[Wichtigkeit des Kampfes gegen den Alkoholismus und die Trinkgewohnheiten unserer Bevölkerung. Alkohol und Schwachsinn.]


Unter den hygienischen Maßnahmen, welche die Hebung des intellektuellen Niveaus der Massen erheischt, spielt der Kampf gegen den Alkoholismus eine Hauptrolle. Es ist eine längst bekannte Erfahrung, daß die Kinder trunksüchtiger Eltern zum großen Teil körperlich und geistig minderwertig, auch mit schweren Nerven- und Geisteskrankheiten behaftet sind. Allein nicht nur die dironische, auch die vorübergehende Alkoholvergiftung, der Rausch der Erzeuger oder eines derselben, erweist sich für die geistige Qualität der Nachkommenschaft oft verhängnisvoll, da er ebenfalls häufig Schwachsinn bei derselben zur Folge hat. Nachforschungen in der Schweiz für die Jahre 1880—1890 haben ergeben, daß in der Fastnachtszeit die Erzeugung Schwachsinniger eine auffällige Steigerung aufwies. Das gleiche ließ sich für den Oktober konstatieren, was z. T. mit der Weinlese zusammenhängt1). Während darüber kein Zweifel besteht, daß schwere Alkoholintoxikation das Keimplasma schädigen und dadurch die erwähnten Folgen für die Nachkommenschaft bringen kann, ist man z. Z. darüber noch nicht ganz im Klaren, wieweit der habituelle, sog. mäßige Alkoholgenuß die geistige Qualität der Nachkommenschaft beeinflußt. Man darf hier nicht unberücksichtigt lassen, daß das, was man als mäßigen Alkoholgenuß bezeichnet, lediglich die Vermeidung häufigerer Berauschungen oder des habituellen Konsums sehr großer Alkoholquantitäten bedeutet. Der sog. mäßige Alkoholgenuß schließt zweifellos noch den Konsum von Alkoholquantitäten in sich, die das Individuum im Laufe der Zeit in der einen oder anderen Richtung je nach der Widerstandsfähigkeit seiner Organe schädigen können. In unserer biertrinkenden Bevölkerung erachten sich Leute, die täglich 5—6 Seidel Bier zu sich nehmen, gewöhnlich für überaus mäßig, obwohl dieser Konsum bei ihnen häufig, wie die Folgen zeigen, nicht ohne gesundheitliche Nachteile bleibt. Des weiteren kommt in Betracht, daß auch die sog. mäßigen Trinker häufig gelegentlich Exzesse begehen und der Zustand des Angeheitertseins mit einer Steigerung der Libido verknüpft ist, welche häufig zum geschlechtlichen Verkehr führt. Man wird bei Erwägung dieser Umstände sich der Überzeugung nicht verschließen können, daß auch der sog. mäßige Alkoholgenuß der Erzeuger für die Nachkommenschaft nicht gleichgültig ist, da derselbe andauernd oder vorübergehend zu einer Schädigung des Keimplasmas führen mag, welche sich in einer Störung der Gehirnentwicklung kundgibt. Außerdem kommt in Betracht, daß der materielle Aufwand, den der sogenannte mäßige Alkoholgenuß in den Kreisen der weniger Bemittelten erheischt, die Aufbringung von Mitteln für Bildungszwecke erschwert oder ganz verhindert und den Sinn für höhere Interessen und Genüsse herabdrückt.

Der Kampf gegen die Dummheit schließt demnach als ein wesentliches Moment den Kampf gegen den Alkoholismus und die Trinkgewohnheiten unserer Bevölkerung in sich. Die Antialkoholbewegung hat zwar bei uns schon manche schöne Erfolge aufzuweisen, wird aber leider noch von einem großen Teil unserer Gebildeten als eine überflüssige oder über das Ziel hinausschießende Schwärmerei erachtet. Bedauerlicherweise sind auch die Ansichten der Ärzte über die gesundheitlichen Folgen mäßigen Alkoholgenusses noch geteilt, was von den Gegnern der Antialkoholbewegung reichlich ausgenützt wird.

 

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1) Bayerthal in Worms (Psychiatrisch-neurologische Wochenschrift. 9. Jahrg. Nr. 43/44), der sich mit der Erforschung der Ätiologie des Schwachsinns besonders beschäftigte, betont, daß neben der Erblichkeit und dem Alkoholismus alle übrigen Einflüsse, welche für das Zustandekommen des Schwachsinns von Bedeutung sind, in den Hintergrund treten. So konnte er konstatieren, daß bei 8 unter 10 Kindern, die im Schuljahr 1906/07 zur Aufnahme in die Hilfsklasse in Worms gelangten, chronischer oder vorübergehender Alkoholismus des Vaters z. Z. der Zeugung des schwachsinnigen Kindes bestand.

Der Autor weist ferner darauf hin, daß der Alkoholismus des Vaters auch indirekt zum Schwachsinn der Kinder führen kann, sofern derselbe schwere gemütliche Erregungen der Mutter während der Schwangerschaft herbeiführt.


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