§ 47. Die Notwendigkeit des Gegensatzes


Ohne Gegensatz wird nichts offenbar, kein Bild erscheint im klaren Spiegel, so nicht eine Seite verfinstert wird. Also ist die Widerwärtigkeit eine Offenbarung der Gleichheit, die in der stillen Ewigkeit in sich selber unempfindlich schwebet ohne Licht, ohne Finsternis, ohne Freud, ohne Leid. Wo kommt aber die Widerwärtigkeit in die gleiche und stille Ewigkeit, die nichts kennet, weiß oder hat außer sich? Wo man was haben will, das nicht da ist, so tut solche Begierde angst und wehe. Also ein verborgen Leben gibt keine Freude; und so dann die einsame Ewigkeit nichts außer sich hat, so suchet sie die Lust ihrer eigenen Offenbarung in sich, denn es liegt Kraft, Macht und Herrlichkeit, ja, alles in ihrem Busen. Die dunkele Hölle und die lichtende Hölle hallet aus einem Herzen durchs Wort nach der Schrift: Ich mache das Licht und schaffe die Finsternüs, ich gebe Frieden und schaffe das Übel. Ich bin der Herr, der solches alles tut, auf daß man erfahre beide von der Sonnen Aufgang und der Sonnen Niedergang, daß außer mir nichts sei. (Esai. 45. 6, 7)

Und darum teilet sich die all-einige Freiheit und bleibet doch eine ungeteilte sanfte Einheit. Sie suchet Licht und Kraft und machet sich selbst in der Begierde zur Angst und Finsternüs. Also gebäret sie sich aus der Finsternüs zum Licht, denn die Finsternüs erwecket das Feuer und das Feuer das Licht, und das Licht offenbaret die Wunder der Weisheit in Bildnüssen und Figuren, welche sie aus ihrer sanften Freiheit (aus dem Spiegel der Weisheit und Wunder) in die finstere Begierde geführet und in ihr verborgen gewesen. (»Von den drei Prinzipien, Andeutung d. Titelfigur«)

Kein Ding ohne Widerwärtigkeit mag ihm selber offenbar werden; dann so es nichts hat, das ihm widerstehet, so geht's immerdar für sich aus und gehet nicht wieder in sich ein. So es aber nicht wieder in sich eingehet als in das, daraus es ist ursprünglich gegangen, so weiß es nichts von seinem Urstande.

Ein einig Ding weiß nichts mehr als eines; und ob es gleich in sich gut ist, so kennet's doch weder Böses noch Gutes, denn es hat nichts in sich, das es empfindlich mache. Also auch können wir von dem Willen Gottes philosophieren und sagen: Wann sich der verborgene Gott, welcher nur ein einig Wesen und Wille ist, nicht hätte mit seinem Willen aus sich aus der ewigen Wissenschaft (Weisheit) im Temperamento (in der Einheit) in Schiedlichkeit des Willens ausgeführet und hätte nicht dieselbe Schiedlichkeit in eine Infaßlichkeit zu einem natürlichen und kreatürlichen Leben eingeführet, und daß dieselbe Schiedlichkeit im Leben nicht im Streite stünde, wie wollte ihme dann der verborgene Wille Gottes, welcher in sich nur einer ist, offenbar sein? Wie mag in einem einigen Willen eine Erkenntnis seiner selbst sein?

Gott, soviel er Gott heißet, kann nichts wollen als sich selber; dann er hat nichts vor oder nach ihm, das er wollen kann; so er aber etwas will, so ist dasselbe von ihm ausgeflossen und ist ein Gegenwurf seiner selbst, darinnen der ewige Wille in seinem Etwas will. So nun das Etwas nur eines wäre, so hätte der Wille darinnen kein Vorbringen. Und darum hat sich der ungründliche Wille in Anfang geschieden und in Wesen eingeführet, daß er in etwas möge wirken. (»Von göttlicher Beschaulichkeit«, c. 1, § 8-10›17)

Der Leser soll wissen, daß in Ja und Nein alle Dinge bestehen, es sei göttlich, teuflisch, irdisch oder was genannt werden mag. Das eine, als das Ja (das Positive, Affirmative, Bejahende) ist eitel Kraft und Leben und ist die Wahrheit Gottes oder Gott selber. Dieser wäre in sich selber unkenntlich, und wäre darinnen keine Freude oder Erheblichkeit noch Empfindlichkeit ohne das Nein (das Negative, Verneinende). Das Nein ist ein Gegenwurf des Ja oder der Wahrheit, auf daß die Wahrheit offenbar und etwas sei, darinnen ein Contrarium sei, darinnen die ewige Liebe würkende, empfindlich, wollende und das zu lieben sei. Und können doch nicht sagen, daß das Ja vom Nein abgesondert und zwei Dinge nebeneinander sind, sondern sie sind nur ein Ding, scheiden sich aber selber in zwei Anfänge und machen zwei Centra, da ein jedes in sich selber würket und will.

Wann der ewige Wille nicht selber aus sich ausflösse und führte sich in Annehmlichkeit ein, so wäre keine Gestaltnüs noch Unterschiedlichkeit, sondern es wären alle Kräfte nur eine Kraft; so möchte auch kein Verständnüs sein; dann die Verständnis urständet in der Unterschiedlichkeit der Vielheit, da eine Eigenschaft die andere siehet, probieret und will.

Ingleichen stehet auch die Freude darinnen. Soll aber eine Annehmlichkeit (eine sich an- und zueignende Eigenwesentlichkeit) urständen, so muß eine eigene Begierde zu seiner Selbstempfindlichkeit sein als ein eigner Wille zur Annehmlichkeit, welcher nicht mit dem einigen Willen gleich ist und will; dann der einige Wille will nur das einige Gut, das er selber ist, er will sich nur selber in der Gleichheit; aber der ausgeflossene Wille will die Ungleichheit, auf daß er von der Gleichheit unterschieden und sein eigen Etwas sei, auf daß etwas sei, das das ewige Sehen sehe und empfinde; und aus dem eigenen Willen entstehet das Nein, dann er führet sich in Eigenheit als in Annehmlichkeit seiner selbst, er will etwas sein und gleichet sich nicht mit der Einheit, dann die Einheit ist ein ausfließend Ja, welches ewig also im Hauchen seiner selbst stehet, und ist eine Unempfindlichkeit, dann sie hat nichts, darinnen sie sich möge empfinden, als nur in der Annehmlichkeit des abgewichenen Willens, als in dem Nein, welches ein Gegenwurf ist des Ja, darinnen das Ja offenbar wird und darinnen es etwas hat, das es wollen kann.

Denn eins hat nichts in sich, das es wollen kann, es dupliere sich denn, daß es zwei sei; so kann sich's auch selber in der Einheit nicht empfinden, aber in der Zweiheit empfindet sich's. Also verstehet nun den Grund recht; der abgeschiedene Wille ist von der Gleichheit des ewigen Wollens ausgegangen und hat auch nichts, das er wollen kann, als nur sich selber. Weil er aber ein Etwas ist gegen der Einheit, welche ist als ein Nichts und doch alles ist, so führet er sich in Begierde seiner selbst ein und begehret sich selber und auch die Einheit, daraus er geflossen.

Die Einheit begehret er zur empfindlichen Liebelust, daß die Einheit in ihm empfindlich sei, und sich selber begehret er zur Bewegnüs, Erkenntnüs und Verständnüs, auf daß eine Schiedlichkeit in der Einheit sei, daß Kräfte urständen. Und wiewohl die Kraft keinen Grund noch Anfang hat, so werden aber in der Annehmlichkeit Unterschiede, aus welchen Unterschieden die Natur urständet.

Dieser ausgeflossene Wille führet sich in Begierde, und die Begierde ist magnetisch als einziehende, und die Einheit ist ausfließend. Jetzo ist's im Contrarium als Ja und Nein; denn das Ausfließen hat keinen Grund, aber das Einziehen machet Grund. Das Nichts will aus sich, daß es offenbar sei, und das Etwas will in sich, daß es im Nichts empfindlich sei, auf daß die Einheit in ihm empfindlich werde. So ist doch aus und ein eine Ungleichheit.

Die erste Eigenschaft des Einziehens ist das Nein, denn sie gleichet sich nicht mit dem Ja als mit der Einheit, denn sie macht in sich eine Finsternis, d. i. eine Verlierung im Guten. (»Theosophische Fragen«, 3. Fr. § 7-10 u. 14)


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