[Das amerikanische Parvenutum. Gesellschaftliche Tragikomödien.]


Das Bestreben reich gewordener Geschäftsleute, sich in die von ihnen als die Elite der Gesellschaft betrachteten Kreise einzudrängen und in ihrer Lebensführung es diesen gleichzutun, nimmt in Amerika öfters noch viel ungeschlachtere und lächerlichere Formen an als bei uns. Der Parvenu-Millionär glaubt es dort mitunter seinem Reichtum schuldig zu sein, sein Haus mit Kunstschätzen und den kostbarsten Raritäten zu füllen und eine Dienerschaft in der Art wie der englische Hochadel zu halten. Eine ergötzliche Schilderung von der Behausung eines derartigen Parvenus, der seinen Reichtum seiner Skrupellosigkeit verdankte, eines Mister O'Doyle gibt uns Frau von Heyking in ihren rasch berühmt gewordenen "Briefen, die ihn nie erreichten".

"Auf dem mit blitzenden Kupferplatten belegten Dach stehen zwei große Bronzereiter, ähnlich wie auf dem deutschen Reichstagsgebäude, bei denen man sich auch immer staunend fragt, wie sie wohl da hinaufgekommen sind. Die Haustür ist massiv geschnitzt und entstammt einem alten befestigten Haus bei Golconda; sie ist mit weit vorspringenden eisernen Spitzen versehen, die einst dazu dienten, den Anprall feindlicher Elefantenreiterei aufzuhalten. Durch diese Tür tritt man in eine weite, weißgoldene Halle. Zwei ägyptische Mumienkasten, reich bemalt und vergoldet, mit Deckeln, deren obere Enden Sperberköpfe darstellen, stehen aufrecht, wie Schildwachen zu beiden Seiten einer wunderbaren Malachittreppe, die zu den oberen Stockwerken führt. Es ist eine weltbekannte Treppe, über die die Lebemänner zweier Kontinente geschritten; führten ihre Stufen doch einst zu jener berühmten Aspasia des zweiten Kaiserreichs, der sie ein russischer Großfürst geschenkt."

"Gepuderte Diener mit respektablen englischen Gesichtern standen sich auf den Treppenabsätzen stumm gegenüber. ""Als der Herzog von H. neulich verkrachte,"" erklärte mir Charles W. O'Doyle, ""habe ich nach London telegraphiert und seine ganze Dienerschaft rüberkommen lassen — so war ich doch sicher, Leute zu haben, die in einem anständigen Hause trainiert worden sind.""

Gepuderte Diener in dem Haus eines republikanischen Millionärs, das ist wohl ein ergötzliches Zeichen dafür, welcher Grad von Urteilsschwäche inbezug auf die Anforderungen der feineren Gesellschaft bei einem ungebildeten Menschen neben der größten geschäftlichen Gerissenheit bestehen kann.

Die Dummheit hat auch einen erheblichen Anteil an manchen Tragikomödien, die sich im gesellschaftlichen Leben abspielen. Dem Wunsch, vermögender zu scheinen, als man in Wirklichkeit ist, liegt häufig nur Beschränktheit zugrunde. Man befürchtet, an gesellschaftlicher Achtung zu verlieren, wenn man eine seinen Verhältnissen entsprechende Lebensführung nach außen hin zeigt. Deshalb ist alles darauf berechnet, um den Anschein des Gutsituiertseins zu erwecken und zu wahren. Damen mit den bescheidensten Einkünften kleiden sich elegant und geben Einladungen, die nur dadurch ermöglicht werden, daß an dem Notwendigsten gekargt wird. Man schämt sich, eine gutbezahlte Stellung anzunehmen, und zieht es vor, zu Hause um den kärglichsten Verdienst mühevoll zu arbeiten, weil dies geheim gehalten werden kann. Von besonders üblen Folgen ist die Dummheit mittelloser Eltern, wenn diese ihre Töchter, wie dies nicht selten geschieht, statt sie für einen Beruf ausbilden zu lassen, elegant kleiden, auf Bälle etc. führen, um durch den Anschein der Wohlhabenheit Freier anzulocken. Die Spekulation schlägt häufig fehl, und die armen Mädchen müssen später durch eine traurige Existenz für die Torheit ihrer Eltern büßen.

 

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