[Byzantinische Quellen]


Mit Vorliebe wandte man sich der Geschichte des Ostens zu, wo das absolute Kaisertum in einer dem Abendlande unbekannten Machtentfaltung begegnete. So greift in ›Catharina‹ Gryphius auf den Schah von Persien und Lohenstein im ersten und im letzten seiner Dramen aufs Sultanat zurück. Die Hauptrolle aber spielt das theokratisch fundierte Kaisertum von Byzanz. Damals begann »die systematische Aufdeckung und Erforschung der byzantinischen Literatur ... mit den großen Ausgaben der byzantinischen Historiker, die ... unter den Auspizien Ludwigs XIV durch gelehrte Franzosen wie Du Cange, Combefis, Maltrait u.a. veranstaltet wurden«1). Diese Historiker, Cedrenus und Zonaras vor allem, wurden viel gelesen und vielleicht nicht nur um der blutigen Berichte willen, die sie von den Schicksalen des oströmischen Kaisertums gaben, sondern auch aus Anteil an den exotischen Bildern. Die Wirkung dieser Quellen hat sich im Laufe des siebzehnten Jahrhunderts und bis ins achtzehnte hinein gesteigert. Denn je mehr gegen den Ausgang des Barock der Tyrann des Trauerspiels zu jener Charge wurde, die ein nicht unrühmliches Ende in Stranitzkys wiener Possentheater fand, desto brauchbarer erwiesen sich die von Untaten strotzenden Chroniken Ostroms. Da heißt es denn: »Man hänge brenne, man rädere, es triefte in bluth und ersauffe im Styx wer Uns beleidiget, (wirfft alles über ein hauffen und geht zornig ab).«2) Oder: »Es blühe die gerechtigkeit, es hersche die grausambkeit, es triumphire Mord und tyranney, damit Wenceslaus auf bluthschaumenden leichen statt der stuffen auf seinen Sieghafften thron steigen könne.«3) Dem nordischen Beschluß der Haupt- und Staatsaktionen in der Oper entspricht dies wienerische Ende in der Parodie. »Eine neue Tragoedie, Betitult: Bernardon Die Getreue Prinzeßin Pumphia, Und Hanns-Wurst Der tyrannische Tartar-Kulikan, Eine Parodie in lächerlichen Versen«4) führt mit der Person des hasenfüßigen Tyrannen und der in die Ehe sich rettenden Keuschheit die Motive des großen Trauerspiels ad absurdum. Noch sie vertrüge fast als Motto eine Stelle des Gracian, aus der erhellt, wie peinlich an Schablone und Extrem die Fürstenrolle in den Trauerspielen sich zu binden hat. »Könige mißt man nach keinem Mittelmaße. Man rechnet sie entweder unter die gar guten/ oder unter die gar bösen.«5)

 

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1) Karl Krumbacher: Die griechische Literatur des Mittelalters. In: Die Kultur der Gegenwart. Ihre Entwicklung und ihre Ziele. Hrsg. von Paul Hinneberg. Teil I, Abt. 8: Die griechische und lateinische Literatur und Sprache. Von U(lrich) v(on) Wilamowitz-Moellendorff [u.a.]. 3. Aufl. Leipzig, Berlin 1912. S. 367.

2) [Anonym:] Die Glorreiche Marter Joannes von Nepomuck Unter Wenzeslao dem faulen König der Böhmen und Die Politischen Staats-Streiche und verstehe Einfalth des Doctor Babra eines Grossen Favoriten des Königs gibt denen Staats-Scenen eine Modeste Unterhaltung; zitiert nach Weiß l.c. [S. 54]. S. 154.

3) L.c.; zitiert nach Weiß l.c. S. 120.

4) Joseph [Felix] Kurz: Prinzessin Pumphia. Wien 1883. (Wiener Neudrucke. 2.) S. 1 [Wiedergabe des alten Titelblattes].

5) Lorentz Gratians Staats-kluger Catholischer Ferdinand/ aus dem Spanischen übersetzet von Daniel Caspern von Lobenstein. Breßlau 1676. S. 123.


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