[Die Dummheit in den bildenden Künsten. Unterschied in der Begabung für Poesie und bildende Kunst. Der Dilettantismus in der Malerei und seine Produkte. Minderwertige Leistungen talentierter Künstler.]


Ein dichterisches Talent kann sich immer nur auf dem Boden einer trefflichen Allgemeinbegabung entfalten. Ein beschränkter Kopf ist daher nie imstande, ein poetisches Werk von wahrem Werte zu schaffen, da seine Begabung ihm hierzu nicht das erforderliche Gedankenmaterial liefert. Anders liegen die Dinge bei den bildenden Künsten. Das Talent für diese ist, wie wir gesehen haben, nicht an eine höhere Allgemeinbegabung gebunden, und es kann daher auch ein Beschränkter, wie der Fall Courbet lehrt, Werke von höherem künstlerischen Werte produzieren, weil das darzustellende Objekt weder eine reiche Phantasie, noch tiefsinnige Gedanken erheischen mag. Bei den Erzeugnissen der Dichtkunst ist der Gedankeninhalt immer die Hauptsache, die Form, wenn auch nicht nebensächlich, doch stets untergeordnet. Die Beurteilung einer dichterischen Leistung erheischt daher keine besonderen Fachkenntnisse. Bei den bildenden Künsten wird dagegen unser Urteil über den Wert eines Werkes in erster Linie durch die Art der Darstellung, die Form, bestimmt. Der dargestellte Gedanke, das Objekt, kann höchst einfach und banal sein, ohne daß deshalb der Kunstwert des Werkes geschmälert wird oder gar verloren geht. So ist auf einem berühmten Gemälde Manets lediglich ein Bund Spargel, auf einem ebenfalls künstlerisch hochgewerteten Gemälde Van Goghs lediglich ein paar Lederstiefel dargestellt. Die Ansichten über die Technik, welche den Anforderungen der Kunst am meisten entspricht, gehen jedoch selbst in den hier in erster Linie maßgebenden Kreisen — bei den Künstlern — weit auseinander, so daß z. B. Gemälde, welche bis vor einem Dezennium als Zierden unserer Galerien galten, heute von Manchen als minderwertig erachtet werden, und andere, die vor 10 Jahren mit Achselzucken betrachtet wurden, heute als vollendete Kunstwerke gelten. Diese Sachlage hat die Folge, daß der Laie mit seinem Urteil über Werke der bildenden Kunst im allgemeinen und speziell mit der Annahme von Dummheiten auf diesem Gebiet sehr zurückhaltend sein muß. Manches, was ihm entschieden mißfällt, mag vom Standpunkt einer gewissen Kunstrichtung aus völlig gerechtfertigt sein. Trotz alledem läßt sich behaupten, daß heute ungemein viel Minderwertiges und Wertloses, sogenannter Schund, produziert wird. Es hängt dies z. T. mit der Ausdehnung zusammen, welche die dilettantische Ausübung der Malerei gewonnen hat. Es ist ja fast Mode geworden, daß die höhere Tochter nach Verlassen des Instituts noch einige Zeit Malunterricht nimmt. Die Mehrzahl dieser jungen Damen ist ebenso wie die ihrer männlichen dilettierenden Kollegen talentlos und sieht die Dürftigkeit ihrer Kunstleistungen ein. Es mangelt unter ihnen aber auch nicht an solchen, bei welchen sich zu dem Talentmangel noch ausgesprochene allgemeine Beschränktheit oder eine gewisse Verblendung durch Eitelkeit gesellt, infolge welcher sie ihre Klexereien als Kunstwerke taxieren und nicht nur zum Schmucke des eigenen Heims und zu Geschenken verwenden, sondern auch gelegentlich auf den Bildermarkt bringen. Zu den beschränkten Dilettanten kommen die berufsmäßig der Kunst Beflissenen, die über ihre Talentlosigkeit im Unklaren sind, und jene armen Schlucker — man könnte sie Kunstparias nennen — die aus Not Dutzendware zu Taglöhnerpreisen liefern. Die Stümpereien dieser Sorte von Künstlern bekommt man wohl nur selten auf Ausstellungen zu Gesicht, da sie gewöhnlich von den Juris ferngehalten werden, und die Mängel, die an denselben zutage treten, gehören in der Regel ausschließlich oder vorwaltend dem Gebiet der Technik (Zeichnung, Farbe etc.) an. Es fehlt aber auch nicht an Fällen, in welchen das Manko ausschließlich das Objekt der Darstellung betrifft. Da kommen zunächst die Bilder in Betracht, in welchen eine Idee überhaupt nicht in verständlicher Weise zum Ausdruck gelangt. So fand sich vor mehreren Jahren in einer unserer Ausstellungen ein Bild, "Herbst" beutelt, auf dem nichts als spiralförmig angeordnete farbige Tupfen zu sehen waren. Auf einem anderen ebenfalls hier ausgestellten Bild, das ein Waldinterieur darstellen sollte, waren lediglich regellos angeordnete, allerdings zum Teil prächtige Farbenflecke, dagegen nichts von einer Zeichnung zu erkennen1).

 

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1) Der Künstler, der dieses Bild lieferte, war geisteskrank.


 © textlog.de 2004 • 17.10.2017 06:14:59 •
Seite zuletzt aktualisiert: 13.12.2009 
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