[Die Aufsatzleistungen als Gradmesser der geistigen Begabung. Aufsatzleistungen von guten und schwachen Schülern aus 3 Volksschulklassen. Leistungen der beschränkten Schüler im Rechnen, in der Orthographie und im Lesen.]


Unter den Schulleistungen der Kinder geben diejenigen im Aufsatz die besten Anhaltspunkte für die Beurteilung der geistigen Begabung; Reichtum und Armut an Vorstellungen,. Auffassungs- und Urteilsvermögen, Gedächtnis und Aufmerksamkeit finden hierbei eine Art Stichprobe. Selbstverständlich können nur Aufsätze in Betracht kommen, welche das Kind in der Schule anfertigt, wobei die Möglichkeit einer Hilfe durch Dritte ausgeschlossen ist. Das freundliche Entgegenkommen eines hiesigen Lehrers verschaffte mir eine Anzahl von in der Schule gefertigten Aufsätzen von Schülern und Schülerinnen der 2. bis 6. Klasse, und zwar von gut wie schwach begabten, und ein Vergleich der Leistungen der beiden Kindergruppen läßt die Mängel, die der Dummheit des Erwachsenen eigen sind, auch hier schon überall hervortreten.

Wir wollen hier einige Beispiele folgen lassen. Über den "Schwan" lieferten 2 Schüler der 2. Klasse, ein guter und ein schwacher, folgende Aufsätze. Der gute Schüler schrieb:

 

Der Schwan.

Der Schwan ist fast den ganzen Tag im Wasser. Nur manchmal ist er am Ufer. Wenn er am Ufer ist, dann ist er langsam. Wenn er aber im Wasser ist, dann ist er schnell. Auch wird er nie naß, weil er sich mit Fett bestreicht. Der Schwan ist ein Ziervogel. Die Kinder freuen sich, wenn sie ihn mit Brot füttern können. Der Schwan ist so gern im Wasser, weil er da seine Nahrung findet, er findet kleine Fischlein und Würmer, Wasserpflanzen.

 

Der schlechte Schüler schreibt:

 

Der Schwan

ist dem ganzen tage im Wasser und findet siene narun und hatte hinter sich eine Schwimmhaut am Ufer ist er langsam aber im Wasser ist er flingk.

 

Es handelte sich bei diesem Aufsatz hauptsächlich um eine Gedächtnisleistung, da das Thema jedenfalls mit den Kindern vorher ausführlich durchgegangen wurde. Wir sehen, wie außerordentlich dürftig das von dem schlechten Schüler Reproduzierte ist, und daß dieser auch den Sinn des Vorgetragenen nicht richtig zu erfassen oder wiederzugeben vermochte ("hatte hinter sich eine Schwimmhaut"). Auch die orthographischen Fehler, die ebenfalls auf Gedächtnismangel zurückzuführen sind, verdienen Beachtung.

In der 3. Klasse wurde als Thema eine Schilderung : "Aus den Osterferien" gegeben. Ein guter Schüler schrieb:

 

Aus den Osterferien.

Kaum war das schöne Weihnachtsfest vorbei, freuten sich die Kinder schon wieder auf den Osterhasen. Am Ostersonntag, als es kaum hell war, eilten sie aus den Betten und gingen auf die Eiersuche. Die braven bekamen bunte Eier und allerlei schöne Sachen, die bösen aber nichts. Auch ich stand sehr früh auf und zog mich schnell an. Meine Schwester aber beeilte sich nicht so wie ich, weshalb ich mit dem Suchen noch warten mußte. Als sie mit dem Ankleiden fertig war, bekamen wir Körbchen, mit denen wir in den Garten gingen, um die Ostergeschenke zu sammeln. Der Osterhase war sehr schlau gewesen. Er hatt die Eier Erdbraun gefärbt und sie halb in die Erde hineingesteckt, so daß man sie nicht gleich sehen konnte. Die braunen Lebkuchen hatte er in Bäumchen versteckt, an denen noch dürres Laub war. Außerdem bekamen wir Eier, Häschen, Lämmchen und Hühnchen aus Schokolade. Das war eine Freude.

 

Ein schwacher Schüler schrieb:

 

Aus den Osterferien.

Die Osterferien sind schön gewesen. In die Osterferien haben wir gespielt. Am Carsamstag bin ich in die Auferstehung Gristi gewesen. Zuerst war die Pretigt. Dann die Auerstehung. Das Welthen gewesen. Im Ostersontag ganz allein in Schwawing gewen da haben wir Geschussert.

 

In der schriftlichen Leistung des beschränkten Schülers tritt uns vor allem dessen Gedankenarmut entgegen. Von seinen Erlebnissen in den Osterferien reproduziert er nur wenige und zusammenhanglose Einzelheiten. Sein Vorstellungsschatz hat durch die Vorgänge der Osterzeit offenbar nur eine sehr geringe Bereicherung erfahren. Daneben macht sich ein auffälliger Mangel an Aufmerksamkeit geltend, der sich darin äußert, daß er eine ganz sinnlose Stelle hinschreibt: "das Welthen gewesen".

In der 4. Klasse wurde die Erzählung "Der be-ladene Esel" einmal vorgetragen, und die Schüler mußten sie schriftlich sofort wiedergeben. Schüler A, Sohn eines Schaffners, schrieb:

 

Der beladene Esel.

Ein Esel mußte einen Sack, der mit Salz gefüllt war, durch einen Bach tragen. In der Mitte des Wassers stürzte er nieder. Als er wieder aufstand, merkte er, daß die Last leichter geworden war, denn ein Teil des Salzes hatte sich im Wasser aufgelöst. Das freute den Esel und er dachte sich, das will ich mir für ein anderesmal merken und trabte weiter. Ein paar Tage darauf mußte er wieder durch den Bach. Diesmal trug er Schwämme auf dem Rücken. Nun stolperte er mit Absicht mitten im Bach und fiel hinein. Aber die Schwämme sogen viel Wasser auf, die Last wurde jetzt viel schwerer. Nur mit Mühe konnte sich der Esel wieder erheben. Nun mußte er die schwere Last weiterschleppen.

 

Der Schüler B, Sohn einer Taglöhnerin, schrieb:

 

Der Esel.

Ein Esel mußte über einen Bach. Da fiel er in den Bach hinein. Da ist das Salz leichter. Jetzt ging er weiter. Dann mußte er wieder über den Bach. Er trug Schwämme. Er fiel wieder hinein. Jetzt war die Last schwer. Der Esel legte sich ins Gras und hat gerastet.

 

Der wohlbegabte Schüler A hat, wie wir sehen, die Details der Erzählung gut im Gedächtnis behalten, das Wesentliche von dem Unwesentlichen unterschieden, den Zusammenhang der einzelnen Vorgänge richtig aufgefaßt und deren Aufeinanderfolge in durchaus korrekter Weise wiedergegeben. Der beschränkte Schüler B hat von der Erzählung nur einzelne Details im Gedächtnis behalten, den logischen Zusammenhang der Vorgänge nicht erfaßt und deshalb auch zwischen Wesentlichem und Nebensächlichem nicht unterschieden. Seine Wiedergabe der Erzählung enthält nur zusammenhanglose Einzelheiten. Die Mangelhaftigkeit des Auffassungsvermögens, die Gedächtnis- und Urteilsschwäche, welche die Dummheit charakterisieren, treten uns hier deutlich entgegen.

Das Beispiel, das wir schließlich noch folgen lassen, zeigt in recht prägnanter Weise, wie weit bei gleicher Beobachtungsgelegenheit und gleicher Belehrung der Vorstellungserwerb des beschränkten Schülers hinter dem des begabten zurückbleibt. Es wurde ein Klassenausflug in das Dachauermoor unternommen. Nach demselben wurden die Schüler aufgefordert, ihre Eindrücke in Form eines Briefs niederzuschreiben. Der begabte Schüler A schrieb:

 

Lieber Ludwig!

Vor zwei Wochen machten wir mit unserem Herrn Lehrer einen Ausflug in's Dachauermoor. Dort ist es still und öd. Der Moorboden ist weich und schwarz und so eben wie ein Tisch. Wir sahen viele Torfhütten, in denen eine Menge Torf aufgeschichtet war. Der Herr Lehrer sagte: Die Sonne und der Wind müssen hier den Torf trocknen. Viele Weiden und Birken haben sich im Moore, angesiedelt. Binsen und Schilfrohr wachsen in den Bächen, welche das Moor durchziehen. An einigen Stellen wächst mageres Gras. Wir bemerkten auch mehrere Hasen und ein Rudel Rehe. Auf den Dächern der Torfhütten saßen Wildenten. In den Sümpfen wohnen viele Frösche. Der Sygfried hat einen gefangen und mit nach Hause genommen. Warst Du schon im Moore? Dort kannst Du auch den Torfstich sehen.

Es grüßt Dich usw.

 

Schüler B schrieb:

 

Wir gingen nach Moosach. Als wir in Moosach waren, fuhren wir nach Schleißheim. Der Moorboden ist schwarz. In dem Moor sind mehrere Torfhütten aufgeschichtet. Da ist es lustig. Auch Eichbäume haben wir gesehen. Dann aßen wir. Dann gingen wir weiter. Jetzt fuhren wir heim.

Gruß!

 

Inwieweit es sich bei dieser sehr schwachen Leistung um Mängel der Merkfähigkeit oder der Beobachtung infolge geringen Interesses handelt, ist nicht zu entscheiden. Sehr beachtenswert ist neben der höchst dürftigen Reproduktion des Wesentlichen des Aufsatzgegenstandes die Hervorhebung untergeordneter und nebensächlicher Dinge, sowie die Unbeholfenheit des Ausdruckes, die auf Unzulänglichkeit des Sprachschatzes beruht.

Ein weiteres Beispiel soll die Unterschiede in dem Vorstellungsbesitz und der damit zusammenhängenden Phantasietätigkeit bei wohlbegabten und beschränkten Schülern illustrieren. Das zu behandelnde Thema lautete: "Was ich mir vom Goldvögelein (das jeden Wunsch erfüllt) wünsche." Schüler C, Sohn eines Kaufmanns, schrieb:

 

Ich möchte ein mächtiger König sein. Ich würde mir im Gebirge an einem See ein prächtiges Schloß bauen und einen herrlichen Park herrichten. Dort würde ich regieren. Ich würde mir die schönsten Gewänder machen lassen aus Gold und Edelsteinen und meine Wohnung mit goldenen Möbeln ausstatten. Ich würde mir die teuersten Speisen kochen lassen und fröhliche Gäste dazu einladen. Ich würde mir viele Diener halten. In den Stallungen müßten viele Pferde stehen, da würde ich reiten und fahren nach Herzenslust. Oh, wenn ich doch ein König wäre.

 

Schüler D, Sohn eines Gastwirtes, schrieb:

 

Ich tät mir einen Luftballon wünschen. Dann tät ich in das Gebirge hineinfahren. Beim Gebirg tät ich einen Adler schießen. Dann tät ich auf die Zugspitze hinauffahren. Dann tät ich wieder heimfahren.

 

Wir sehen wie wenig entwickelt die Phantasie, wie arm der Wortschatz und wie unbeholfen infolgedessen die Ausdrucksweise des beschränkten Schülers ist.

Ein weiterer hier erwähnenswerter Zug, der mir in sämtlichen Aufsätzen schwach begabter Schüler entgegentrat, ist das Haften am Materiellen. Während z. B. bei der Schilderung eines Ausfluges der begabte Schüler von den Eindrücken, die er von der durchwanderten Gegend erhielt und der Freude, die ihm das Gesehene bereitete, eingehend berichtet, hält sich, wie wir schon gesehen haben, der Beschränkte bei diesen Details nie lange auf. Dagegen verabsäumt er nicht, der Spiele, an denen er teilnahm, und insbesondere des Essens zu gedenken.

Der Sinn für ideelle Genüsse ist offenbar bei dem beschränkten Kinde weniger entwickelt, als bei dem wohlbegabten, und diese Eigentümlichkeit erhält sich bei dem Individuum gewöhnlich während seines ganzen Lebens.

Beachtenswert ist ferner der Umstand, der mir von Lehrern berichtet wurde, daß Schüler, die in ihren Aufsätzen eine geringe Begabung bekunden, doch im Rechnen Gutes leisten können, und daß gute Befähigung für das Rechnen demnach keinen Schluß auf den Grad der Intelligenz im allgemeinen zuläßt. Es entspricht dies auch den Erfahrungen bei Erwachsenen, die wir an früherer Stelle erwähnten.1)

Was die Orthographie anbelangt, so ist dieselbe im Wesentlichen Gedächtnis- und Übungssache, zum kleineren Teile Leistung der Urteilskraft. Es ist daher begreiflich, daß auch ein beschränkter Schüler sich die Erfordernisse der Orthographie in der Hauptsache aneignen und hierin einen besser begabten übertreffen kann. Im Großen und Ganzen finden sich jedoch nach meinen Wahrnehmungen in den schriftlichen Leistungen der beschränkten Schüler nicht nur zahlreichere, sondern auch auffälligere orthographische Fehler, als in denen der begabten. Dies entspricht auch ganz und gar dem, was man bei erwachsenen Beschränkten beobachtet.

Das mechanische Lesen lernt der beschränkte Schüler ebensogut, wie der begabte; nur braucht er hierzu bedeutend mehr Zeit, als letzterer. Auf der anderen Seite bildet rasches und müheloses Erlernen des Lesens keinen Beweis für besondere Begabung, und die Erwartungen, welche manche Eltern bezüglich der Intelligenz ihrer Kinder an den Umstand knüpfen, daß diese schon im vorschulpflichtigen Alter sich eine gewisse Lesefertigkeit aneignen, bleiben nicht selten unerfüllt.

Auch in den Handfertigkeiten leisten beschränkte Schüler im allgemeinen weniger, als die begabten.

 

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1) In der 5. und 6. Klasse werben die Unterschiede in den Aufsatzleistungen der guten und wenig begabten Schüler minder auffällig, weshalb ich von Anführung von Beispielen aus diesen Klassen absehe. Der erwähnte Umstand erklärt sich in der Hauptsache wohl daraus, daß in der 5. und 6. Klasse den Schülern und Schülerinnen für die Aufsätze eine Disposition gegeben wird, deren Benutzung Unterschiede in den Aufsatzleistungen, ähnlich wie in den unteren Klassen, nicht zuläßt.


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