1. Wesen und Entstehung des Charakters.


Unter einem Charakterzug verstehen wir das Hervortreten einer bestimmten Ausdrucksform der Seele bei einem Menschen, der sich mit den Aufgaben des Lebens auseinanderzusetzen sucht. »Charakter« ist also ein sozialer Begriff. Wir können von einem Charakterzug nur mit Rücksicht auf den Zusammenhang eines Menschen mit seiner Umwelt sprechen. Bei einem Robinson z. B. wäre es ohne Belang, was für einen Charakter er hätte. Charakter ist die seelische Stellungsnahme, die Art und Weise, wie ein Mensch seiner Umwelt gegenübersteht, eine Leitlinie, auf der sich sein Geltungsdrang in Verbindung mit seinem Gemeinschaftsgefühl durchsetzt.

Es wurde bereits festgestellt, daß alles Verhalten eines Menschen durch ein Ziel festgelegt ist, das sich als nichts anderes darstellt, als ein Ziel der Überlegenheit, der Macht, der Überwältigung des anderen. Dieses Ziel wirkt auf die Weltanschauung, es beeinflußt die Gangart, die Lebensschablone eines Menschen und lenkt seine Ausdrucksbewegungen. Die Charakterzüge sind demnach nur die äußeren Erscheinungsformen der Bewegungslinie eines Menschen. Als solche vermitteln sie uns die Erkenntnis seiner Haltung zur Umwelt, zu den Mitmenschen, zur Gemeinschaft überhaupt und zu seinen Lebensfragen. Es handelt sich um Erscheinungen, die Mittel darstellen, die Persönlichkeit zur Geltung zu bringen, Kunstgriffe, die sich zu einer Methode des Lebens zusammenfügen.

Die Charakterzüge sind durchaus nicht, wie viele meinen, angeboren, nicht von Natur aus gegeben, sondern einer Leitlinie vergleichbar, die dem Menschen wie eine Schablone anhaftet und ihm gestattet, ohne viel Nachdenken in jeder Situation seine einheitliche Persönlichkeit zum Ausdruck zu bringen. Sie entsprechen keinen angeborenen Kräften und Substraten, sondern sie sind, wenn auch sehr früh, erworben, um eine bestimmte Gangart festhalten zu können. So ist z. B. einem Kind die Faulheit nicht angeboren, sondern es ist faul, weil ihm diese Eigenschaft als ein geeignetes Mittel erscheint, sich das Leben zu erleichtern und dabei doch seine Geltung zu behaupten. Denn die Machtstellung eines Menschen ist auch dann — in einem gewissen Sinn — vorhanden, wenn er sich auf der Linie der Faulheit bewegt. Er kann sich stets auf sie als einen angeborenen Fehler berufen und sein innerer Wert erscheint dann unangetastet. Das Endergebnis einer solchen Selbstbetrachtung ist immer ungefähr die: »Wenn ich diesen Fehler nicht hätte, würden sich meine Fähigkeiten glänzend entfalten können; ich habe aber leider diesen Fehler.« Ein anderer, der in einem unbändigen Streben nach Macht mit seiner Umgebung in einen ständigen Kampf verwickelt ist, wird Charakterzüge entwickeln, die für einen solchen Kampf notwendig erscheinen, etwa Ehrgeiz, Neid, Mißtrauen u. dgl. Solche Erscheinungen glauben wir mit einer Persönlichkeit verschmolzen, angeboren und unabänderlich, während es sich bei einer näheren Betrachtung ergibt, daß sie nur für die Bewegungslinie des Menschen als notwendig erscheinen und daher angenommen werden. Sie sind nicht der primäre Faktor, sondern der sekundäre, durch das geheime Ziel des Menschen erzwungen, daher teleologisch zu betrachten. Wir erinnern an unsere obigen Ausführungen, denen zufolge die menschliche Art zu leben, zu handeln, einen Standpunkt zu finden, notwendig mit der Setzung eines Zieles verbunden ist. Wir können nichts denken und ins Werk setzen, ohne daß uns ein bestimmtes Ziel vorschwebt. Es wird in dunklen Umrissen der kindlichen Seele schon frühzeitig vorschweben und ist für seine ganze seelische Entwicklung richtunggebend. Es ist die leitende, gestaltende Kraft, die es ausmacht, daß jeder Einzelne eine besondere Einheit, eine besondere, von allen andern verschiedene Persönlichkeit darstellt, weil alle Bewegungen und Ausdrucksformen nach einem gemeinsamen Punkt hin gerichtet sind, so daß wir einen Menschen immer erkennen, wo immer er sich auf seiner Bahn befindet.

Die Bedeutung der Vererbung müssen wir hinsichtlich aller Erscheinungen im Psychischen, insbesondere hinsichtlich der Entstehung von Charakterzügen, völlig von der Hand weisen. Es gibt keine Anhaltspunkte, die eine Annahme der Vererbungslehre auf diesem Gebiet stützen könnten. Verfolgt man irgendeine Erscheinung im menschlichen Leben zurück, so gelangt man natürlich bis zum ersten Tag und es scheint so, als ob alles angeboren wäre. Der Grund dafür, daß es Charakterzüge gibt, die einer ganzen Familie, einem Volke oder einer Rasse gemeinsam sind, liegt einfach darin, daß einer von andern abschaut, daß er Züge in sich entwickelt, die er dem andern abgelauscht, entlehnt hat. Es gibt gewisse Realien, seelische Eigenarten und körperliche Ausdrucksformen, denen in unserer Kultur für heranwachsende Menschen die Bedeutung einer Verlockung zur Nachahmung zukommt. So kann z. B. die Wißbegierde, die sich zuweilen als Schaulust äußert, bei Kindern, die mit gewissen Schwierigkeiten des Sehapparates zu kämpfen haben, zu einem Charakterzug der Neugier führen. Aber eine Notwendigkeit zur Entwicklung dieses Charakterzuges besteht nicht; wenn es die Leitlinie dieses Kindes verlangen würde, könnte es in seiner Wißbegierde z.B. einen Charakterzug entwickeln, demzufolge es alle Gegenstände untersuchen will und auseinandernimmt oder zerbricht. Oder es wird aus ihm ein Bücherwurm u. dgl. Ähnlich verhält es sich mit dem Mißtrauen von Menschen, die an Hörgebrechen leiden. In unserer Kultur ist solchen Menschen nahegelegt, Gefahren in außerordentlich verschärfter Weise zu empfinden. Sie sind auch vielfach allerlei Schärfen (Spott, niedere Einschätzung als Krüppel usw.) ausgesetzt, die die Entwicklung eines mißtrauischen Charakters begünstigen. Da sie von vielen Freuden ausgeschlossen sind, ist es begreiflich, wenn sich in ihnen feindselige Gefühle regen. Die Annahme, daß ihnen ein mißtrauischer Charakter angeboren sei, wäre unbegründet. Dasselbe gilt auch hinsichtlich der Annahme, daß verbrecherische Charakterzüge angeboren seien. Dem Argument, daß sich in einer Familie Verbrecher wiederfinden, muß entgegengehalten werden, daß da Tradition, Lebensanschauung und schlechtes Beispiel Hand in Hand gehen, daß den Kindern z.B. der Diebstahl geradezu als eine Möglichkeit des Lebens nahegelegt wird.

Dasselbe gilt auch insbesondere vom Geltungsstreben. Die Schwierigkeiten, denen sich jedes Kind gegenübersieht, machen es aus, daß kein Kind ohne dieses Streben aufwächst. Die Formen, in denen dieses Streben in Erscheinung tritt, sind schließlich austauschbar, sie wechseln und ändern sich und sehen bei jedem Menschen anders aus. Auf die Behauptung, daß Kinder in ihren Charakterzügen so oft ihren Eltern ähnlich sähen, müssen wir erwidern, daß das Kind in seinem Geltungsstreben durch die Gestalt eines Menschen aus seiner Umgebung, der selbst Geltung beansprucht und besitzt, angelockt wird. Jede Generation lernt auf diese Weise von ihren Vorfahren und bleibt selbst in den schwierigsten Zeiten, selbst bei den größten Verwicklungen, zu denen das Machtstreben führt, immer bei dem Erlernten.

Das Ziel der Überlegenheit ist ein geheimes Ziel. Infolge der Einwirkung des Gemeinschaftsgefühls kann es sich nur im Geheimen entfalten und verbirgt sich immer hinter einer freundlichen Maske. Wir müssen aber feststellen, daß es nicht so tropisch wuchern könnte, wenn einer den andern besser verstehen würde. Wenn wir so weit kommen könnten, daß unser Volk bessere Augen bekäme und jeder den Charakter seiner Mitmenschen klarer durchschauen könnte, dann würde er sich nicht nur besser schützen können, sondern gleichzeitig dem andern die Arbeit so sehr erschweren, daß sie nicht mehr rentabel wäre. Dann müßte das verschleierte Machtstreben fallen. Daher lohnt es sich wohl, in diese Zusammenhänge tiefer hineinzublicken und zu versuchen, die gewonnenen Erkenntnisse praktisch zu verwerten. Denn mit unserer Menschenkenntnis ist es nicht weit her. Wir leben in komplizierten kulturellen Verhältnissen, die eine richtige Schulung für das Leben sehr erschweren. Die wichtigsten Mittel zur Entfaltung von Scharfblick sind dem Volke eigentlich entzogen und die Schule hat bisher nicht mehr geleistet, als einen gewissen Stoff von Wissen vor den Kindern auszubreiten und sie davon »fressen« zu lassen, was sie konnten und wollten, ohne dabei ihr Interesse besonders wachzurufen. Und selbst diese Schule war für den größeren Teil der Bevölkerung nur ein frommer Wunsch. Auf die wichtigste Voraussetzung für die Gewinnung von Menschenkenntnis ist bisher viel zu wenig Gewicht gelegt worden. In diesen Schulen haben auch wir alle uns unsere Maßstäbe für die Beurteilung von Menschen geholt. Dort haben wir wohl die Dinge in gute und schlechte einteilen und voneinander unterscheiden gelernt, sind aber ohne Revision geblieben. So haben wir den Mangel mit ins Leben genommen und laborieren nun daran unser ganzes Leben lang. Die Vorurteile der Kinderjahre verwenden wir auch als Erwachsene noch immer, als ob sie geheiligte Gesetze wären. Wir merken nicht, wie wir in den Strudel dieser komplizierten Kultur hineingezogen sind und Standpunkte einnehmen, die einer wahren Erkenntnis der Dinge höchst abträglich sind, weil wir alles in letzter Linie wieder nur vom Standpunkt der Erhöhung unseres Persönlichkeitsgefühls, in dem Sinne betrachten und Stellung nehmen, um für uns einen Machtzuwachs zu erreichen. Unsere Betrachtungsweise war zu objektiv.


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