[Gelegentliche Urteilsschwäche bedeutender Dichter.]


Auch in den Werken hervorragender Poeten findet sich manches, was ihrer Begabung nicht völlig entspricht, ja sogar manches, was auf eine entschiedene Urteilsschwäche zurückgeführt werden muß. Ich will hier nur ein Beispiel anführen: in der "Letzte Dorfgänge" betitelten Sammlung von Erzählungen Ludwig Anzengrubers findet sich eine Skizze: "Abgesprungen und aufgetrennt (aus den Erzählungen eines Weiberfeindes)". Die kleine Erzählung beschäftigt sich mit einem jungen Ehepaare Trendel, bei welchem es trotz der außergewöhnlichen Sanftmut des Gatten zu Zerwürfnissen kam, die zuletzt zur Trennung führten, weil Frau Trendel ungeachtet fortgesetzter Mahnungen es verabsäumte, Wäsche und Kleider ihres Mannes in Stand zu halten. Den Anstoß zu den in Frage stehenden Dissidien gab eine in ihrer Art phänomenale Nachlässigkeit der Frau. Ihr Gatte, ein subalterner Beamter, hatte sich dem Chef seines Departements vorzustellen, um ihm ein Gesuch wegen einer vakanten Stelle zu überreichen. Bevor er sich in die entsprechende Toilette warf, hatte er seine Frau eindringlichst gebeten, jedes seiner Kleidungsstücke einer genauen Prüfung zu unterziehen. Trotzdem mußte er die Erfahrung machen, daß die beiden hinteren Knöpfe seines Beinkleides den Zug der Hosenträger nicht auszuhalten vermochten und abrissen. Auf seine Klage antwortete die Gattin: "Sei kein Kind, das mache ich ja mit einigen Stichen!", und sie tat es auch. Die Folge war, daß die beiden Knöpfe in der Audienz wieder abrissen, was für Trendel zu einer sehr peinlichen Situation mit unliebsamen Folgen führte.

Gegen diese Erzählung ist folgendes zu bemerken: Selbst eine schwachsinnige Person weiß, daß ein Knopf, der nur mit einigen Stichen angenäht ist, sehr leicht reißt. Frau Trendel ist nach der Schilderung des Dichters zwar eine sehr faule, aber durchaus keine schwachsinnige Person. Sie mußte daher ebenfalls wissen, daß man mit einigen Stichen einen Knopf nicht fest annähen kann, und trotz ihrer Trägheit bei der Wichtigkeit des Falles und nach den Mahnungen ihres Gatten, den sie liebte, die Knöpfe gehörig annähen. Wenn der Dichter sie dies verabsäumen ließ und daran eine tragikomische Szene knüpft, so hat er etwas psychologisch, unter den vorliegenden Verhältnissen wenigstens, Unmögliches angenommen, einen Sachverhalt geschildert, der der Lebenswahrheit völlig entbehrt, was bei dem hervorragenden Poeten nur durch eine Urteilsschwäche zu erklären ist, die mit seinen übrigen intellektuellen Leistungen nicht im Einklang steht.

 

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