[Die Pseudowissenschaften (Geheimwissenschaften): Astrologie, Alchimie. Die praktische Kabbala.]


Ein besonderes Kapitel menschlicher Torheit in der Form der Wissenschaft, das wir noch kurz berühren müssen, bilden die sogenannten Geheimwissenschaften. Sind schon die törichten Anschauungen, denen wir in dem Entwicklungsgang der einzelnen Wissenschaften begegnen, auffällige Zeugnisse einer Kritiklosigkeit, die sich zum Teil durch viele Generationen hindurch fortschleppte, so finden wir in den Geheimwissenschaften eine Sammlung von Ansichten, die trotz Mangels jeder Erfahrungsgrundlage, sowie trotz ihrer Willkürlichkeit und Albernheit nicht nur vom Altertum bis in die Neuzeit sich erhielt, sondern auch zweifellos manche im allgemeinen wohlbegabte Köpfe in ihren Bannkreis zog. Zuvörderst kommt hier die Astrologie in Betracht, welche die Sterne als nächste Ursache aller Ereignisse auf Erden betrachtete und aus ihren Stellungen alles künftige Geschehen auf Erden ableiten zu können glaubte. Keine Aufgabe inbezug auf Vorhersage der Zukunft war ihr zu schwierig. "Erdbeben und politische Umwälzungen", bemerkt Lehmann, "Wind und Wetter, das Schicksal Neugeborener und diplomatischer Verhandlungen, der Ausgang von Kriegen und die Fundstätte verlorener Gegenstände — alles vermag die Astrologie mit Hilfe der Sterne vorauszusagen und zu bestimmen". Diese Wissenschaft zerfiel den verschiedenen Aufgaben entsprechend in verschiedene Zweige, eine politische, meteorologische Astrologie usw., und jeder dieser Zweige hatte seine besonderen Methoden und Regeln. Wenn nun auch ein glücklicher Zufall mitunter das aus den Sternen Geweissagte bestätigt haben mag, so mußten doch diese Treffer gegenüber den Nieten so verschwindend sein, daß man auch hier wieder sich fragen muß, wie sich diese Phantasterei so lange erhalten und selbst von hervorragenden Geistern gläubig hingenommen werden konnte.1)

Etwas verständlicher als die Astrologie ist die Alchemie, die sogenannte Goldmacherkunst, in Wirklichkeit die Sucht, Gold zu machen, was man durch Auffindung eines magischen Elixiers zu erreichen hoffte. Die menschliche Gewinnsucht und die Wertschätzung des Goldes einerseits, andrerseits der Mangel an Kenntnissen auf chemischem Gebiet machen es begreiflich, daß viele Personen nicht nur unendlich viel Zeit und Mühe, sondern auch ihr Vermögen daran setzten, das kostbare Elixier zu entdecken, und keine Enttäuschung sie abzuhalten vermochte, an die Erreichbarkeit dieses Zieles zu glauben. Bemerkenswert ist auch hier, daß selbst bedeutende Gelehrte groben Täuschungen unterlagen. Van Helmont und Helvetius, 2 Ärzte und für ihre Zeit bedeutende Chemiker, glaubten durch Anwendung eines roten Pulvers, das sie von einem Unbekannten erhalten hatten, Gold aus anderen Metallen (Quecksilber und Blei) erzeugt zu haben, während es sich doch nur um Gewinnung eines äußerlich goldähnlichen Metalls gehandelt haben konnte.

Neben der Astrologie blühten bekanntlich lange Zeit als Glieder der Geheimwissenschaften auch andere Wahrsagekünste, die Chiromantie, die Arithmomantie etc. und die praktische Kabbala, die Kunst, die Geister zu beschwören, deren Ursprung man auf König Salomo zurückführte. Wenn man die Anschauungen, die diesen Künsten zugrunde lagen, einer Prüfung unterzieht, so findet man überall nur Annahmen, die nicht das Produkt tiefsinniger Erwägungen und sorgfältiger Beobachtungen, sonöern willkürliche, phantastische, zum Teil unglaublich lächerliche Konstruktionen darstellen. Es ist bekannt, wie verlockend gerade der phantastische Unsinn für beschränkte und verschrobene Köpfe ist, und man kann sich deshalb nicht wundern, daß auch die Geheimwissenschaften und Geheimkünste noch heutzutage manche Anhänger besitzen.

 

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1) Das oben Angeführte bezieht sich auf die Leistungen, welche der Astrologie in früheren Jahrhunderten zugeschrieben wurden. Die Anhängerschaft der Astrologie war im letzten Jahrhundert in den europäischen Kulturländern äußerst gering. In jüngster Zeit haben sich jedoch, wie es scheint, in den Kreisen der Okkultisten Vertreter gefunden, welche die Aufgabe der Astrologie nicht in Weissagungen, sondern in der Erforschung der Beziehungen zwischen planetarischen Einflüssen und irdischen Vorgängen, speziell dem Charakter und den Schicksalen der Menschen, erblicken. Es handelt sich also darum, der Astrologie die ihr bisher fehlende, tatsächliche Begründung in gewissem Maße zu verschaffen. Es wäre verfrüht, wollte man diesen Bestrebungen jede Aussicht auf Erfolg absprechen. Das bisher Vorgebrachte berechtigt allerdings nicht zu großen Hoffnungen.


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