[Melancholie, körperlich und seelisch]


Die Kodifikation dieses Symptomkomplexes geht ins hohe Mittelalter zurück, und die Form, welche im zwölften Jahrhundert die Ärzteschule von Salerno in ihrem Haupte Constantinus Africanus der Temperamentenlehre gegeben hat, ist bis zur Renaissance in Kraft geblieben. Ihr zufolge gilt der Melancholische als »neidisch, traurig, habgierig, geizig, treulos, furchtsam und lehmfarben«1), der humor melancholicus als die »unedelst complex«2). Die Ursache dieser Erscheinungen fand die Humoralpathologie im Überfluß des trockenen und kalten Elements im Menschen. Als dieses Element galt die schwarze Galle — bilis innaturalis oder atra im Gegensatz zur bilis naturalis oder Candida —, wie das feuchte und warme — sanguinische — Tempera­ment im Blute, das feuchte und kalte — phlegmatische — im Wasser und das trockene und warme — cholerische — in der gelben Galle gegründet gedacht wurde. Des weitern war nach dieser Theorie die Milz von ausschlaggebender Bedeutung für die Bildung der unheilvollen schwarzen Galle. Das in sie hinabfließende und in ihr überhandnehmende »dicke und dürre« Blut mindert das Lachen des Menschen und ruft die Hypochondrie hervor. Die physiologische Herleitung der Melancholie — »Oder ists nur phantasey, die den müden geist betrübet, Welcher, weil er in dem cörper, seinen eignen kummer liebet?«3) heißt es bei Gryphius — mußte für das Barock, dem das Elend des Menschentums in seinem kreatürlichen Stande so genau vor Augen stand, höchst eindrucksvoll sein. Wenn aus den Tiefen des kreatürlichen Bereiches, an das die Spekulation des Zeitalters mit den Banden der Kirche selber sich gefesselt sah, die Melancholie aufsteigt, so war ihre Allmacht erklärt. In der Tat ist sie unter den kontemplativen Intentionen die eigentlich kreatürliche und von jeher hat man bemerkt, daß ihre Kraft im Blick des Hundes nicht geringer sein muß als in der Haltung des grübelnden Genius. »Gnädiger Herr, die Traurigkeit ist zwar nicht für Tiere, sondern für Menschen gemacht; allein wenn die Menschen ihr über alles Maß nachhängen, so werden sie zu Tieren«4), mit diesen Worten wendet sich Sancho an Don Quichote. Theologisch gewendet, findet sich — und schwerlich als Ergebnis eigner Deduktionen — der gleiche Gedanke bei Paracelsus. »Die Fröligkeit vnn die Traurigkeit/ ist auch geboren von Adam vnn Eua. Die Fröligkeit ist in Eua gelegen/ vnn die Traurigkeit in Adam ... So ein frölichs Mensch/ als Eua gewesen ist/ wirdt nimmermehr geboren: Deßgleichen als traurig als Adam gewesen ist/ wirdt weiter kein Mensch geboren. Dann die zwo Materien Adae vnd Euae haben sich vermischt/ daß die Traurigkeit temperiert ist worden vonn der Fröligkeit/ vnnd die Fröligkeit deßgleichen von der Traurigkeit ... Der Zorn/ Tyranney/ vnnd die Wuetend Eigenschaflt/ deßgleichen die Mildte/ Tugentreiche/ vnnd Bescheidenheit/ ist auch von ihn beyden hie: daß Erste von Eua, das Ander von Adamo, und durch Vermischung eingetheilt inn alle Proles.«5) Adam, als Erstgeborner reines Geschöpf, hat die kreatürliche Traurigkeit, Eva, geschaffen ihn zu erheitern, hat die Fröhlichkeit. Die konventionelle Verbindung von Melancholie und Raserei ist nicht beobachtet; Eva mußte als Anstifterin des Sündenfalles bezeichnet werden. Ursprünglich ist freilich diese trübe Auffassung der Melancholie nicht. Vielmehr ist sie in der Antike dialektisch gesehen worden. Unter dem Begriffe der Melancholie bindet eine kanonische Aristotelesstelle die Genialität an den Wahnsinn. Mehr als zwei Jahrtausende lang hat die Symptomenlehre der Melancholie, wie sie im dreißigsten Kapitel der ›Problemata‹ entwickelt ist, gewirkt. Hercules Aegyptiacus ist der Prototyp des vor seinem Zusammenbruch im Wahnsinn zu den höchsten Taten beflügelten Ingeniums. »Die Gegensätze der intensivsten, geistigen Tätigkeit und ihres tiefsten Verfalles«6) werden in solcher Nachbarschaft mit immer gleichstarkem Grauen den Betrachter an sich reißen. Es kommt hinzu, daß melancholische Genialität besonders im Divinatorischen sich zu bekunden pflegt. Antik — der aristotelischen Abhandlung ›De divinatione somnium‹ entlehnt — ist die Anschauung, daß Melancholie das seherische Vermögen begünstige. Und dieser unverdrängte Rest antiker Theoreme kommt in der mittelalterlichen Überlieferung von den just Melancholischen beschiedenen Seherträumen an den Tag. Auch im siebzehnten Jahrhundert begegnen solche, freilich immer wieder ins Düstere gewandten Charakteristiken: »Allgemeine Traurigkeit ist eine Wahrsagerin alles zukünftigen Unheils.«7) Sowie mit größtem Nachdruck Tschernings schönes Gedicht ›Melancholey Redet selber‹:

 

Ich Mutter schweren bluts/ ich faule Last der Erden

Wil sagen/ was ich bin/ und was durch mich kan werden.

Ich bin die schwartze Gall/ 'nechst im Latein gehört/

Im Deutschen aber nun/ und keines doch gelehrt.

Ich kan durch wahnwitz fast so gute Verse schreiben/

Als einer der sich last den weisen Föbus treiben/

Den Vater aller Kunst. Ich furchte nur allein

Es möchte bey der Welt der Argwohn von mir seyn/

Als ob vom Höllengeist ich etwas wolt' ergründen/

Sonst könt' ich vor der Zeit/ was noch nicht ist/ verkünden/

Indessen bleib ich doch stets eine Poetinn/

Besinge meinen fall/ und was ich selber bin.

Und diesen Ruhm hat mir mein edles Blut geleget

Und Himmelischer Geist/ wann der sich in mir reget/

Entzünd ich als ein Gott die Hertzen schleunig an/

Da gehn sie ausser sich/ und suchen eine Bahn

Die mehr als Weltlich ist. Hat jemand was gesehen/

Von der Sibyllen Hand so ists durch mich geschehen.8)

 

Die Langlebigkeit dieses gewiß nicht verächtlichen Schemas tieferer anthropologischer Analysen ist erstaunlich. Noch Kant malte das Bild des Melancholikers mit den Farben, in denen es bei älteren Theoretikern erscheint. »Rachbegierde ... Eingebungen, Erscheinungen, Anfechtungen ... bedeutende Träume, Ahndungen und Wunderzeichen«9) sprechen die Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen‹ ihm zu.

 

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1) Carl Giehlow: Dürers Stich ›Melencolia I‹ und der maximilianische Humanisten­kreis. In: Mitteilungen der Gesellschaft für vervielfältigende Kunst; Beilage der ›Graphischen Künste‹; Wien, 26 (1903), S. 32 (Nr 2).

2) Wiener Hofbibliothek, Codex 5486 (Sammelband medizinischer Manuskripte von 1471); zitiert nach Giehlow l.c. S. 34.

3) Gryphius l.c. [S. 53]. S. 91 (Leo Armenius III, 406 f.).

4) [Miguel] Cervantes [de Saavedra]: Don Quixote. [Vollst, deutsche Taschenausg. in 2 Bdn, unter Benutzung der anonymen Ausg. von 1837 besorgt von Konrad Thorer, eingel. von Felix Poppenberg.] Leipzig 1914. Bd 2, S. 106.

5) Erster Theil Der Bücher vnd Schrifften/ des Edlen/ Hochgelehrten vnd Bewehrten Philosophi vnnd Medici, Philippi Theophrasti Bombast von Hohenheim/ Paractlsi genannt: Jetzt auffs new ... an tag geben: Durch Iohannem Hvservm Brisgoivm ... Basel 1589. S. 363 f.

6) Giehlow: Dürers Stich ›Melencolia I‹ und der maximilianische Humanistenkreis. In: Mitteilungen der Gesellschaft für vervielfältigende Kunst l.c. [S. 158] 27 (1904), S. 72 (Nr 4).

7) [Zitat an der in a angegebenen Stelle bei Männling (vgl. o. S. 95) nicht nachweisbar.]

8) Tscherning l.c. [S. 149]. (Melancholey Redet selber.)

9) Immanuel Kant: Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen. Königsberg 1764. S. 33 f. [Gesammelte Schriften. Hrsg. von der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften. 1. Abt.: Werke, 2. Bd: Vorkritische Schriften. 2. Berlin 1905. S. 222.]


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