Naturphilosophie


2. Die Naturphilosophie aber hat zwei Hauptteile, nämlich einen theoretischen und einen praktischen Teil. (»De Augm. Sc.«, III, c. 3) a) Der theoretische Teil der Naturphilosophie zerfällt wieder in zwei Teile, nämlich in die Metaphysik und Physik. Die Physik hat zu ihrer Aufgabe die Erforschung der Materie und der äußeren, wirkenden Ursache, zu ihrem Objekte daher die veränderlichen und unbeständigen Ursachen, die so mannigfach und verschieden sind als die Materien, die der Gegenstand ihrer Wirkungen sind, wie z.B. das Feuer in der einen Materie die Ursache ihrer Verhärtung, in der andern wieder die Ursache ihrer Flüssigkeit ist. Die Physik hat daher zu ihrem Gegenstande das ganz in die Materie Versenkte und Veränderliche, die Metaphysik dagegen, als die Wissenschaft von den Formen und Zweckursachen, das Abstraktere und Beständige. Die Physik setzt in der Natur nur Dasein, Bewegung und Notwendigkeit voraus, die Metaphysik aber auch Geist und Idee. (l. c., c. 4)

Der erste und hauptsächlichste Teil der Metaphysik hat zu seinem Objekte die Gesetze oder Formen der einfachen Qualitäten (wie z.B. der Wärme, Kälte, Dichtigkeit, Schwere usw.) und ihrer Bewegungen und Prozesse, durch die sie sich zu konkreten Körpern gestalten, also die Formen, die ungeachtet ihrer geringen Anzahl doch die Grundlage und das Wesen der Beschaffenheiten und Bestimmungen aller konkreten Körper ausmachen. Die Metaphysik hat daher insofern dieselben Objekte wie die Physik, aber diese betrachtet sie nur als äußerliche, veränderliche Ursachen oder nur die causa efficiens, die das bloße Vehikel der Form ist. (»N. O.«, II, A. 9, 7)

Die Metaphysik, inwiefern sie die Wissenschaft von der Form ist, ist die vortrefflichste aller Wissenschaften; denn die Aufgabe der Wissenschaften, durch Verkürzung der langen Umwege der Erfahrung dem alten Lamento über die Kürze des Lebens und die Langwierigkeit der Kunst ein Ende zu machen, löst nur sie allein am besten, und zwar dadurch, daß sie die besondern Sätze verbindet und in allgemeine Sätze oder Gattungen, welche das ganze Gebiet aller Einzelwesen umfassen, ihre Materie mag auch noch sosehr verschieden sein, zusammenfaßt. Daher ist es ein vortrefflicher Gedanke Platos und Parmenides‹ (wenn er gleich bei ihnen bloße Spekulation war), daß alles stufenweise zur Einheit emporsteigt. Deswegen eben ist auch die Metaphysik die herrlichste Wissenschaft, weil sie den menschlichen Geist am wenigsten mit der Vielheit der Dinge belastet, denn sie betrachtet hauptsächlich nur die einfachen Formen der Dinge, die, so wenige ihrer auch sind, doch durch die verschiedenen Grade und Weisen ihrer Verbindung untereinander alle Mannigfaltigkeiten der konkreten Körper begründen. (l. c.)

Der zweite Teil der Metaphysik hat zu seinem Objekte die Zwecke oder Zweckursachen in der Natur. Die Erforschung der Zwecke nämlich gehört nicht in die Physik, ob sie wohl bisher in ihr Gebiet aufgenommen war, leider aber nur zu ihrem größten Nachteil, denn sie hielt die Menschen ab, den realen und wahrhaft physischen Ursachen nachzuforschen. Daher war die Naturphilosophie Demokrits und anderer, welche bei der Konstruktion der Natur nicht die Ideen von Gott und Geist zugrunde legten, den Bau des Universums aus unzähligen Vorspielen und Versuchen der Natur und die Ursachen der besondern Dinge nicht aus Zwecken, sondern nur aus der Materie und dem Laufe der Notwendigkeit ableiteten, viel gründlicher als die Naturphilosophie Platos oder Aristoteles'. Die Teleologie ist unfruchtbar und gebiert nichts, gleich einer gottgeweihten Jungfrau. (l. c.)

b) Die praktische Naturphilosophie hat auch zwei Teile, nämlich die Mechanik und die Magie. Jene wird von der Physik als der Wissenschaft der wirkenden und materiellen, äußerlichen Ursachen, diese von der Metaphysik als der Wissenschaft der wahrhaften Ursachen und allgemeinen Formen hervorgebracht. Denn die Magie ist die Wissenschaft oder Kunst, welche aus der Erkenntnis der verborgenen Formen erstaunenswürdige Wirkungen oder Experimente ableitet und durch die gehörige Annäherung der wirkenden Kräfte an die empfänglichen Gegenstände die großen Taten der Natur ans Licht bringt, eine Kunst, die wie so viele andere bis jetzt noch vermißt und von der bisher sogenannten Magie gänzlich verschieden ist. Übrigens ist auch die ältere Magie keineswegs so ohne weiteres zu verwerfen, sondern es ist vielmehr genau und sorgfältig zu untersuchen, ob nicht unter dem vielen abergläubischen, lügen- und märchenhaften Zeuge so manches, wie die Verzauberung, die Erhöhung und Verstärkung der Imaginationskraft, die Sympathie auch entfernter Dinge, die magische Einwirkung der Geister auf Geister und der Körper auf Körper, seinen Grund in wirklichen Naturkräften hat. (»N. O.«, II, A. 31; »Hist. Nat.«, Cent. X)


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