[Die ungünstige Beurteilung von Reformbestrebungen.]


Die Urteilsschwäche intelligenter Personen, die sich in der Überschätzung der Leistungen des gesunden Menschenverstandes kundgibt, beschränkt sich nicht auf medizinische und hygienische Angelegenheiten, sie tritt auch auf den verschiedensten anderen Gebieten zutage und äußert sich bald in positiven, bald in negativen Urteilen. Da wo Erfahrungen und Fachkenntnisse allein ein zutreffendes Urteil ermöglichen, werden Meinungen laut, die sich auf nichts als ganz oberflächliche, oft auch irrtümliche Vorstellungen von dem Sachverhalte stützen. Es gibt sich dies insbesondere auf all' jenen Gebieten kund, auf welchen Reformen und Neuerungen angestrebt werden. So ist der Sozialismus für viele, die sich nicht mit dem Wesen desselben bekannt gemacht haben, lediglich eine Utopie hirnverbrannter Köpfe, der Sozialist, ein Proletarier, der nichts arbeiten und möglichst angenehm leben will. Die Antialkoholbewegung wird als Narrheit betrachtet, als Ausgeburt sauertöpfischer Köpfe, welche, selbst des Genusses unfähig, den Menschen die Lebensfreude schmälern wollen. Die Bestrebungen, unsere Strafgesetze auf Grund unserer derzeitigen kriminal-anthropologischen und psychologischen Kenntnisse zu reformieren, sollen lediglich Ausfluß einer übertriebenen, ungerechtfertigten Humanität sein, welche zu den bedenklichsten Konsequenzen führt.

Manche sehr kluge Herren hielten wenige Jahre vor der ersten Zeppelinfahrt alle Bemühungen, ein lenkbares Luftschiff herzustellen, für ein aussichtsloses Unternehmen und betrachteten die Hartnäckigkeit, mit der Graf Zeppelin seine Versuche in dieser Richtung fortsetzte, als die Schrulle eines Sonderlings.


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