1. Zurückgezogenheit.


Zurückgezogenheit kann in verschiedener Weise zutage treten. Menschen, die sich zurückziehen, reden wenig oder nichts, sehen einen nicht an, hören nicht zu oder sind nicht aufmerksam, wenn man zu ihnen spricht. In allen Beziehungen, schon in den einfachsten, findet man eine Kälte, welche die Menschen voneinander scheidet. Man spürt sie in der Art und Weise, wie sie einem die Hand reichen, an dem Ton, in dem sie etwas sagen, in der Art, wie sie den andern grüßen oder seinen Gruß erwidern. Immer fällt es auf, wie sie zwischen sich und die andern eine Distanz legen. Bei allen diesen Erscheinungen von Isolierung findet man wieder den bekannten Charakterzug des Ehrgeizes und der Eitelkeit, der hier die besondere Form angenommen hat, sich von den andern abheben, seine Andersartigkeit dadurch dartun zu wollen, daß man sich zurückzieht. Damit haben aber diese Menschen höchstens gewonnen, daß ihnen ihre Einbildungskraft eine Höhe vorgaukelt, die nicht besteht. Man sieht, wie der kämpferische Zug der Feindseligkeit in die scheinbar harmlose Haltung des Einzelnen umschlagen kann. Die Zurückziehung kann auch größere Gruppen betreffen. Jeder wird bereits die Bekanntschaft von ganzen Familien gemacht haben, die dadurch charakterisiert sind, daß sie sich gegen die anderen hermetisch abschließen. Betrachtet man sie genauer, dann vermißt man nie die Feindseligkeit und den Hang zu der Einbildung, höhere, bessere Wesen zu sein als die andern. Die Isolierungstendenz kann ferner auf Klassen, Religionen, Rassen und Nationen übergehen, und es gibt oft ein außerordentlich aufklärendes Bild ab, in einer fremden Stadt, z. B. auf Promenaden, manchmal sogar an der Bauart der Häuser, wahrzunehmen, wie sich einzelne Schichten gegeneinander abschließen. Es ist eine in unserer Kultur vorläufig noch tiefwurzelnde Erscheinung, daß sich Menschen leicht verleiten lassen, sich auf diese Weise zu isolieren, sich in Nationen, Konfessionen und Klassen zu scheiden, wobei meist nichts anderes herauskommt als gegenseitiger Kampf, der sich nach einiger Zeit in ein Nichts auflöst, in eine veraltete, kraftlose Tradition. So kommt es, wie es meist zu geschehen pflegt, daß einzelnen Menschen dadurch die Möglichkeit geboten wird, latente Gegensätze auszunutzen und diese Gruppen aufeinander zu hetzen zu keinem anderen Zweck, als um dadurch um so leichter selbst befehlen und lenken zu können und persönliche Eitelkeiten zu befriedigen. Dem Zug der Feinseligkeit ermangelt auch nie, daß eine solche Klasse oder ein solches Volk sich als besonders ausgezeichnet empfindet, seinen Geist als den auserlesenen preist und von den andern meist nur das Schlechte weiß. Die Möglichkeit und Gefahr einer Steigerung der Feindseligkeit liegt darin, daß man in der Regel nur gewisse Wortführer hört, die in der eigenen feindseligen Gesinnung und im eigenen Interesse die Feindseligkeit der anderen schüren und zu steigern versuchen. Wenn dann unglückliche Ereignisse eintreten, wie der Weltkrieg und seine Folgen, dann will es niemand gewesen sein. Es ist der Typus von Menschen, die in ihrer eigenen Unsicherheit nach Überlegenheit und Unabhängigkeit streben, die sie auf Kosten der andern zu verwirklichen trachten.

In der Zurückziehung liegt das Schicksal und die ganze Welt eines solchen Individuums. Daß diese Menschen nicht geeignet sind, voranzugehen und Kulturfortschritte zu fördern, liegt auf der Hand.


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