[Trübsinn des Fürsten]


In diesem imposanten Gute, das dem Barock die Renaissance als Erbstück übergab, an dem fast zwei Jahrtausende gemodelt hatten, besitzt die Nachwelt einen geraderen Kommentar des Trauerspiels als die Poetiken ihn bieten konnten. Harmonisch ordnen sich um dies die philosophischen Gedanken und die politischen Überzeugungen an, welche der Darstellung der Geschichte als eines Trauerspiels zugrunde liegen. Der Fürst ist das Paradigma des Melancholischen. Nichts lehrt so drastisch die Gebrechlichkeit der Kreatur, als daß selbst er ihr unterworfen ist. Es ist eine der gewaltigsten Stellen der ›Pensées‹, an welcher Pascal mit dieser Überlegung dem Fühlen seines Zeitalters die Stimme leiht. »L'Ame ne trouve rien en elle qui la contente. Elle n'y voit rien qui ne l'afflige quand eile y pense. C'est ce qui la contraint de se répandre au dehors, et de chercher dans l'application aux choses extérieures, à perdre le souvenir de son état véritable. Sa joie consiste dans cet oubli; et il suffit, pour la rendre misérable, de l'obliger de se voir et d'être avec soi.«1) »La dignité royale n'est-elle pas assez grande d'elle-même pour rendre celui qui la possède heureux par la seule vue de ce qu'il est? Faudra-t-il encore le divertir de cette pensée comme les gens du commun? Je vois bien que c'est rendre un homme heureux que de le détourner de la vue de ses misères domestiques, pour remplir toute sa pensée du soin de bien danser. Mais en sera-t-il de même d'un Roi? Et sera-t-il plus heureux en s'attachant à ces vains amusements qu' à la vue de sa grandeur? Quel objet plus satisfaisant pourrait-on donner à son esprit? Ne serait-ce pas faire tort à sa joie d'occuper son âme à penser à ajuster ses pas à la cadence d'un air, ou à placer adroitement une balle, au lieu de le laisser jouir en repos de la contemplation de la gloire majestueuse qui l'environne? Qu'on en fasse l'épreuve; qu'on laisse un Roi tout seul, sans aucune satisfaction des sens, sans aucun soin dans l'esprit, sans compagnie, penser à soi tout à loisir, et l'on verra qu'un Roi qui se voit est un homme plein de misères, et qu'il les ressent comme un autre. Aussi on évite cela soigneusement et il ne manque jamais d'y avoir auprès des personnes des Rois un grand nombre de gens qui veillent à faire succéder le divertissement aux affaires, et qui observent tout le temps de leur loisir pour leur fournir des plaisirs et des jeux, en sorte qu'il n'y ait point de vide. C'est-à-dire qu'ils sont environnés de personnes qui ont un soin merveilleux de prendre garde que le Roi ne soit seul et en état de penser à soi, sachant qu'il sera malheureux, tout Roi qu'il est, s'il y pense.«2) Dem gibt das deutsche Trauerspiel vielfältig Echo. Nicht so bald ist es da und es tönt schon aus ihm zurück. Leo Armenius redet vom Fürsten so:

 

Er zagt vor seinem schwerdt. Wenn er zu tische geht,

Wird der gemischte wein, der in crystalle steht,

In gall und gifft verkehrt. Alsbald der tag erblichen,

Kommt die beschwärzte schaar, das heer der angst geschlichen,

Und wacht in seinem bett. Er kan in helffenbein,

In purpur und scharlat niemahl so ruhig seyn

Als die, so ihren leib vertraun der harten erden.

Mag ja der kurtze schlaff ihm noch zu theile werden,

So fällt ihn Morpheus an und mahlt ihm in der nacht

Durch graue bilder vor, was er bey lichte dacht,

Und schreckt ihn bald mit blut, bald mit gestürztem throne,

Mit brandt, mit ach und tod und hingeraubter crone.3)

 

Und epigrammatisch: »Wo scepter, da ist furcht!«4) Oder: »Die traurige Melankoley wohnt mehrentheiles in Pallästen.«5) Diese Aussagen betreffen so sehr die innere Verfassung des Souveräns als seine äußere Lage und sind mit Grund an Pascal anzuschließen. Denn mit dem Melancholischen ist es »zu Anfang ... als mit Einem, den der tolle Hund gebissen hat: es kommen ihm erschreckliche Träume, er fürchtet sich ohn' Ursach«6). So Aegidius Albertinus, der münchner Erbauungsschriftsteller, in ›Lucifers Königreich vnd Seelengejäidt‹, einem Werke, das für die populäre Auffassung charakteristische Belege enthält, gerade weil es von neuen Spekulationen unberührt geblieben war. Ebendort heißt es denn auch: »An den Herrnhöfen ists gemeiniklich Kalt vnnd allzeit Winter/ dann die Sonn der Gerechtigkeit ist weit von jhnen ... derowegen Zittern die Hofleut auß lauter Kälte/ Forcht vnd Trawrigkeit«7). Sie sind vom Schlage des gebrandmarkten Höflings, wie Guevara, den Albertinus übersetzte, ihn geschildert hat, und gedenkt man in ihm des Intriganten, vergegenwärtigt man den Tyrannen, so ist das Bild des Hofs nicht weit verschieden von dem Bild der Hölle, welche ja die Stätte der ewigen Traurigkeit genannt wird. Auch ist der »Trauergeist«8), der bei Harsdörffer begegnet, mutmaßlich niemand anders als der Teufel. Derselben Melancholie, welche mit den Schauern der Angst ihre Herrschaft über den Menschen antritt, schreiben die Gelehrten jene Erscheinungen zu, unter denen das Ende der Despoten obligat sich vollzieht. Daß schwere Fälle in die Tobsucht münden, gilt als sicher. Und der Tyrann bleibt bis in seinen Untergang Modell. »Also vergehen ihm bei lebendigem Leibe die Sinnen, denn er siehet und höret nicht mehr die Welt, so um ihn her lebet und webet, sondern allein die Lügen, so der Teufel ihm ins Gehirn malet und in die Ohren bläst, bis er am letzten Ende anhebt zu rasen und in Verzweiflung vergeht.«9) So nach Aegidius Albertinus der Ausgang des Melancholikers. Charakteristisch und befremdend genug begegnet in der ›Sophonisbe‹ der Versuch, die »Eifersucht« als allegorische Figur so zu bestreiten, daß ihr Gebaren nach dem Bild des wahnwitzigen Melancholikers gezeichnet wird. Mutet nämlich die allegorische Refutation der Eifersucht an dieser Stelle 10) sonderbar schon darum an, weil die des Syphax auf Masinissa mehr als begründet ist, so ist es äußerst auffallend, daß zunächst die Narrheit der Eifersucht als Sinnestäuschung charakterisiert wird — indem sie Käfer, Grashüpfer, Flöhe, Schatten und so weiter für Nebenbuhler hält —, dann aber die Eifersucht, den Aufklärungen der Vernunft zum Trotz, jene Geschöpfe in der Erinnerung an Mythen als verwandelte göttliche Nebenbuhler beargwöhnt. Das Ganze ist also nicht die Charakteristik einer Leidenschaft, sondern einer schweren Geistesstörung. Albertinus rät es förmlich an, die Melancholiker in Ketten zu schließen, »damit auß solchen Fantasten keine Wütrich/ Tyrannen vnnd der Jugendt oder Weibermörder gebrütet werden«11). In Ketten erscheint denn auch Hunolds Nebucadnezar.12)

 

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1) B(laise) Pascal: Pensées. ((Edition de 1670.)) ([Avec une] notice sur Blaise Pascal, [un] avant-propos [et la] préface d'Etienne Périer.) Paris o. J. [1905]. (Les meilleurs auteurs classiques.) S. 211 f.

2) L.c. S. 215 f. [Pascal: Œuvres complètes. Texte établi et annoté par Jacques Chevalier. [Paris] (1954). (Bibliothèque de la Pléiade. 34.) S. 1144 f.]

3) Gryphius l.c. [S. 53]. S. 34 (Leo Armenius I, 385 ff.).

4) L.c. S. 111 (Leo Armenius V, 53).

5) Stieler [?] l.c. [S. 45]. ›Ernelinde‹ S. 138.

6) Cf. Aegidius Albertinus: Luzifers Königreich und Seelengejaidt. Augsburg 1617. S. 390. (So der Nachweis in a; in der dem Herausgeber allein zugänglichen Ausg. München 1617 (vgl. folgende Anm.), welche ein Titeldruck der Augsburger Ausg. zu sein scheint, findet sich das Zitat an der entsprechenden Stelle nicht. Die moderne Sprache legt die Vermutung nahe, daß es sich hier wie bei zwei weiteren Albertinus-Zitaten (vgl. S. 157, Anm. 1 u. S. 168, Anm. 4) um Paraphrasen handelt. Diesem Zitat entspricht teilweise eine Passage in der Liliencronschen Edition (vgl. S. 96 f.), S. 325. - Auch H gibt leider keine Auskunft über Benjamins Albertinus-Zitation.)

7) Lucifers Königreich vnd Seelengejäidt: Oder Narrenhatz. In acht Theil abgetheilt ... Durch Aegidivm Albertinvm, Fürstl: Durchl: in Bayrn Secretarium, zusammen getragen. München 1617. S. 411.

8) Harsdörffer: Poetischer Trichter. 3, l.c. [S. 90]. S. 116.

9) [Im Erstdruck wird das Zitat nicht nachgewiesen; wahrscheinlich handelt es sich um eine Paraphrase Benjamins.]

10) Cf. Lohenstein: Afrikanische Trauerspiele l.c. [S. 63]. S. 308 ff. (Sophonisbe III, 431 ff.).

11) Albertinus, ed. München 1617, l.c. [S. 156]. S. 414.

12) Cf. Hunold l.c. [S. 82]. S. 180 (Nebucadnezar III, 3).


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