2. Trauer.


Der Affekt der Trauer tritt ein, wenn einem Menschen eine Entziehung, ein Verlust widerfährt, worüber er sich nicht leicht zu trösten vermag. Auch die Trauer trägt Keime in sich, ein Unlust-, also ein Schwächegefühl zu beseitigen, um eine bessere Situation herzustellen. In dieser Hinsicht ist sie ebensoviel wert wie ein Zornausbruch, nur tritt sie bei anderen Anlässen auf, hat eine andere Attitüde und andere Methoden. Aber auch hier sehen wir dieselbe Linie zur Überlegenheit. Während beim Zorn die Bewegung gegen den anderen gerichtet ist und dem Zornigen rasch ein Gefühl der Erhöhung und dem Gegner eine Niederlage bringen soll, ist es bei der Trauer zunächst eine Einschränkung des seelischen Besitzstandes, die notwendig und in kurzer Zeit ebenfalls wieder zu einer Ausdehnung führt, indem der Traurige einem Gefühl der Erhöhung und Befriedigung zustrebt. Das kann aber ursprünglich in nichts anderem bestehen als in einer Entladung, in einer Bewegung, die wieder, wenn auch in anderer Weise, gegen die Umgebung gerichtet ist. Denn der Trauernde ist eigentlich ein Ankläger, und damit stellt er sich in Gegensatz zu seiner Umgebung. So natürlich die Trauer im Wesen des Menschen auch liegt, so ist in ihrer Überspannung doch etwas der Umgebung Feindseliges, Abträgliches enthalten.

Die Erhöhung ist für den Trauernden durch die Stellungsnahme der Umgebung gegeben. Es ist bekannt, wie trauernde Menschen oft dadurch Erleichterung finden, daß sich jemand in ihren Dienst stellt, sie bemitleidet, stützt, ihnen etwas gibt, ihnen zuspricht usw. Erfolgt die Entladung unter Tränen und Klagen, so erscheint dadurch nicht nur der Angriff auf die Umgebung eingeleitet, sondern auch die Erhebung des Trauernden über seine Umgebung nach Art eines Anklägers, Richters und Kritikers. Der Zug des Verlangens, des Heischens ist deutlich erkennbar. Immer wird die Umgebung in vermehrter Weise beansprucht. Die Trauer ist wie ein Argument, das für den andern bindend und unwiderstehlich sein soll, dem sich dieser beugen muß.

Auch dieser Affekt weist demnach die Linie auf, die von unten nach oben führt und den Zweck hat, den Halt nicht zu verlieren und das Gefühl der Machtlosigkeit und Schwäche auszugleichen.


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