§ 50. Über die sieben Eigenschaften


Die sieben Eigenschaften oder Qualitäten, die sich aber vor- oder abwärts durch ihre mannigfachen Verbindungsweisen unendlich vervielfältigen, rückwärts aber auf drei oder zwei Prinzipien, nämlich Licht und Finsternis sich reduzieren, sind der wichtigste und lehrreichste Punkt der J. Böhmschen Mystik, denn sie sind die Prinzipien der Wirklichkeit, in und mit denen Gott, die Natur oder Welt zeugend, zugleich sich selbst erst zeugt, sich selbst verwirklicht, aus nichts zu etwas macht, »denn das Nichts wird in die Natur eingeführt, daß aus dem Nichts eine Qual« (d. i. etwas Bestimmtes, Qualitatives, Empfindliches) »wird«. (»Erste Apologie wider B. Tilken«, § 365) Jakob Böhme kommt unzählige Male auf sie zu sprechen; aber sooft er sie auch bespricht, sosehr er sich bemüht, Licht und Ordnung in dieses göttliche Chaos zu bringen, er wird immer, sowie er auf die spezielle Bestimmung derselben kommt, dunkel und konfus und bleibt sich nicht gleich, indem er z.B. hier zur primitiven Eigenschaft macht, was er anderwärts zu einer abgeleiteten macht, hier psycho- oder zoologische, dort rein physikalische Bestimmungen und Ausdrücke anwendet. Gleichwohl ist die Hauptsache klar.

Jakob Böhme ist ein religiöser Sensualist, ein theosophischer Materialist; er geht von dem Satz aus: Aus nichts wird nichts, nun ist aber alles aus oder von Gott, also muß es auch in Gott sein; also setzt die zeitliche, d. i. wirkliche Natur eine ewige Natur, die irdische Materie eine göttliche Materie voraus. »Gott hat alle Dinge aus nichts geschaffen und dasselbe Nichts ist er selber.« (»De Signatura Rerum«, c. 6, § 8) »Da nun Gott diese Welt samt allem hat erschaffen, hat er keine andere Materie gehabt, daraus er's machte, als sein eigen Wesen, aus sich selbst. Man kann nicht sagen, daß in Gott sei Feuer, Bitter oder Herbe, vielweniger Luft, Wasser oder Erde, allein man siehet, daß es daraus worden ist... Es ist alles aus Gott.« (»Von den drei Prinzip.«, c. 1, § 3, 5) »Der Abgrund der Natur und Kreatur ist Gott selber.« (»Von göttl. Beschaul.«, c. 3, § 13) »Wann du ansiehest die Tiefe und die Sternen und die Erden, so siehest du deinen Gott und in demselben Gott lebest und bist du auch... Wo dieses ganze Wesen nicht Gott ist, so bist du nicht Gottes Bild... So du eine andere Materia bist als Gott selber, wie wirst du dann sein Kind sein?« (»Vom dreifachen Leben«, c. 1, § 4, 6) Woraus aber Jakob Böhme in seiner theosophischen Einbildung die Natur deduziert, das ist in Wahrheit von der Natur selbst, und zwar der sinnlichen, zeitlichen Natur abgeleitet und abgezogen. Die sieben kosmound zugleich theogonischen Eigenschaften oder Qualitäten der ewigen Natur sind daher auch nichts andres als von der Anschauung der Natur abstrahierte Qualitäten, die Jakob Böhme zu den genetischen Universalprinzipien macht. Die Herbigkeit, Salzigkeit, Bitterkeit, Süßigkeit, Flüssigkeit, Beweglichkeit, Entzündlichkeit, der Schall oder Ton, das Licht, der Blitz, die Hitze und Kälte, Feuer und Wasser — alle diese Worte, die er zur Bezeichnung der primitiven Grundeigenschaften der Natur gebraucht, sind nicht im bildlichen, sondern eigentlichen Sinn zu verstehen. »Meine Meinung«, sagt er selber in der »Aurora«, c. 4, »ist himmlisch und geistlich, aber doch wahrhaftig und eigentlich, also ich meine kein ander Ding, als wie ich'sim Buchstaben setze.« »So Du nun«, setzt er ebendaselbst später hinzu, »die himmlische, göttliche Pomp und Herrlichkeit willst betrachten, wie die sei, was für Gewächse, Lust oder Freude da sei, so schaue mit Fleiß an diese Welt, was für Früchte und Gewächse aus dem Salniter (Grundstoff, Grundwesen) der Erde wächst... Das ist alles im Vorbilde der himmlischen Pomp.« Wenn also z.B. von einem Schall in Gott die Rede, so ist der wirkliche Schall gemeint, denn von diesem göttlichen Schall entspringt alles, was auf Erden schallet und hallet. Aber gleichwohl ist wieder dieser göttliche, ursprüngliche Schall kein sinnlicher, materieller, hörbarer Schall; nein, es ist ein geistlicher, ein imaginärer Schall oder der Schall in Gedanken. Alles Materielle ist in Gott, aber nicht als Stoff, sondern nur seiner »Kraft«, Qualität oder Eigenschaft nach — nicht die Galle selbst, aber die Bitterkeit der Galle, nicht der harte Stein selbst, aber die Härte des Steins , alles ist in Gott, aber so, wie es Gegenstand des Geistes, der Abstraktion, des Gemüts, der Phantasie ist, das Wasser in Gott ist daher ein »Geistwasser«, das Feuer in ihm ein »Geistfeuer«, d.h. ein bildliches Feuer, ein bildliches Wasser. Jakob Böhme nennt darum auch ausdrücklich die sieben Qualitäten »Geister«. Sie sind bei ihm überhaupt nicht bloß physikalische Qualitäten, sondern zugleich animalische oder psychologische Kräfte — Wille, Qual, Begierde, Sucht, Angst, Grimm, Hunger , sozusagen Identitäten von Geist und Natur. Sie sind ihm sinnliche Wesen — personifizierte Eigenschaften oder Abstraktionen , sie begehren, fühlen, schmecken, küssen und halsen einander wie Braut und Bräutigam. Kurz, im Himmel der ewigen, göttlichen Natur ist ein Leben und Treiben, das sich schlechterdings nicht von dem Leben und Treiben in dieser zeitlichen, sinnlichen Natur unterscheidet — »ein herzlich Lieben und freundlich Sehen, Wohlriechen, Wohlschmecken und Liebfühlen, ein holdselig Küssen, voneinander Essen, Trinken und Liebespazieren. Ach, und ewig ohne Ende!« (»Aurora«, c. 9, § 38, 39) Wer möchte nicht in diesem Himmel sein? Doch wir stecken noch bis über die Ohren im dritten Principio, d.h. im Prinzip dieser verderbten, zeitlichen, sichtbaren, grob materiellen Welt, wo das Wohlschmecken und Wohlriechen, das Liebfühlen und Küssen leider nicht ewig währt.


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