[Souverän als Kreatur]


Die Ebene des Schöpfungsstands, der Boden, auf dem das Trauerspiel sich abrollt, bestimmt ganz unverkennbar auch den Souverän. So hoch er über Untertan und Staat auch thront, sein Rang ist in der Schöpfungswelt beschlossen, er ist der Herr der Kreaturen, aber er bleibt Kreatur. Und gerade dies an Calderon zu exemplifizieren sei gestattet. Spricht doch nichts weniger als eine spezifisch spanische Meinung aus den folgenden Worten des standhaften Prinzen Don Fernando. Sie führen das Motiv des Königsnamens in der Schöpfung durch.

 

Selbst beym Vieh und wilden Thieren

Steht auf solcher würd'gen Stufe

Dieser Name, daß das Recht

Der Natur ihm heißet huld'gen

Mit Gehorsam: wie wir lesen,

Daß der Löw', in ungebundnen

Staaten des Gewildes König,

Der, wann er die Stirne runzelt,

Sie mit straub'gem Haarwuchs krönet,

Milde sey, und nie verschlungen

Hab' als Raub den Unterwürf'gen.

In dem salz'gen Schaum der Fluthen

Mahlen dem Delphin, der Königv

Unter Fischen ist, die Schuppen,

Die er silbern träg[t] und golden,

Auf die dunkelblauen Schultern

Kronen, und man sah wohl schon

Aus der wüsten Wuth des Sturmes

Ihn ans Land die Menschen retten,

Daß sie nicht im Meer versunken ...

Ist nun unter Thieren, Fischen,

Vögeln, Pflanzen, Steinen, kundig

Solche Königs-Majestät

Des Erbarmens: billig muß es

Auch bey Menschen gelten, Herr.1)

 

— Der Versuch, dem Königtum im Schöpfungsstande seinen Ursprung anzuweisen, begegnet selbst in der juristischen Theorie. So drangen die Gegner des Tyrannenmordes darauf, als »parricidi« Königsmörder in Verruf zu bringen. Claudius Salmasius, Robert Silmer und manche anderen leiteten »die Machtstellung des Königs von der Weltherrschaft ab, welche Adam als Herr der ganzen Schöpfung erhielt, die sich auf bestimmte Familienhäupter vererbte, um schließlich in einer Familie, wenn auch in begrenztem Umfange, erblich zu werden. Ein Königsmord ist daher so viel wie ein Vatermord«2). Der Adel sogar konnte so sehr als Naturphänomen erscheinen, daß Hallmann in den ›Leichreden‹ dem Tod mit der Klage: »Ach daß du auch vor privilegirte Personen keine eröffnete Augen noch Ohren hast!«3) begegnen darf. Der schlichte Untertan, der Mensch, ist denn ganz folgerecht Tier: »das göttliche Thier«, »das kluge Thier«4), »ein fürwitzig und kitzliches Thier«5). So die Wendungen bei Opitz, Tscherning und Buchner. Und andererseits Butschky: »Was ist ... ein Tugendhafter Monarch anders/ als ein Himmlisches Thier«6). Dazu die schönen Verse bei Gryphius:

 

Ihr, die des höchsten bild verlohren,

Schaut auf das bild, das euch gebohren!

Fragt nicht, warum es in dem stall einzieh!

Er sucht uns, die mehr viehisch als ein vieh.7)

 

Dies letzte weisen die Despoten in ihrem Wahnsinn. Wenn den Antiochus des Hallmann jähes Grauen, das ihm der Anblick eines Fischkopfes bei der Tafel weckt, in Wahnsinn stürzt,8) Hunold seinen Nebukadnezar in Tiergestalt vorführt — der Schauplatz präsentiert »eine wüste Einöde. Nebucadnezar an Ketten mit Adlers Federn und Klauen bewachsen unter vielen wilden Thieren ... Er geberdet sich seltsam ... Er brummet und stellt sich übel«9) —, so ist es in der Überzeugung, daß im Herrscher, der hocherhabenen Kreatur, das Tier mit ungeahnten Kräften aufstehen kann.

 

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1) Don Pedro Calderon de la Barca: Schauspiele. Übersetzt von August Wilhelm Schlegel. Zweyter Theil. Wien 1813. S. 88 f.; cf. auch S. 90 (Der standhafte Prinz III).

2) Hans Georg Schmidt: Die Lehre vom Tyrannenmord. Ein Kapitel aus der Rechtsphilosophie. Tübingen, Leipzig 1901. S. 92.

3) Johann Christian Hallmanns von Breßlau/ Juris Utriusqve Candida« und Practici beym Kaiser- und Königlichem Ober-Ambte daselbst/ Leich-Reden/ Todten-Gedichte und Aus dem Italiänischen übersetzte Grab-Schriflten. Franckfurt und Leipzig 1682. S. 88.

4) Cf. Hans Heinrich Borcherdt: Andreas Tscherning. Ein Beitrag zur Literatur- und Kultur-Geschichte des 17. Jahrhunderts. München, Leipzig 1912. S. 90 f.

5) August Buchners Poet. Aus dessen nachgelassener Bibliothek heraus gegeben von Othone Prätorio/ P.P. Wittenberg 1665. S. 5.

6) Sam[uel] von Butschky/ und Rutinfeld/ Wohl-Bebauter Rosen-Thal, Darinnen ein curioses Gemüte/ in allen Ständen/ allerhand nützliche und belustende Raritäten und curiose Sachen; Zeit- Welt- und Stats-Rosen; auch Seelennährende/ gute Früchte; in sechshundert Sinn-reichen/ ungemeinen Reden und Betrachtungen; Gott zu Ehren/ seinem Nächsten und ihme selbst zum Besten/ eingepflanzet und einverleibet findet. Mit gehörigem ordentlichem Register. Nürnberg 1679. S. 761.

7) Gryphius l.c. [S. 53]. S. 109 (Leo Armenius IV, 387 ff.).

8) Cf. Hallmann: Trauer-, Freuden- und Schäferspiele l.c. [S. 58]. ›Die göttliche Rache oder der verführte Theodoricus Veronensis‹ S. 104 (V, 364 ff.).

9) Theatralische/ Galante Und Geistliche Gedichte/ Von Menantes [Christian Friedrich Hunold]. Hamburg 1706. S. 181 [der besonderen Paginierung der Theatralischen Gedichte (Nebucadnezar III, 3; Szenenanm.)].


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