Albert Béguin, L'âme romantique et le rêve. Essai sur le romantisme allemand et la poésie française. Marseille: Editions des Cahiers du Sud 1937. 2 Bde. XXXI, 304 S., 482 S.


Der überwiegende Teil des umfangreichen Werkes von Béguin ist Unter­suchungen über die deutsche Romantik gewidmet. Wenn sich eine kürzere Charakteristik französischer Romantiker anschließt, so sind es nicht die Interessen der vergleichenden Literaturgeschichte (gegen die Béguin, II, p. 320, sich abgrenzt), die diese Anordnung bestimmen. Die deutsche Romantik stellt sich dem Verfasser nicht als Mutter der französischen, wohl aber als das romantische Phänomen par excellence dar, an dem die Initiation in diese Geistesbewegung sich zu vollziehen habe. Für Béguin handelt es sich in der Tat um eine Initiation. Der Gegenstand, schreibt er, interessiert »denjenigen geheimsten Teil unserer selbst ... an dem wir nur noch ein Anliegen spüren, das Anliegen, uns die Sprache der Winke und Vorzeichen zu erschließen, und so des Befremdens habhaft zu werden, mit dem das menschliche Leben den erfüllt, der es einen Augenblick in seiner ganzen Seltsamkeit, in seinen Ge­fahren, seiner Beängstigung, seiner Schönheit und seinen traurigen Grenzen ins Auge faßt« (p. XVII). Betrachtungen des Schlußteils gelten der surrealis­tischen Dichtung und bestimmen die Ausrichtung des Verfassers von Anfang an – ein Hinweis mehr darauf, wie bemüht er ist, aus dem Bereich der akademischen Forschung herauszutreten. Es ist dem hinzuzufügen, daß er ihr an Strenge in der Handhabung wenn nicht der Methode, so gewiß der Apparatur nichts nachgibt. Das Buch ist vorbildlich gearbeitet, mit Präzision, ohne gelehrten Prunk. Diese Faktur hat Anteil daran, daß es, ungeachtet einer problematischen Grundhaltung, im Detail vielfach ebenso original wie gewinnend ist.

Die Schwächen des Werkes liegen in seinen loyalen Formulierungen klar zutage. Der Autor sagt: »Die Objektivität, die sicherlich das Gesetz der deskriptiven Wissenschaften bilden kann und soll, kann fruchtbar die Geisteswissenschaften nicht bestimmen. In diesem Bereich schließt jede ›interesselose‹ Forschung einen unverzeihlichen Verrat am eigenen Ich und am ›Gegenstande‹ der Untersuchung ein.« (p. XVII) Hiergegen wird man keinen Einwand erheben wollen. Der Irrtum entspringt erst da, wo man ein intensives mit einem unvermittelten Interesse gleichsetzen würde. Das unvermittelte Interesse ist immer ein subjektives und hat in der Geisteswissenschaft ebensowenig Rechte wie in irgendeiner andern. Die Frage kann sich nicht unvermittelt darauf richten, ob die romantischen Lehren über den Traum »richtig« waren; sie sollte vielmehr auf die geschichtliche Konstellation gehen, aus der die gedachten romantischen Unternehmungen entspringen. In solch vermitteltem Interesse, das sich in erster Linie auf den historischen Standindex der romantischen Intentionen richtet, wird unser eigener, aktualer Anteil am Gegenstand legitimer zur Geltung kommen als in dem Appell an die Innerlichkeit, die sich den Texten unvermittelt zuwendet, um ihnen die Wahrheit abzufragen. Béguins Buch setzt mit solchem Appell ein und hat damit vielleicht Mißverständnissen Vorschub geleistet.

André Thérive, der im »Temps« die Buchkritik im Sinne der laizistischen Tradition versieht, bemerkt zu diesem Buch, daß es von der Meinung abhängt, die wir von der Bestimmung der Menschheit hegen, ob wir uns damit einverstanden erklären können, oder es sehr anstößig finden müssen, »wenn der Geist auf die Finsternisse als auf den einzigen Ort verwiesen wird, an dem ihm die Freude, die Poesie, die heimliche Herrschaft über das Universum zufällt« (»Le Temps«, August 1937). Es kommt vielleicht hinzu, daß der Weg über die Eingeweihten der früheren Zeiten nur dann lockend für den Adepten ist, wenn diese Autoritäten sind, wenn sie ihm als Zeugen entgegentreten. Das ist der Fall der Dichter nur ausnahmsweise; es ist gewiß der Fall der romantischen Dichter nicht. Der einzige Ritter könnte in strengerem Sinn als ein Initiator verstanden werden. Die Prägung nicht allein seiner Gedanken, sondern vor allem seines Lebens gestattet das. Mag man weiter an Novalis denken und an Caroline von Günderode – die Romantiker waren meist zu sehr in den Literaturbetrieb verflochten, um als »Hüter der Schwelle« zu figurieren. Das sind Tatbestände, die Béguin oft auf die geläufigen Verfahrungsweisen der Literaturgeschichte zurückwerfen. Man wird ihm zugeben, daß sie seinem Thema nicht ganz entsprechen. Das kann gegen sie, es kann auch gegen das Thema sprechen.

Wer eine Analyse vornimmt, so erinnert Goethe, der sehe zu, ob ihr auch eine echte Synthese zugrunde liegt. So anziehend der von Béguin behan­delte Gegenstand ist, es ist die Frage, wie die Haltung, in der der Autor sich ihm genähert hat, mit dem Goethischen Rat zu vereinbaren ist. Die Synthesis zu vollziehen, ist das Vorrecht einer geschichtlichen Erkenntnis. Der Gegen­stand, wie er im Titel umrissen ist, läßt in der Tat eine historische Konstruk­tion erwarten. Sie hätte den Bewußtseinsstand des Verfassers und damit den unsrigen nachhaltiger zur Geltung gebracht, als er sich in der zeitge­mäßen Berücksichtigung des Surrealismus und der Existenzphilosophie aus­weist. Sie wäre darauf gestoßen, daß die Romantik einen Prozeß vollendet, den das 18. Jahrhundert begonnen hatte: die Säkularisierung der mystischen Tradition. Alchimisten, Illuminaten und Rosenkreuzer hatten angebahnt, was in der Romantik zum Abschluß kommt. Die mystische Tradition hatte diesen Prozeß nicht ohne Schädigungen überstanden. Das hatte sich an den Auswüchsen des Pietismus erwiesen, ebenso wie an Theurgen vom Schlage eines Cagliostro und Saint-Germain. Die Korruption der mystischen Lehren und Bedürfnisse war gleich groß in den niederen und höheren Schichten.

Die romantische Esoterik ist an dieser Erfahrung herangewachsen. Sie war eine Restaurationsbewegung mit allen Gewalttätigkeiten einer solchen. In Novalis hatte die Mystik sich endlich schwebend über das Festland der religiösen Erfahrung behaupten können: mehr noch in Ritter. Der Ausgang nicht erst der Spätromantik, sondern schon Friedrich Schlegels zeigt aber die Geheimwissenschaft wieder im Begriff, in den Schoß der Kirche zurückzu­kehren. In die Zeit der vollendeten Säkularisierung der mystischen Tradition fielen die Anfänge einer gesellschaftlichen und industriellen Entwicklung, von der eine mystische Erfahrung, die ihren sakramentalen Ort verloren hatte, in Frage gestellt wurde. Die Folge war für einen Friedrich Schlegel, einen Clemens Brentano, einen Zacharias Werner die Konversion. Andere wie Troxler oder wie Schindler nahmen zu einer Berufung auf das Traumleben, auf die vegetativen und animalischen Manifestationen des Unbewußten ihre Zuflucht. Sie traten einen strategischen Rückzug an und räumten Gebiete höheren mystischen Lebens, um desto besser das in der Natur angelegte behaupten zu können. Ihr Appell an das Traumleben war ein Notsignal; er wies minder den Heimweg der Seele ins Mutterland, als daß Hindernisse ihn schon verlegt hatten.

Béguin ist zu einer derartigen Anschauung nicht gekommen. Er rechnet nicht mit der Möglichkeit, daß der wirkliche, synthetische Kern des Gegen­standes, wie er sich der historischen Erkenntnis erschließt, ein Licht aussen­den könnte, in dem die Traumtheorien der Romantik zerfallen. Diese Unzu­länglichkeit hat Spuren in der Methode des Werkes hinterlassen. Indem es sich jedem romantischen Autor gesondert zuwendet, verrät es, daß sein Vertrauen in die synthetische Kraft seiner Fragestellung nicht unbegrenzt ist. Freilich hat diese Schwäche auch ihr Gutes. Sie eröffnet ihm die Möglichkeit, als ein Charakteristiker sich zu bewähren, dem zu folgen oft wahren Reiz hat. Es sind die Porträtstudien, die das Buch, seiner Anlage ungeachtet, lesens­wert machen. Bereits deren erste, die die Beziehungen des aufgeweckten G. Ch. Lichtenberg zum Traumleben seiner Mitmenschen und seines eigenen zeichnen, gibt einen hohen Begriff von B[éguin]s Vermögen. Mit der Behand­lung Victor Hugos im zweiten Bande liefert er auf wenigen Seiten ein Meister­stück. Je mehr der Leser ins Detail dieser physiognomischen Kabinettstücke eindringt, desto öfter wird er die Korrektur eines Vorurteils finden, das das Buch von Hause aus hätte gefährden können. Eine Figur wie G. H. Schubert läßt gerade in Béguins Darstellung die sehr bedingte Bedeutung gewisser esoterischer Spekulationen der Romantiker mit einer Deutlichkeit hervor­treten, die der Loyalität des Historikers um so mehr Ehre macht, je beschei­dener der Ertrag ist, den sie seiner unmittelbaren Ausbeute gewähren.


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