Trotz und Gehorsam


(1910)

 

Seit wir in der Individualpsychologie ein so wertvolles Hilfsmittel besitzen, um psychische Zustandsbilder und Charaktere aus ihrer frühkindlichen Entwicklung zu begreifen, zeigt sich die grundlegende Bedeutung der Pädagogik für die Entwicklung eines gesunden Seelenlebens in voller Klarheit. Jede Analyse erhellt Beziehungen zwischen den erzieherischen Beeinflussungen und dem Auftreten nervöser Erscheinungen. Ich zweifle nicht, daß diese Forschungsrichtung eine ungemeine Vertiefung der Pädagogik zustande bringen wird, so wie sie umgekehrt aus den sicheren Erfahrungen der Erziehungswissenschaft ihre wertvollsten Beweise und Hilfen entnimmt. Die meisten der bisherigen individualpsychologischen Arbeiten sind naturgemäß vom Standpunkte der ärztlichen Kunst aus geschrieben. Immerhin berücksichtigen sie eine ganze Anzahl erzieherischer Fragen so sehr oder stellen sie in den Vordergrund, daß man es wagen darf, sie den Nichtärzten, vor allem Eltern, Lehrern und Psychologen, als Probe vorzulegen.

Was ganz besonders die Eignung der Individualpsychologie für die Entwicklung der Pädagogik ausmacht, ist die sich ergebende Anschauung vom Wesen des Charakters. Ich kann hier nur die Ergebnisse aus einer großen Reihe von Erfahrungen, vor allem eigener Befunde, mitteilen, aus welchen hervorgeht, daß bestimmte Charakterzüge sich in gerader Linie von einem Organsystem ableiten lassen und dem daranhaftenden Triebe entsprechen. So stammt vom Sehorgane und seinem Triebe die visuelle Neugierde und später die Wißbegierde, vom Nahrungsorgan der Charakter der Gefräßigkeit, hernach des FMftemeides und, sobald das Geldäquivalent in Wirksamkeit tritt, des Geizes. Der Haut und ihren besonders gearteten Stellen entstammen bestimmte dauernde Neigungen zur Berührung und sinnlichen Lustgewinnung. Die Absonderungsorgane, die ursprünglich bloß mit Entleerungsneigung behaftet sind, arbeiten zunächst im Triebleben gleichberechtigt mit, — bis endlich unter Aufgabe der fast noch vorgeburtlichen Arbeitsweisen der Organe eine Änderung eintritt, eingeleitet durch eine starke Unterordnung des gesamten Trieblebens unter den Zweck der Machtgewinnung, dann der Erhöhung des Persönlichkeitsgefühls. So gegen Ende des zweiten Jahres. Das Kind ist wissend geworden und nützt sein Bewußtsein aus, indem es sein Leben und Treiben auf Macht einstellt. Kulturhistorisch wie in der Entwicklung des einzelnen zeigt sich die gleiche Stufenfolge: im allgemeinen werden die Befriedigungsarten bevorzugt und festgelegt, die entweder mehreren Organtrieben zugleich entsprechen oder Unlust vermeiden. Die Nahrung soll nicht nur angenehme Geschmackseigenschaften besitzen, sondern auch dem Auge, der Nase Lust bereiten. Die Kleidung soll die Haut vor Unlusterregung, vor Kälte, Nässe bewahren und zugleich dem Auge wohlgefällig sein. Das Gehaben des Kindes auf der ersten Stufe der Entwicklung ist durchaus selbstsüchtig, nur auf Lustgewinnung eingestellt, und sein Triebleben ist in seiner Ausbreitung durch innigeres Zusammenwirken, durch Triebverschränkung und gelegentliche gegenseitige Hemmung, durch Eigenerfahrung und Belehrung bestimmt. Immerhin lassen sich bereits Unterschiede, Ansätze zur Eigenart und Gesinnungsbildung erkennen. Bald ist der Schautrieb, bald der Eß- oder ein anderer Trieb die Hauptachse des Seelenlebens, bald treten Schioächen oder kennzeichnende Vorzüge eines Triebes (des Hör-, Schau-, Riechtriebes) so deutlich hervor, daß ein umschriebenes Charakterbild zutage kommt. Alle diese Eigenschaften, wie auch Plumpheit, Ungeschicklichkeit, Trägheit, auffallende Lebhaftigkeit, Wehleidigkeit stammen in gerader Linie von Organminderwertigkeiten her, stehen mit organischen Empfindlichkeiten, scharf abgegrenzten oder abgeschwächten Sinnesempfindungen im Zusammenhang und fallen durch die andersartige Triebausbreitung und Triebbefriedigung als ursprüngliche und angeborene Triebrichtungen auf, deren Material später zu einer einheitlichen Persönlichkeit umgeformt wird, die nach Geltung ringt.

Denn in diese seelische Vorbereitung fallen nun die Wirkungen der Umgebung und der gesellschaftlichen Bedingungen. Von größter Tragweite sind die Einflüsse des Familienlebens. Sie bringen neue Einschränkungen der Triebausbreitung, und die Einstellung des Kindes auf Lustgewinnung gerät in Widerspruch mit ihnen. Hier liegen die Wurzeln des gewöhnlichen, sozusagen physiologischen Trotzes der Kindheit. Das Kind soll lernen, sich in den Kulturbetrieb einzufügen und seinen spielerischen Hang nach freier Organbetätigung aufzugeben. Diese Umwandlung gelingt nur dann leicht, wenn das Kind an Stelle ursprünglicher Triebbefriedigung einen Ersatz annimmt: die Liebe seiner Umgebung oder eine Ehrgeizbefriedigung. Dann kann es, ohne ungeduldig zu werden, auf die Triebbefriedigung warten, die Einfügung ist gelungen, das Kind ist auf Gehorsam eingestellt. Andernfalls sträubt es sich gegen den Einklang des Familienlebens, verweigert den Gehorsam, geht seine eigenen Wege, die oft weitab vom Erziehungsziele führen, sträubt sich gegen den Eß- und Reinigungszwang, leistet beim Schlafengehen, später auch beim Lernen tätigen und leidenden Widerstand, nicht selten auch bei Verrichtung seiner Notdurft. Oder das Kind wird jähzornig, neidisch, voll Ungeduld und stört den Frieden des Hauses durch.stillen oder lauten Trotz. Immerhin sind es auf dieser Stufe der Entwicklung nur Spuren, die aber unter bestimmten Bedingungen immer stärker und stärker zur Ausprägung gelangen, bis sie sich zum hervorstechenden Charakterzug ausgebildet haben, der oft das Schicksal der Person und ihrer Umgebung wird.

Von verstärkenden Bedingungen für den Charakter des Trotzes habe ich vornehmlich zwei gefunden, die den Lauf der Dinge entscheiden. Die erste: Kinder, die infolge angeborener Organminderwertigkeit schwächlich, ungeschickt, kränklich, im Wachstum zurückgeblieben, häßlich oder entstellt sind, einen Kinderfehler haben, erwerben sehr leicht aus ihren Beziehungen zur Umgebung ein verstärktes Gefühl der Minderwertigkeit, das sie schwer bedrückt und das sie mit allen Mitteln zu überwinden trachten. Ich darf wohl auch hier von einer anomalen Einstellung sprechen, deren Charakterzüge sich um dieses Minderwertigkeitsgefühl ordnen, nebenbei aber meist viel deutlicher um die daraus (nach dem Gesetze der Dialektik) folgende verstärkte Angriffsneigung gegen die Außenwelt. Dem Minderwertigkeitsgefühl entsprechen Züge wie Ängstlichkeit, Zweifel, Unsicherheit, Schüchternheit, Feigheit und verstärkte Züge von Anlehnungsbedürfnis und unterwürfigem Gehorsam. Daneben finden sich Phantasien, ja auch Wünsche, die man als Kleinheitsideen oder masochistische Regungen zusammenfassen kann. Über diesem Gewebe von Charakterzügen finden sich regelmäßig — in abweisender und ausgleichender Absicht — Frechheit, Mut und Übermut, Hang zur Auflehnung, Starrköpfigkeit und Trotz, begleitet von Phantasien und Wünschen nach einer Helden-, Krieger-, Räuberrolle, kurz von Größenideen und sadistischen Regungen. — Das Minderwertigkeitsgefühl gipfelt schließlich in einem nie versagenden, stets übertriebenen Gefühl der Zurückgesetztheit, und die Aschenbrödelphantasie ist fertig, fertig auch mit ihrer sehnsüchtigen Erwartung der Erlösung und des Triumphes. Hierher gehören auch die häufigen Phantasien der Kinder von ihrer geheimen fürstlichen Abstammung und ihrer vorübergehenden Verbannung aus dem »wirklichen« Elternhause. Die Wirklichkeit aber spottet der Harmlosigkeit des Märchens. Das ganze Triebleben des Kindes wird aufgepeitscht und übermächtig, Rachegedanken und Todeswünsche gegen die eigene Person wie gegen die Umgebung werden bei der leisesten Beeinträchtigung laut, Kinderfehler und Unarten werden trotzig festgehalten, und sexuelle Frühreife, sexuelles Begehren bricht ungezähmi aus der Kinderseele hervor, um nur so zu sein wie die Erwachsenen, Vollwertigen. Der Große, der alles kann, alles hat, — das ist der Vater, oder wer ihn vertritt, die Mutter, ein älterer Bruder, der Lehrer. Er wird zum Gegner, der bekämpft werden muß, das Kind wird blind und taub gegen seine Leitung, verkennt alle guten Absichten, wird mißtrauisch und äußerst scharfsinnig allen Beeinträchtigungen gegenüber, die von ihm kommen, kurz, es ist auf Trotz eingestellt, hat sich aber gerade dadurch von der Meinung und Haltung der andern völlig abhängig gemacht.

Oder das Kind ist durch seine Anlage und durch Lebenserfahrungen um seine Aggressionstendenz gekommen, ist durch Schaden »klug« geworden und sucht seine Triebbefriedigung und seinen endlichen Triumph durch passives Verhalten herbeizuführen, durch Unterwerfung, durch ehrlichen und unehrlichen Gehorsam. Freilich lodert zuweilen die Flamme des Hasses auf, oft nur in den Träumen und nervösen Symptomen, dem Kundigen ein Zeichen, daß der Boden unterwühlt, zur Neurose oder zu verbotenen Handlungen geeignet ist, wenn sich das Kind nicht zu triumphalen Leistungen oder zur Indolenz fähig erweist. Überwiegt die Einstellung auf Gehorsam und Unterwerfung, dann beglückwünschen sich die Angehörigen nicht selten zu ihrem Musterkinde, ohne zu ahnen, daß das Leben, die Liebe, der Beruf in ungünstigen Fällen gar leicht den Verfall, das Versinken in die Nervosität herbeiführen können.

In beiden Hauptgruppen von Charakterzügen also sehen wir die Wirkung falscher Einstellungen, deren kompensatorische Bedeutung, wie ich zuerst gezeigt habe, in der Vernichtung des Minderwertigkeitsgefühls durch einen ausgleichenden Protest und durch Größenphantasien besteht. In der Mehrzahl findet man Mischfälle, so daß Züge von Gehorsam und Trotz nebeneinanderlaufen, wobei eine starke Überempfindlichkeit jeden Schein von Beeinträchtigung mit Abwehrregungen im Denken, Phantasieren oder Handeln beantworten läßt. Für diese, große Zahl von Kindern, aus welchen ungünstigenfalles nervöse Menschen herauswachsen, können wir diese Behauptung aufstellen, daß sie ihr Gehorchen nicht vertragen, oder bestenfalls wieder nur dann, wenn sie einen Ersatz in der Liebe oder in der Ehrgeizbefriedigung finden.

Die zweite der verstärkenden Bedingungen für die Einstellung auf Trotz habe ich in der subjektiven Unsicherheit der Geschlechtsrolle des betreffenden Kindes nachgewiesen. Diese Bedingung steht durchaus nicht vereinzelt da, sondern schließt sich eng an die vorige an. Das Suchen nach der Geschlechtsrolle beginnt gewöhnlich um das vierte Lebensjahr. Der Wissensdrang des Kindes erfährt dabei eine starke Steigerung. Der Mangel an geschlechtlicher Aufklärung macht sich für das Kind gerade in diesem Punkte fühlbar. In Unkenntnis der Bedeutung der Geschlechtswerkzeuge sucht das Kind den Unterschied der Geschlechter in der Kleidung, in den Haaren, in körperlichen und geistigen Eigenschaften und geht dabei vielfach irre. Dabei befestigen manche Mißbräuche diesen Irrtum. So die Neigung mancher Eltern, Knaben bis über das vierte Lebensjahr hinaus Mädchenkleider mit breiten Schärpen und Spitzen, oder gar Arm- und Halsbänder tragen zu lassen, eine Neigung, die auf einer falschen Einstellung der Mutter beruht, die sich *in Mädchen gewünscht hatte. Auch das Tragen langer Haare, stärkere Entwicklung der Brüste, blasse Gesichtsfarbe und Mißbildungen der Genitalien können den Knaben in der Auffassung seiner Geschlechtsrolle unsicher machen. Ja selbst wenn das Kind den Unterschied der Geschlechtsorgane in seiner Bedeutung für die Geschlechtskontrolle erkannt hat, bleibt oft ein Rest von Unsicherheit, weil Gedanken von Veränderungen der Geschlechtsorgane plötzlich oder veranlaßt durch Drohungen der Eltern zur Erwägung kommen. Bei Mädchen wird diese Unsicherheit oft verstärkt durch ein knabenhaftes Aussehen oder durch ein solches Benehmen, wobei entsprechende Bemerkungen der Umgebung (»die ist gar kein Mädel«) stark ins Gewicht fallen. Dazu kommt noch der Krebsschaden unserer Kultur, der zu starke Vorrang der Männlichkeit. Nun setzt die gleiche Kraft wie oben, nur maßlos verstärkt, ein. Alle Kinder, die so im Zweifel über ihre Geschlechtsrolle waren, übertreiben die ihnen männlich erscheinenden Eigenschaften, in erster Linie den Trotz. Der Gehorsam, die Unterwerfung, schwach, klein, dumm, passiv sein, werden als weibliche Merkmale gefühlt, denn der Vater, der männliche Richtschnur bleibt, zeigt in der Regel die entgegengesetzten Eigenschaften. Der Sieg wird als männlich, die Niederlage als weiblich erfaßt und ein hastiges Drängen und Suchen nach männlichem Protest verstärkt in hervorragender Weise die Einstellung auf Trotz, verstärkt sie deshalb, weil nunmehr zu dem Ausgangspunkt dieser Beeinflussung, dem Gefühl der Mindenvertigkeit, ein besonderes Minderheitsgefühl hinzutritt, in der erwogenen Möglichkeit, wie eine Trau zu werden. Und eine Frau zu werden bedeutet für diesen Typus von Kindern mit ihrem Gefühl der Zurückgesetztheit und Beeinträchtigung eine Erwartung von unausgesetzten Plagen und Schmerzen, von Verfolgungen und Niederlagen. So suchen sie seelisch wett zu machen, was sie etwa körperlich vermissen, und sie steigern ihren männlichen Protest, damit ihren Trotz oft ins Ungemessene. Wie oft da die beste Erziehung versagt, weiß jeder Erzieher. Worte, Lehren, Beispiele dringen fast nie bis zum Urgrund dieser Charakterzüge, dem Gefühl eines vermeintlichen Hermaphroditismus. Sie wollen alles besser wissen, verbeißen sich in den Gedanken ihrer Einzigartigkeit, dulden niemand über sich und wollen sich durch nichts belehren lassen. Dabei treten oft verbrecherische Instinkte zutage, Selbstsucht, Hang zur Lüge, zu Diebstahl. Auch hier kann die Liebe, sicher nicht der Haß oder die Strafe, bessernd wirken, ja diese Kinder stellen zuweilen in ihrer immerwährenden Gier nach Triumph im späteren Leben das Material, aus dem unter günstigen Bedingungen die großen Menschen Künstler und Dichter hervorgehen. — Für die andern aber, — und nur diese können Gegenstand der Pädagogik sein —, für die Kinder, die durch die falsche Einstellung Schaden leiden, muß behauptet werden, daß nur die Individualpsycho-logie imstande ist, eine Änderung herbeizuführen. Denn [der] Ausgangspunkt, die falsche Einstellung, und das Endziel, der männliche Protest, sind dem Bewußtsein entzogen, und die ganze Folge von Wirkungen wickelt sich zwangsmäßig im Unbewußten ab, d. h. ohne ein begleitendes Verständnis des Kindes, oft ohne sein Wissen.

 

Hier seien zwei Krankengeschichten vorgeführt, die die ursprüngliche Einstellung auf Trotz und Gehorsam zeigen.

Der eine Patient, ein 26jähriger Mediziner, beklagte sich über nervöse Beschwerden (Angstanfälle, Platzangst, Prüfungsangst, Kopfschmerzen, Unfähigkeit zu lesen). Ich kann die Erörterung dieser Zustände an dieser Stelle übergehen, indem ich darauf hinweise, daß sie alle einer unbewußten Absicht dienten, den Beweis herzustellen, daß dem Patienten alle Aussichten versperrt seien, allein durch das Leben zu gehen. Die wirkliche, dem Patienten aber unbewußte letzte Ursache, die diesen Beweis forderte, fand sich in seiner Unzufriedenheit in der gegen den Willen seines Vaters geschlossenen Ehe. Konnte er nun lebenswichtige Handlungen allein nicht vollbringen, so war auch die Trennung von seiner Frau ausgeschlossen. So oft er nun Ursache zu haben glaubte, sich von dieser zu entfernen, so oft hinderte ihn daran die alte trotzige Einstellung gegen den Vater. Sein Trotz ließ sich bis in die früheste Kindheit verfolgen und zeigte den oben geschilderten Aufbau. Er war ein übermäßig plumpes Kind gewesen, von der ganzen Umgebung verspottet und verlacht, wobei Vergleiche mit einer schivangeren Frau recht häufig wiederkehrten. Seine Unsicherheit in der Auffassung seiner Geschlechtsrolle wurde noch erheblich gesteigert, als ihm eine Gouvernante drohte, er werde sich in ein Mädchen verwandeln, wenn er unzüchtige Berührungen an sich vornähme.

Vermeintliche oder wirkliche Zurücksetzungen fehlten auch in diesem Falle nicht, so daß der Boden genügend vorbereitet war, um den Knaben aus seinem Gefühl der Minderwertigkeit heraus zu unbeugsamem Trotze und überstiegenem Ehrgeize zu treiben. Überall wollte er der Erste, der Klügste, der Ausgezeichnetste sein. Daß er auf diesem Wege zu hohen sittlichen Werten gelangte, wird uns nidit wundernehmen; er wollte sich auch durch unerschütterliche Wahrheitsliebe, Reinheit der Sitten und großes Wissen hervortun. Andererseits fehlten Züge abträglicher Art keineswegs, er wurde herrschsüchtig, starrköpfig, selbstbewußt und leicht geneigt, das Wissen und die Erfahrung anderer zu unterschätzen. Frühzeitig schritt er zur Verehelichung, um in diesem Verhältnisse den Triumph seiner Männlichkeit zu finden. Je mehr sein Vater ihn hiervon mit guten Gründen abzuhalten suchte, um so trotziger bestand er auf seinem Plane, den er auch bald nachher ausführte. Weil sich die Frau doch nicht in dem Maße unterwarf, wie es seinen unbewußten Erwartungen entsprochen hatte, und weil sie ihm wegen seines fortgesetzten Mißtrauens und Nörgeins mit immer stärkerer Widerspenstigkeit begegnete, offenbar um ihre »Männlichkeit« zu beweisen, war er vor eine Niederlage gestellt, die ihn vor der Welt, vor seinem Vater und vor seiner Frau als minderwertig, d. h. als »weiblich« (unmännlich) erwiesen hätte. Zu trotzig, um zu einer bewußten Erfassung dieser Lage zu schreiten, fand er den Ausweg in die Krankheit und versuchte sich derart vor dem Wiedererwachen der alten schmerzlichen Erinnerungen an Spott und Herabsetzung zu schützen. Die Klärung dieser Zustände brachte es dahin, daß der Patient auf den scheinbaren Vorteil seiner Krankkeit verzichtete und, unbekümmert um die Meinung seiner Umgebung, beherzt an die Ordnung seiner häuslichen Verhältnisse schreiten wollte.

Ein zweiter Fall betrifft eine Patientin, Beamtin, 34 Jahre alt, die mit Aufregungszuständen, nervösem Herzklopfen, Platzangst und nächtlichem Aufschreien in die Behandlung kam. Der Vorteil dieser Erkrankungsform lag darin, das die Patientin in den Brennpunkt der Aufmerksamkeit ihrer Umgebung trat, stets nur in Begleitung ihrer Schwester ausging und sich aller gesellschaftlichen Pflichten entledigen durfte. Die uneingestandene Absicht war dabei, sich allen Heiratsplänen, damit der »Erniedrigung«, einer Frauenrolle zu entziehen. Als Kind zeigte sie frühzeitig knabenhaftes Aussehen, ungebärdiges Benehmen und Kinderfehler, wie Bettnässen und Daumenlutschen, die ich als Zeichen von Kindertrotz (Kampf gegen die Einfügung) nachwies. Sie bewegte sich nur in Knabenkreisen, an deren Balgereien und grausamen Spielen sie Gefallen fand. In dei Pubertät brachte sie ihr aggressives Vorgehen einigemal in Gefahr, sich zu verlieren. Diese Gefahr und die Einschüchterungen durch die Mutter führten dazu, daß das in sexuellen Dingen schlecht unterrichtete Mädchen für ihre »männliche Rolle« zu fürchten begann. Ihre persönlichen Erfahrungen über eheliche Verhältnisse waren gleichfalls nicht danach angetan, ihr die Rolle einer Frau sympathisch zu machen. Sie sah in ihrer Umgebung die Gattin stets als minderwertiges und unterdrücktes Wesen behandelt und fürchtete, dem gleichen Lose anheimzufallen. So wuchs ihre Abneigung gegen die Ehe bis zu einem solchen Grade, daß sie es vorzog, als kranke, zur Ehe untaugliche Person durch das Leben zu gehen. Durch das Herzklopfen bewies sie sich und anderen, daß sie als Herzkranke der Gefahr einer Schwangerschaft ausweichen müsse; die Gesellschaftsflucht und die Angst, allein auf die Straße zu gehen, sollten dazu dienen, die Bekanntschaft mit Männern zu verhüten. In diesem Falle hat die Abneigung, die natürliche weibliche Aufgabe auf sidi zu nehmen, die Patientin dazu gebracht, den Einschüchterungen durch die Mutter, der sie in anderen Dingen seit jeher trotzig und auflehnend gegenüberstand, soweit die Erotik in Frage kam, mit übertriebenem Gehorsam zu folgen. Die Einstellung auf Gehorsam diente dem gleidien Zwecke wie ihr Trotz, der Aufrechterhaltung eines scheinbar männlichen Charakters.

 

Ich habe in knappen Umrissen zu zeigen versucht, daß die Charakterzüge des Trotzes und des Gehorsams auf unbewußten und falschen Einstellungen des Kindes beruhen1) und darf nun wohl anschließen, daß die erziehlichen Mittel des Hauses und der Schule solange dagegen nicht aufkommen können, als sie nicht imstande sind, die falsche Einstellung zu verbessern. Welches sind nun die Forderungen, die der Nervenarzt an den Pädagogen stellen darf?

In erster Linie solche vorbeugender Natur. Die Erziehung muß dem Kinde die Möglichkeit nehmen, sei es ivegen seiner Schwäche, Kleinheit oder Unkenntnis ein Gefühl der Minderwertigkeit aufkommen zu lassen.2) Kranke und schwächliche Kinder müssen tunlichst rasch geheilt und gekräftigt loerden. Wo dies auch durch soziale Maßnahmen ausgeschlossen ist, hat sich der Erziehungsplan besonders darauf zu richten, das Kind zu selbständigem Urteil zu bringen, es von der Meinung der anderen unabhängiger zu machen und Ersatzziele aufzustellen. Die Unsicherheit der Geschlechtsrolle ist ein ungemein schädigender Zustand und muß von vorneherein durch dahinzielende Belehrung und Haltung ausgemerzt werden.

Die Gleichstellung der Frau ist eine sehr dringende pädagogische Forderung. Herabsetzende Bemerkungen oder Handlungsweisen, die den Wert der Frau im allgemeinen bezweifeln, vergiften das Gemüt des Kindes und nötigen Knaben wie Mädchen, sich frühzeitig den falschen Schein einer übertriebenen Männlichkeit beizulegen. Man erziehe nicht zum Gehorsam, wenn man die Einstellung auf Trotz vermeiden will.

Die falsche Einstellung auf Trotz oder Gehorsam ist bei Verfolgung obiger Schilderung leicht wahrzunehmen. Hat man es mit einem solchen Kinde zu tun, so zwingt ja die Frage nach dessen späterem Schicksal zu bestimmten Maßnahmen. Auch die Gefahr einer nervösen Erkrankung ist in Betracht zu ziehen. In der Schule verraten sich solche Kinder zuweilen dadurch, daß sie träumerisch oder aber stumpfsinnig dasitzen, erschrecken und zittern oder erröten, wenn sie aufgerufen werden und ständig oder nur bei der Prüfung »ein böses Gesicht« machen. Werden sie ausgelacht oder bestraft, so erfolgt eine unerwartet heftige Gegenwirkung. Manchmal sind sie Muster von Folgsamkeit in der Schule, quälende Tyrannen aber zu Hause.3) Es versteht sich leicht, daß weder der Trotz gereizt, noch der Gehorsam vertieft werden darf, wie es öfter zu geschehen pflegt, wenn man im ersten Fall die Hilflosigkeit des Kindes lächerlich zu machen sucht, im zweiten sichere Belohnung in Aussicht stellt, die das Leben ja doch sofort nicht gibt. Wo man aber den Gehorsam nur des Gehorsams wegen antrifft, da verdankt er, ähnlich wie bei manchen religiösen Übungen, der tiefsten Zerknirschung, einem übermächtigen Gefühl der Minderwertigkeit seinen Ursprung und nähert sich dem masochistischen Kleinheitswahn, um heimliche Triumphe zu feiern. Gelingt es, dem Kinde die abnorme Einstellung nachzuweisen und zu zeigen, seine falschen Wertungen von eigener und fremder Größe, von männlicher und weiblicher Bedeutung zu entwerten, ihm den Zwangsmechanismus klar zu machen, der von der psychischen Zweigeschlechtlichkeit zum aufgepeitschten männlichen Protest führt, seinen Trotz oder Gehorsam als auf diesen Linien gelegen aufzudecken, so ist das Spiel gewonnen. Das Kind wird innerlich frei und äußerlich unabhängig und kann sich nunmehr mit seiner vollen, nicht mehr gebundenen Kraft zu selbständigem Denken und Handeln aufraffen.

Wenn dabei auch ein großes Stück von Autoritätsglaube fällt, - und auch das trotzige Kind trotzt nur der Autorität! — wir wollen es nicht bedauern. Wir steuern ja einer Zeit entgegen, wo jeder selbständig und frei, nicht mehr im Dienste einer Person, sondern im Dienste einer gemeinsamen Idee seinen gleichberechtigten Platz ausfüllen wird, im Dienste der Idee des körperlichen und geistigen Fortschritts.

 

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1) v. Kries hat auf den »Einstellungsmechanismus« als erster hingewiesen.

2) Von diesem Standpunkte aus erscheint das System der »Förderklassen« als gefährlich, weil es den männlichen Protest aufs heftigste steigern muß, eine entsprechende Begrenzung desselben in der Schule aber unmöglich ist. Was das eine Kind etwa aus der Beförderung gewinnen mag, wird durch die Schädigung der Überzahl, durch Vermehrung ihres Trotzes und ihrer Verbitterung, mehr als aufgewogen.

3) Ich meine, daß sie sich am deutlichsten in freien oder selbstgewählten Aufsätzen, wo ihnen das Thema nicht allzu nahe gelegt wird, verraten müßten, indem sie etwa Probleme oder Problemlösungen im Sinne der oben dargestellten Regungen zur Darstellung brächten. Für derartige Beobachtungen hätte man allen Grund, den Lehrern dankbar zu sein. Herrn Professor Oppenheim, Frau Dr. Furtmüller, Herrn und Frau Dr. Kramer und anderen danke ich an dieser Stelle für die freundliche Ausführung dieser Anregung, die zur Darstellung gelangt.


 © textlog.de 2004 • 12.12.2017 20:41:40 •
Seite zuletzt aktualisiert: 20.12.2009 
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