[Die Dummheit in der Dichtkunst. Die beschränkten Dichterlinge und deren Leistungen.]


Der Ruhm des Dichters hat so viel Verlockendes, daß man es begreiflich finden kann, wenn nach demselben neben den Auserwählten auch zahlreiche Nichtberufene streben. Unter den letzteren sind die Beschränkten mit einem erheblichen Kontingent vertreten, und ihre Werke tragen den Stempel ihrer Geistesart, in welcher Form dieselben auch erscheinen mögen. Manche dieser Dichterlinge besitzen eine gewisse Gewandtheit im Reimen, die sie für eine poetische Ader halten und zu Versen ausnützen, in welchen die trivialsten und albernsten Gedanken in gewisse Füße mit Ach und Krach gezwängt werden. Andere verlegen sich darauf, berühmte Muster nachzuahmen und dieselben in ihren Versen durch hohlen Pathos und Phrasengeklingel zu übertreffen. Die Dichteritis ist bekanntlich eine psychische Affektion, welche sehr viele Individuen in jüngeren Jahren und insbesondere unter dem Einfluss der Liebe heimsucht. Die Kinder der Musen, welchen diese Affektion zum Dasein verhilft, bleiben glücklicherweise zum größten Teil der Welt verborgen, weil die Erzeuger den Unwert oder die Unreife ihrer Werke erkennen oder nur zu ihrem Vergnügen, ohne irgend ein Verlangen nach Ruhm sich mit Dichten beschäftigen. Man könnte fragen, wie es trotzdem möglich ist, daß so manches Bändchen Gedichte gedruckt wird, über dessen Unwert die Verleger doch im allgemeinen nicht im Unklaren sein können. Die Drucklegung derartiger poetischer Ergüsse findet gewöhnlich ihre Erklärung darin, daß die Autoren die Kosten tragen. Manche derselben sind Söhne reicher Eltern und können sich als solche sogar den Luxus einer feineren Ausstattung ihrer Werke erlauben. Allein auch weniger Begüterte bringen mitunter schwere Opfer, um sich den Hochgenuß zu verschaffen, ihre Verse gedruckt zu sehen und sie, da auf besonderen Absatz kaum zu rechnen ist, wenigstens Freunden und Freundinnen dedizieren zu können. Es mangelt aber auch nicht an Fällen, in welchen von der Dichtmanie erfaßte beschränkte, arme Schlucker ihre schauderhaften Reimereien auf eigene Kosten drucken lassen und von deren Verschleiß eine kümmerliche Existenz fristen. Der bedeutendste Repräsentant dieser tragikomischen Sorte von Dichterlingen war wohl Wilhelm Sauter, der in den 60 er und 70 er Jahren des vorigen Jahrhunderts durch den zum Teil köstlichen Blödsinn, den er in Form von Gedichten verübte, viel von sich reden machte. In einem mir vorliegenden, von ihm verfaßten Festgedicht zur 400 jährigen Jubiläumsfeier der Universität München unterzeichnete er sich: "Carl Wilhelm Sauter in Nürnberg, Patriot im deutschen Kaiserreich, berühmt als Sauter von der Pegnitz, Autor und Eigentümer seiner selbstverfaßten poetischen Klänge, Uraniden, Orionen, seiner Selbstbiographie nebst dem System seiner Natur- und Lebensphilosophie, Gedichte auf Schillers dramatische Charaktere, erste und zweite Lieferung usw. usw. Literat: kosmopolitischer Naturphilosoph, Astralide, welcher glaubt, daß durch die Sonne von Stern zu Stern der Menschengeist fortlebt" 1).

Aber nicht nur das Gebiet der Lyrik wird von den beschränkten Dichterlingen bebaut, auch die Novelle und der Roman bilden Objekte ihres Schaffens. Die Betreffenden besitzen gewöhnlich eine rege, weder durch Reflexionen noch durch Wissen eingedämmte Phantasie, und wo diese sie im Stiche läßt, nehmen sie Anleihen bei bekannten Werken, um den Faden ihrer gewöhnlich auf Spannung abzielenden Erzählungen weiterzuspinnen. Auf diese Weise entsteht ein guter Teil unserer Hintertreppenliteratur, zumal ja manche dieser Dichterlinge auf Verdienst angewiesen sind und selbst um sehr kärglichen Lohn Material zur Füllung zahlreicher Hefte liefern.

Was an Minderwertigem in der poetischen Literatur geleistet wird, rührt jedoch keineswegs lediglich von den Beschränkten her. An die eben erwähnten Dichterlinge reihen sich die zwar nicht der Begabung, aber der Urteilsreife und Selbstkritik in erheblichem Maße ermangelnden Lyriker an, die sich gelegentlich an einem reinen Wortschwall zu berauschen scheinen. Zwei Proben dieser Art poetischer Leistungen aus einem mir vorliegenden Bändchen Gedichte mögen genügen:

 

Ultima ratio.

 

Weil ewig, ewig wir die Seele suchen

Und alle Mauern stürmen, die uns trennen,

Mit neuen Namen wollen wir uns nennen,

Weil ewig, ewig wir die Seele suchen.

 

Denn das Geheimnis schläft im Augenblicke,

Und wir vergehn, wenn wir es nicht finden,

Zu gerne tappen wir in ew'gen Schlünden —

Doch das Geheimnis schläft im Augenblicke!

 

Dem Unerkanntesten die Treue halten!

Wir kennen nur die Schatten und Gespenster,

Die lauern rings — zum Wirklichen kein Fenster —

Dem Unerkanntesten die Treue halten!

 

Wir.

 

Wir stürmen dahin

Im Lichte der Tage,

Doch unsere Wege

Sind dunkel.

Verlorene Sterne stäuben

Unter den Rädern hinweg;

Durch das Blachfeld des Alltags,

Der Liebesminuten

Gedrängte, selige Fülle

Weiter und weiter — —

Verwundert blicken auf uns

Aus Aeonenruhe

Die tief gebundenen Mächte des Seins;

Auf uns mit den hellen Fackeln —

Die sie nicht erleuchten,

Den hellen Augen —

Die sie nicht schauen

Auf uns, die in allen Abgründen

Sich selbst ewig suchen, sich selbst ewig finden —2).

 

Ich glaube, es dem Leser ruhig überlassen zu dürfen, ob er diesen Phrasen einen Sinn abgewinnen kann; mir ist es nicht gelungen.

 

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1) Eine seiner Gedichtsammlungen hat, soweit ich mich erinnere, folgendes Motto: "Des Lebens Unverstand mit Wehmut zu genießen, ist Tugend und Begriff".

2) Ich ziehe es vor, ben Namen des Dichters zu verschweigen, da dies für ihn vorteilhafter sein dürfte.


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