Hermann Gumbel, Deutsche Sonderrenaissance in deutscher Prosa.
Strukturanalyse deutscher Prosa im sechzehnten Jahrhundert. Frankfurt am Main: Verlag Moritz Diesterweg 1930. XII, 268 S. (Deutsche Forschungen. Heft 23.)


Die breit angelegte und sehr solide Studie von Hermann Gumbel hat es mit der Stilkritik der deutschen Prosa in einer ihrer wenigst erforschten Epochen zu tun. Sie entschädigt sich für die Sprödigkeit ihres Gegenstandes, indem sie sich zum Programm einer ›Stilforschung als geistiger Physiognomik‹ bekennt. In drei Ansätzen geht der Autor an die Verwirklichung dieses Vor­habens. Nachdem er die grammatisch-syntaktische Struktur der deutschen Schriftsprache fürs sechzehnte Jahrhundert, und zwar im engsten Anschluß ans Lateinische, verfolgt hat, wendet er sich der primitiven Seite seiner Quellen zu, um schließlich in einer Reihe kunstwissenschaftlicher Begriffe seine Befunde zu unterbauen. Dabei umfassen seine Untersuchungen die ganze Breite des damaligen Schrifttums; die Prosa der Schwankbücher so gut wie der Chronisten oder der Prediger. Darüber hinaus bemächtigt er sich der volksmäßigen Untergründe der ganzen Bewegung. Ihrem besonderen Studium gilt das zweite Kapitel »Die primitive Struktur«.

»Reicht überhaupt« – so erklärt der Verfasser im Anschluß an Burdach – »die ›inwendige Kunstform‹ tiefer hinab ›in die Sphäre des Halbbewußten, Unbewußten als der typische Gedankengehalt künstlerischer Hervorbrin­gungen‹, dann dürfte für jene Zeit nichts so entscheidend sein als eine Neubelebung, ein Aufblühen, ein Finden des Unbewußten. Und wenn eine Sehnsucht nach Primitivität überhaupt bewußt werden konnte, so nur auf Grund einer Ernüchterung, Aufklärung, Übersättigung, so nur als Wiederer­wachen unmittelbarer Triebe und eines ursprünglicheren Verhältnisses zum Leben des primitiven Fühlens, das sich vor allem im Lebensstil und in der Lebenspraxis der Allgemeinheit und der Unterschicht zeigen müßte.« Die Stadtflucht der augusteischen Dichter ebensowohl wie die evangelische Verheißung »So Ihr nicht werdet wie die Kinder ...« stellt der Verfasser in der Aktualität dar, die ihnen damals neu verliehen schien. Sodann geht er zu dem Versuche über, das Bild der primitiven Prosa jener Zeit näher durch Analogien zu bestimmen, welche sie zur Kindersprache aufweist. Grundlegend aber bleibt ihm immer das Nachwirken eines magischen Sprachlebens bis in die kunstvollsten Erzeugnisse der damaligen Literatur; ein Sprachleben, in das er wesentlich im Anschluß an Cassirers »Philosophie der symbolischen Formen« (I) und die »Begriffsform im mythischen Denken« des gleichen Autors einzudringen sich bemüht.

Kennzeichnend für die Gumbelsche Methode ist sodann vor allem eine Analyse der damaligen Zeichensetzung, die den zweiten Teil des Werkes abschließt. »Ein allgemeines Wort darüber, wie wichtig gerade die Interpunktion für die Strukturerkenntnis einer Sprache ist, dürfte nach allem Gesagten und in einer Zeit unnötig sein, in der die Forderung doch Allgemeingut wird, daß Stilbegriffe ihre Verbindlichkeit und Geltungskraft gerade bis in die unscheinbarsten Außenformen bewähren.« Auch in der Zeichengebung sucht er den Impuls des Neuen nachzuweisen. »An die Stelle der Teilungen, des Sinnhackens und des stoßweisen Trennens« ist »die organisch-körperliche Apperzeptionsform getreten. Da sind es jetzt Glieder und Gelenke, für die man sinnvoll den Vergleich mit dem ›leib‹ braucht.«

Die Darstellung gipfelt in einer Analyse der »formalen Struktur«. Hier zeigt sich der Verfasser sehr besorgt, diejenigen kunstwissenschaftlichen Begriffe, in welchen er die Renaissancegestalt der deutschen Prosa zu erfassen trachtet, von dem Verdachte unzulässiger Verallgemeinerung zu reinigen. Denn in der Tat begegnen seine Formulierungen nicht selten denen Heinrich Wölfflins; ja gegen Ende taucht ein Schematismus auf, der den Kategorien, in die Wölfflin den Gegensatz von Renaissance und Barock gespannt hat, andere nebenordnet, die der Leser in Gumbels kritischer Betrachtung deutscher Prosaisten des gleichen Zeitraums bereits kennen lernte. Um so größeren Wert legt der Verfasser auf die Tatsache, daß seine eigene Analyse solche polaren Stilbegriffe lediglich an Studien im eigenen Material gewonnen hat; Studien, die sich von denen Wölfflins auch methodisch unterscheiden. Denn während Wölfflin ja bekanntlich in der Spannung seiner Grundbegriffe den Gegensatz von Renaissance und Barock umfaßt, hat Gumbels Ableitung der »Benennungen keine Erleichterung, Antriebe und Stützen erhalten aus der Analyse und konstruktiven Einbeziehung des absoluten Gegentyps«. »Der Blickpunkt und die Richtung der Betrachtung und Analyse – die hier das eigentlich Entscheidende sind – bleibt also durchaus im Bereich ›deutsche Renaissanceprosa‹ festgelegt, die Steigerungen, Gegenstücke und Gegensätze sind Relationen hierzu und stören die Überwölbung des einen Zeitstiles, der einen Stilzeit auch dann nicht, wenn wir in ihnen deutlich selbst jenes Moment namhaft machen können, das man sich mit dem Wort ›barock‹ zu bezeichnen gewöhnt hat.«

Damit ist der Verfasser einer Forschungsart treu geblieben, die, wie er eingangs erklärt, »in notwendig ganz langsamer und zäher Arbeit an den kleinsten, unwesentlichstem Außenseiten ansetzt und von ihnen aus mühsam das Ganze aufdröselt«. Diesen Charakter der Mühseligkeit verleugnet die eindringliche und behutsame Studie freilich nicht immer. Vielleicht kommt mancher Leser in die Lage, sich zu fragen, ob die asketische Bescheidung des Verfassers nicht ihren besten Lohn noch ausstehen und von einer Fortsetzung zu erwarten habe, die bestimmt ist, diesen Bestandsaufnahmen ihre innere geschichtliche Bedeutung zuzuordnen.


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