[Die Anarchisten.]


Neben den politischen Parteien der Einzelstaaten, die in ihrem Programm, man darf wohl sagen, doch immer wenigstens einige vernünftige Punkte aufweisen, existiert eine internationale Partei — die Anarchisten — deren Ziele einen durchaus schwachsinnigen Charakter besitzen. Die anarchistische Lehre, obwohl ursprünglich von einzelnen zweifellos geistvollen Männern (Proudhon, Bakunin u. a.) begründet, bildet eine Kette von ausgesprochen törichten, aller Erfahrung widersprechenden Annahmen. "Sie dekretiert", bemerkt Friedmann in seiner trefflichen Abhandlung (Über die Wahnideen im Völkerleben1), "nicht die Gesetze seien durch menschliche konträr-soziale Impulse, sondern die letzteren seien durch die Gesetze provoziert worden, obwohl auch nicht das primitivste Naturvolk ohne streng gehandhabte Gesetze auskommt. Die Tausch- und Eigentumsbeziehungen, welche die Sozialdemokratie in gerechter Weise durch stärkste Staatspolizei erzwingen will, regeln sich für den Anarchismus durch die absolut guten Eigenschaften der Menschen ganz von selbst".

Die Ansicht, daß ein Staat oder überhaupt irgend eine Form menschlicher Gesellschaft auf die Dauer ohne Gesetze bestehen könne, ist so widersinnig, daß dieselbe begreiflicherweise nur wenige Anhänger finden konnte. Dieser Umstand hat Netschajew (1869) auf die Idee gebracht, "die Propaganda der Tat" zu empfehlen, eine Idee, in der Wahnwitz und Verruchtheit sich kombinieren. Durch ungeheuerliche Verbrechen sollte die Aufmerksamkeit aller auf den Anarchismus gelenkt und Schrecken unter den Besitzenden und Regierenden verbreitet werden. Diese Anregung fand, wie die Folge zeigte, in den Köpfen mancher verbrecherisch angelegter Anarchisten einen günstigen Boden und führte bekanntlich zu einer Reihe scheußlicher Untaten. Manche Psychiater (so insbesondere von Krafft-Ebing und Lombroso) haben den Anarchismus wohl hauptsächlich mit Rücksicht auf diese grauenvollen Auswüchse als Ausfluß einer Geistesstörung, einer Verrücktheit mit politischen Wahnideen betrachtet, und es ist wohl auch nicht zu leugnen, daß die Matadoren des Anarchismus und insbesondere die anarchistischen Verbrecher zumeist psychisch abnorme Individuen, Entartete mit intellektuellen und mehr noch mit ethischen Defekten sind. Erfreulicherweise ist es den Regierungen gelungen, wenn auch nicht den Anarchismus zu ersticken, so doch wenigstens die Neigung zur Propaganda der Tat entschieden einzudämmen.

 

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1) Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens Nr. 6 und 7.


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Seite zuletzt aktualisiert: 13.12.2009 
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