a) Voraussetzungen und Standpunkte des kritischen Beurteilers


Man kann im Leben geradeso wie in der forschenden Wissenschaft unausgesetzt die Erfahrung machen, daß die Diskussion der einfachsten und ebenso der wichtigsten Fragen oft zwecklos zerfließt, aus keinem anderen Grunde als dem, daß die Betrachtung, Auswahl und Anordnung der betontesten Gründe und Gegengründe von einem vorgefaßten, aber meist ungeprüften Standpunkte aus erfolgen. Es ist dann oft weniger der Scharfsinn des Gegners als seine anders gerichtete Aufmerksamkeit, mittels deren es ihm gelingt, Einwände zu erheben oder zu entkräften, Material und Statistiken herbeizuschaffen und zu werten oder neue Gesichtspunkte ins Treffen zu führen. Man mag sich noch so viel Unbefangenheit zusprechen oder bewahren wollen, erst die bewußte und kritische Betonung des persönlichen Standpunktes, die Herleitung jeder Bewertung eines Für und Wider aus dieser Perspektive gibt uns die wissenschaftliche Eignung zur Untersuchung und Diskussion, wie sie uns auch die Möglichkeit einer systematischen Entwicklung unserer Voraussetzungen bietet. Unterbleibt diese Klarlegung, dann dreht sich der forschende Geist derart im Kreise, daß er zum Schlüsse sicher zu erkennen glaubt, was er anfangs bloß vermutend bei seiner Untersuchung vorausgesetzt hatte. Wie sich zu diesem Beginnen alle Hilfsmittel tendenziös verwenden lassen, ist bezüglich der Statistik oft treffend hervorgehoben worden, gilt aber auch für manche, in ihren Mitteln nicht wählerische psychologische Richtung.

Um unser Gebiet zuvor gehörig abzugrenzen, wollen wir hervorheben, daß wir unter Prostituierten solche Personen meist weiblichen Geschlechts verstehen, die den Geschlechtsverkehr zum Zwecke ihres Erwerbs zulassen. Vom Standpunkt einer gesellschaftlichen Zusammengehörigkeit der Menschen betrachtet, zeigt sich der Beruf der Prostitution als eine Erwerbseinrichtung, die darauf gestützt ist, daß sie an Stelle von mannigfachen und großen Verantwortlichkeiten einer sexuellen Vereinigung nach Analogie eines Handelsgeschäftes ein Geldäquivalent fordert.

Aus dieser ablehnenden Auffassung ergibt sich unverkennbar die weiter festzuhaltende Voraussetzung: daß die menschliche Gesellschaft, für vorläufig unabsehbare Zeiten, den Verkehr der Geschlechter in bestimmte Formen gebracht und mit solchen Verantwortlichkeiten ausgestattet hat, die zum Bestand eben dieser Gesellschaft als tauglich und nötig befunden und erprobt wurden. Manches davon, die Dauer der Zusammengehörigkeit und die Werbung im Liebesleben scheinen feststehende Formen zu sein. Betonen wir noch den freiwillig übernommenen Zwang zur Kameradschaftlichkeit, zur Begründung eines Familienlebens und die Forderung der beiderseitigen Würdigkeit, so verstehen wir leicht, wie sich alle diese gleichzeitig mit dem Geschlechtsverkehr eintretenden Folgerungen als die selbstverständlichen Forderungen eben dieser Gesellschaft ergeben, die mit diesen Methoden ihren Bestand zu sichern sucht.

Diese Betrachtung steht auch in vollem Einklang mit historischen, juristischen und soziologischen Überlegungen. Noch mehr: sie ist auch die einzige Auffassung, die uns das ethische Problem der Prostitution restlos erfassen läßt, die alte, bisher ungelöste Frage, woher es komme, daß die Gesellschaft eine Erscheinung, die sie seihst zutage fördert und toleriert, dennoch dauernd als schandhaft brandmarkt oder gar unter Strafe stellt. Und wir verstehen auf Grundlage unserer Betrachtung, daß die menschliche Gesellschaft in der Prostitution ein Aftergebilde geschaffen hat, einen Notausgang, einen Ausweg in der Not eintretender Schwierigkeiten, zu dem sich zahlreiche Volksgenossen verurteilt sehen, den aber eben diese Gesellschaft aus ihren anders gerichteten Zielen heraus mit dem Banne der Moral belegen muß.


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