbets die größte Anerkennung zollte, konnte nicht umhin, zuzugestehen, daß ihm "der Philosoph, Moralist und Politiker Courbet als Idiot erscheine." Die Dummheit Courbets war schon zu seinen Lebzeiten in den Kreisen, mit welchen er verkehrte, wohl bekannt und Gegenstand vielfacher Verhöhnung und Ausnützung. Diese Dummheit hätte jedoch allein keinen genügenden Boden für seine gigantische Selbstüberschätzung geliefert, es mußten ihr andere ungünstige Momente zu Hilfe kommen. Solche bildeten die alkoholischen Neigungen des Künstlers — er war Potator — und die üble Gesellschaft, die sich um ihn scharte, zum Teil, weil sie von ihm Nutzen zog. Diese Leutchen machten sich den Spaß, ihm einzureden, daß er alles könne, was er wolle, daß er ebensowohl Philosoph, Nationalökonom und Staatsmann, wie Künstler sei. Jahre hindurch fortgesetzt verfehlten diese törichten Reden nicht, die Aufgeblasenheit des Künstlers, dem infolge seiner Beschränktheit jede Selbstkritik fehlte, ins Maßlose zu steigern.

Der Fall Courbet zeigt uns deutlich, wie sehr die intellektuelle Taxation des Individuums von dessen Lebensumständen abhängt. Wäre Courbet wie sein Vater Bauer geblieben, und hätte er als solcher, wie er es als Künstler tat, seinen materiellen Vorteil mit rücksichtsloser Energie verfolgt, so hätte man sicher keine Berechtigung gehabt, ihn als beschränkt anzusehen. Bei dem Künstler Courbet dagegen, der in der großen Weltstadt lebte und auch auf anderen Gebieten als dem der Kunst sich hervortun wollte, mußte der Abstand zwischen seinem künstlerischen Vermögen und dem Grad seiner intellektuellen Allgemeinbegabung in einer Weise hervortreten, daß man nicht umhin konnte, ihn als Schwachkopf zu betrachten. Der Fall Courbet ist aber auch ein recht bemerkenswerter Beleg dafür, daß unter den intellektuellen Gaben die Kunsttalente eine ganz besondere Stellung einnehmen. Das eine oder andere dieser Talente kann bei sehr niederem Stand der Allgemeinbegabung gut, sogar bedeutend entwickelt sein. Andrerseits können aber auch diese Talente bei Individuen von bedeutender Intelligenz eine sehr geringe Entwicklung aufweisen oder selbst ganz fehlen. Man kann diese Erfahrung phylogenetisch dahin deuten, daß die Kunsttalente einen späteren Erwerb der menschlichen Rasse bilden als die übrigen intellektuellen Fähigkeiten1).

 

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1) Vergl.: A. Rosenberg. Geschichte der Modernen Kunst 1894 und J. Meier-Gräfe. Courbet und Corot, Leipzig-Inselverlag.


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