6. Verbesserungsversuche.


Unter den Versuchen, die bisher angestellt wurden, um ein besseres Verhältnis zwischen den Geschlechtern anzubahnen, sei hier als der wichtigste die Koedukation genannt. Diese Institution ist nicht unbestritten, sie hat ihre Gegner und Freunde. Letztere führen als Hauptvorzüge dieser Einrichtung an, daß die Geschlechter auf diese Weise Gelegenheit bekommen, sich rechtzeitig kennenzulernen, daß dadurch das Auftreten unrichtiger Vorurteile mit ihren schädlichen Folgen am besten hintangehalten werden kann. Die Gegner führen hauptsächlich ins Treffen, daß der Gegensatz zwischen Knaben und Mädchen, der bereits zur Zeit, da sie in die Schule eintreten, oft schon überaus stark sei, bei einer gemeinsamen Erziehung nur noch weitere Verschärfungen erfahre, weil sich die Knaben hierbei gedrückt fühlen. Das hänge damit zusammen, daß die geistige Entwicklung der Mädchen in dieser Zeit schneller vorwärtsschreite, so daß die Knaben, die die ganze Last ihres Privilegs zu tragen und Beweise zu erbringen hätten, daß sie tüchtiger seien, nun plötzlich vor der Erkenntnis stünden, ihr Privileg sei nur eine Seifenblase, die vor der Wirklichkeit zerrinne. Einzelne Forscher wollen auch festgestellt haben, daß bei der Koedukation die Knaben den Mädchen gegenüber ängstlich werden und ihr Selbstbewußtsein verlieren.

Es ist keine Frage, daß an diesen Feststellungen und an dieser Argumentation etwas Richtiges ist. Stichhaltig ist aber diese Argumentation nur dann, wenn man die Koedukation im Sinne einer Konkurrenz der Geschlechter um die Palme der größeren Tüchtigkeit auffaßt. Wird sie auf diese Weise von Lehrern und Schülern verstanden, dann ist sie natürlich schädlich. Und finden sich keine Lehrer, die eine bessere Auffassung der Koedukation zuwege bringen, nämlich die einer Übung, einer Vorbereitung auf die künftige Zusammenarbeit der Geschlechter an gemeinsamen Aufgaben, Lehrer, die diese Auffassung ihrer beruflichen Tätigkeit zugrundelegen, dann werden die Versuche mit der Koedukation immer Schiffbruch leiden. Die Gegner werden in den Mißerfolgen nur eine Bestätigung ihrer Stellungnahme erblicken.

Hier ein ausführliches Bild zu geben, würde die Gestaltungskraft von Poeten erfordern. Wir müssen uns damit begnügen, nur auf die Hauptpunkte hinzuweisen. Zusammenhänge mit den oben dargestellten Typen sind immer vorhanden und mancher wird sich erinnern, wie auch hier gleiche Gedankengänge auftauchen wie bei den Schilderungen jener Kinder, die mit minderwertigen Organen zur Welt kamen. Auch das heranwachsende Mädchen verhält sich vielfach so, als ob es minderwertig wäre, und es gilt dann für sie dasselbe, was über den Ausgleich des Minderwertigkeitsgefühls gesagt wurde. Der Unterschied ist nur der, daß dem Mädchen der Glaube an seine Minderwertigkeit auch von außen zugetragen wird. Ihr Leben wird so sehr in diese Bahn hineingezogen, daß auch einsichtsvolle Forscher zuweilen diesem Vorurteil unterliegen. Die allgemeine Wirkung dieses Vorurteils ist die, daß beide Geschlechter schließlich in den Strudel der Prestigepolitik geraten und eine Rolle spielen, der beide Teile nicht gewachsen sind, die dazu führt, ihnen die Harmlosigkeit ihres Lebens zu komplizieren, ihnen die Unbefangenheit ihrer Beziehungen zu rauben und sie mit Vorurteilen zu sättigen, denen gegenüber jede Aussicht auf Glück verschwindet.


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