§ 46. Erläuterung der vorhergehenden Paragraphen


Der Ungrund also oder »das stille Nichts«, das aber nicht an sich, sondern nur in bezug auf die faßliche und greifliche Natur ein Nichts ist, oder Gott als die von allem bestimmten Wesen und Begriff, allem Affekt und Natur freie Einheit ist nach Jakob Böhme keine tote Einheit, sondern Wollen, Leben, das aus sich die Selbstbeschaulichkeit herausgebiert. Gott ist schon außer Natur und Kreatur in der Beschaulichkeit seiner selbst; denn der Ungrund faßt sich in Grund, das Nichts in etwas, d.h. eben, Gott ist schon in dieser Einheit sich selbst erfassender und anschauender Gott. Denn das sich in Grund, in etwas Fassen und wieder aus79) dem Grunde Ausgehen muß man nicht als etwas Besonderes vom Akt der Selbstbeschaulichkeit abtrennen, sondern vielmehr als einen und denselben Akt begreifen. Denn das erste Etwas, das erste Bestimmte, die erste Existenz, das erste von ihm Gesetzte und Begründete ist er selbst als von sich Gefaßter und Angeschauter; denn in der Selbstbeschaulichkeit ist er als von sich selbst Beschauter das von sich selbst fixierte Objekt. Erst in dem gefaßten Willen findet sich der ungefaßte und ungründliche Wille; d.h., vor der Selbstbeschaulichkeit gedacht, ist der Ungrund gleich nichts, nur der Wille, »das Sehnen« zur Offenbarung seiner selbst, d. i. seiner Selbstfassung; er ist so nur »ein ungründliches Auge«, ein ewiges, ein bloßes Sehen und Schauen; erst in der Selbstbeschaulichkeit wird er sich selbst und in dieser Konzentrierung auf sich, in diesem Sichselbstwerden ein Eins, ein Etwas, ein Ich, er selbst. Da aber das Anschauende und das Angeschaute in dieser Selbstbeschaulichkeit eines und dasselbe, und zwar das unterschied- und wesenlose Eine ist, so ist diese Selbstbeschaulichkeit selbst nur noch ein reines Anschauen und Sehen, indem keine bestimmte Differenz, kein bestimmter Inhalt in ihr gesetzt ist, der Grund, das Etwas, in das der Ungrund, das Nichts, sich einfaßt, ebenso unbestimmt, so ununterschieden ist als der Ungrund, das Nichts, weil der Grund, obwohl die Fassung, die Bestimmung und Beleibung des Ungrunds, doch keinen andern Inhalt, keine andere Bestimmung hat als eben den wesenlosen Ungrund. Es bleibt daher in dieser Selbstbeschaulichkeit das Eine noch in seiner ungründlichen und unfaßlichen Einheit; es ist daher diese Selbstbeschaulichkeit noch keine Selbsterkenntnis; denn die Selbsterkenntnis setzt Inhaltsunterschied, Gegensatz voraus, die Erkenntnis entsteht erst mit der Erkenntnis des Guten und Bösen, sie wurzelt nur in entgegengesetzten Prinzipien. Wohl kann Beschaulichkeit, aber nicht Erkenntnis in dem sein, was nur eines ist und ein einiger Wille. Wohl findet sich der Vater im Sohne, der ungefaßte Wille im gefaßten, und ist er als ausgehend aus dem Sohne, d. i. in der Fassung sich fassend, auf sich ein- und zurückgehend in der Findlichkeit und Empfindlichkeit seiner selbst, aber diese Selbstfindlichkeit und Fassung ist nur ein bloßes Selbstgefühl, und zwar ein ganz unbestimmtes, noch nicht differenziertes, mit sich einiges Selbstgefühl. Es ist das Selbstgefühl der Einheit, der Liebe und Wonne, aber nicht das des Schmerzes, der Differenz, d.h. zu vergleichen dem Gefühl, das die Seele von sich selbst hat in ihrer Auflösung in ein mit ihr einiges (durch Liebe verbundenes) Andre, nicht jenem Selbstgefühle, das der Schmerz oder die Unterscheidung von einem entgegengesetzten Andern erzeugt, ein Selbstgefühl, welches daher auch Selbsterkenntnis und Erkenntnis des Guten und Bösen wird. Es ist, in Böhmes Sprache, ein eitel Liebe- und Wohlleben, in dem alle Sinne miteinander in innigster Konkordanz stehen, wo sich das Gefühl, der Sinn noch nicht getrennt und unterschieden hat in ein Gefühl von Entgegengesetztem (Wohl- und Wehetuendem) und in viele verschiedentlich bestimmte Sinne und Gefühle, sondern wo alles bestimmte, unterscheidende und unterschiedne Gefühl aufgelöst ist in das Wohlsein der Einheit und das eine Selbstgefühl der Liebe und Wonne.

Es handelt sich daher jetzt um die Genesis des bestimmten Unterschieds aus dem unbestimmten, der Selbsterkenntnis aus der Selbstbeschaulichkeit, um die Genesis entgegengesetzter Prinzipien und die Genesis dessen, was Jakob Böhm die »ewige Natur« nennt.

 

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79) Jakob Böhme scheint nach einigen Stellen erst mit der ewigen Natur eine Unterscheidung in Gott zu setzen. Allein sie sind wohl so zu verstehen, daß erst mit dem Gegensatze der Natur die Unterschiede als Unterschiede offenbar und dadurch erst wirkliche, bestimmte Unterschiede werden, nicht aber so, als wäre noch gar keine Unterscheidung und damit Selbstbeschaulichkeit in Gott vor der Natur. Übrigens ist das Verhältnis des Inhalts des vorhergehenden Paragraphen zur ewigen Natur sowohl als zum Inhalt des ersten Paragraphen eine der dunkelsten und schwierigsten Stellen in Jakob Böhme. Allerdings, (bemerke ich 1847 hierzu,) und zwar deswegen, weil sich Jakob Böhme hier, freilich auch anderwärts, doch insbesondre hier im Widerspruch befindet zwischen der positiven und seiner eignen natürlichen Theologie. Dieser, seinem Natursinn nach ist die Natur das erste, der Grund und Gegenstand des Bewußtseins. Nun hat er aber auch zugleich den positiven, fertigen, dreieinigen, die Natur durch sein bloßes Wort schaffenden Gott im Kopf. Er setzt daher wieder Unterschied und Bewußtsein in Gott, wo doch kein Grund und Boden dazu vorhanden ist; er will also aus nichts etwas machen. Freilich ist dieses Nichts alles, als die Abstraktion von allen Dingen die Imagination, der imaginäre Inbegriff aller Dinge. Aber eben hiermit eröffnet sich wieder eine neue, auch von Jakob Böhme nicht gelöste Schwierigkeit, nämlich wie aus dem Abstrakten das Konkrete, aus der Vorstellung vom Gegenstand der wirkliche Gegenstand entspringt.


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