Syphilidophobie


Ein Beitrag zur Bedeutung der Phobien und der Hypochondrie in der Dynamik der Neurose

 

(1911)

 

Es kommt mir selten ein Fall von Neurose vor, der nicht in ausgeprägter Weise Gedankengänge der Syphilisfurcht verriete. Bald steht dieses Symptom im Vordergrund, ist oft scheinbar das einzige, dessentwegen der Patient den Arzt aufsucht, bald wieder verwebt es sich mit einer Unzahl anderer Symptome in der mannigfachsten Weise. Meist sind es Patienten, die noch keine Infektion durchgemacht haben. Aber auch ehemals infizierte Neurotiker zeigen zuweilen eine derartige Phobie, ersetzen sie jedoch häufiger durch die Furcht vor Gonorrhöe, vor Morpiones und Ungeziefer oder vor Tabes und Paralyse, oder sie zittern vor dem Schicksal ihrer noch lange nicht geborenen Kinder. Stets heftet sich ein ungeheueres Interesse an den Syphiliskomplex, in Wort und Schrift jagen sie diesem Thema nach, und nicht selten findet man auch, wie sich diese Aufmerksamkeit zeichnerisch, malerisch, erfinderisch betätigt, wie z. B. bei Felicien Rops.

Daß die Phobiker und Hypochonder vorsichtig sind, ist eine Binsen­wahrheit, und es lohnte nicht der Mühe, davon zu sprechen, wenn sie diesen Charakterzug nicht mit jedem Neurotiker teilten. Eine eingehende Analyse ihrer Zustände kann jeden leicht belehren, daß die phobischen und hypochondrischen Symptome eine ausgezeichnete Eignung besitzen, ihren Träger vor einer Niederlage im Leben zu sichern, ja daß Vorsicht in unserem Sinne fast überflüssig erscheint, da sie ganz durch die Phobie ersetzt werden kann, wie die Angst durch die Sicherung. Nur daß die Phobie an einer anderen, früheren, rückwärts gelegenen Stelle des menschlichen Bezugssystems einsetzt und deshalb zu stärkeren, weitergreifenden Ausschaltungen führt als die Vorsicht.

Nun entstehen jene Zustandsbilder, deren Auflösung und Verständnis so große Anforderungen an den Neurologen stellen. Da die Phobie aus der Sicherungstendenz entspringt, den Patienten mehr als genugsam behütet, darf er sich schon den Luxus erlauben, Unvorsichtigkeiten bei kleinen Anlässen zu begehen. In der Tat wird jeder Syphilidophobe Beweise erbringen, wie unvorsichtig er sein kann. Der psychische Zusammennang dieser, wie meiner mit unrecht sagen wurde, »voluntären Ambivalenz« ist damit allerdings noch nicht einmal angedeutet. Er liegt in der Dynamik des psychischen Hermaphroditismus mit folgendem männlichen Protest, und die kontrollierende, sozusagen zuschauende (»sentimentalische« Schillers!) Instanz des neurotischen Seelenlebens gerät unter den Eindruck: »So unvorsichtig kann ich sein! Ich kenne keine Grenzen! Also Vorsicht!« Dies ist die zwingende Seelenregung des Phobikers, die er regelmäßig auftauchen läßt, ob er sich nun irgendwelcher Unvorsichtigkeiten erinnert, oder ob er sie, was wohl bedeutungsvoller wird, im kleinen arrangiert.

In dieses neurotische Arrangement gehört z. B. die dauernde oder gelegentliche Abneigung gegen Schutzmaßregeln. Als Erklärung für diesen »Leichtsinn« hört man stets die gleichen scheinbaren Ungereimtheiten: »Die Schutzmaßregeln taugen nichts!« — Oder: »Ich bin nicht imstande, sie zu benützen.« Und ähnliches mehr.

Daß diese Einwände des leichtsinnig scheinenden Neurotikers eine gewisse Berechtigung haben, soll nicht geleugnet werden. Aber diese Berechtigung sollte doch für alle gelten! Und in der Tat überzeugt man sich leicht, daß der Syphilidophobe dieser Kategorie auch anders kann, daß er auch Schutzmaßregeln anzuwenden imstande ist.

In diesem Gebaren liegt derselbe Sinn, den ich in meinen früheren Arbeiten wiederholt beschrieben habe: Der Patient spielt mit der Gefahr, läuft seinen Ohrfeigen nach, nur um sich in sein Sicherungsnetz um so fester einzuspinnen, um sich die sonstigen Gefahren der Außenwelt und seine eigene Minderwertigkeit recht drastisch vor die Seele zu rücken. Ein Patient, der kurz nach einer erworbenen Lues wegen anderer nervöser Symptome in meine Behandlung kam, drückte dieses Verhältnis mit den Worten aus: »Jetzt bin ich erst von meiner Angst erleichtert, seit ich an Lues erkrankt bin. Seit zehn Jahren habe ich auf diese Infektion mit Angst und Bangen gewartet!« Was ihn wirklich erleichterte, war seine nunmehrige Enthebung von der Liebe und Ehe.

Die meisten der Syphilidophoben rücken allerdings mit ihrer Sicherungs­tendenz direkt gegen die Infektionsgefahr vor. Sie sichern sich auf allen entfernteren und näheren Gebieten, die mit der Infektionsmöglichkeit zusammenhängen, vermeiden sogar Berührungen, Trinken aus fremden Gläsern, schließen sich von Gesellschaften ab und können nur den eigenen Abtritt benützen. In den weiteren Kreis ihrer Sicherungen gehören Masturbation, Ejaculatio praecox, Pollutionen und psychische Impotenz. Auch gewisse Charakterzüge werden maßlos verstärkt. So der Geiz. Dadurch ist ihnen der Weg zur Liebe aufs äußerste erschwert. Ihre Ästhetik und ihre ethischen Grundsätze erreichen ein unheimliches Maß, ihre Augen, Ohren und Nasen wittern überall Unrat und Fehler, ganz so wie beim Waschzwang. Die syphilidophobischen Mädchen flirten oft unaufhörlich, schrecken aber vor der Liebe und Ehe wie die männlichen Patienten zurück. »Wegen des Geruchs, wegen der Unreinlichkeit, wegen der Flatterhaftigkeit, Verlogenheit — weil die Männer nicht rein in die Ehe treten« — also lauten die bezüglichen Erklärungsversuche. Nicht so selten hört man von Mädchen die Befürchtung, vom Mann in der Ehe infiziert zu werden. Weitere Sicherungen solcher Frauen sind Vaginismus und Frigidität, solcher Männer und Frauen Homosexualität und Perversionen.1 )

Ist man in der Analyse bis zu diesen Zusammenhängen vorgedrungen, und versteht der Patient seine Syphilisfurcht als eine Form der Rückendeckung, als eine halluzinatorische Erregung und Einfühlung in eine drohende Gefahr, die ihm fast die letzte Konsequenz eines unbedachten Schrittes vorspiegelt, nämlich den bevorstehenden Eintritt der Infektion,2) so klingt die Symphilidophobie in vielen Fällen ab. Eine radikale Heilung der Neurose — und in vielen Fällen muß man bis ans Ende der Aufklärung gehen — erfordert ein tieferes Erfassen der unbewußten Grundtatsachen und Regungen. Die Endergebnisse einer solchen Analyse sind folgende:

1. Die Syphilidophobie ist nie die einzige Form der Sicherung, sondern kooperiert regelmäßig mit allen oder den meisten der neurotischen Sicherungstendenzen.

2. Alle Sicherungstendenzen werden eingeleitet, sozusagen angekündigt, durch die Erscheinung ängstlicher Erwartungen.

3. Die ängstliche Erwartung resultiert aus dem Gefühl der Minderwertigkeit und Unsicherheit, das durch Organminderwertigkeit und durch die Furcht vor einer dauernd inferioren Rolle im Stadium der Kindheit erworben und in der späteren Entwicklung größtenteils im Unbewußten festgehalten wird, und kennzeichnet die Stimmungslage des Ausreißers, der den Kontakt mit den Mitmenschen nicht gewonnen hat.

Die Formen dieser neurotischen Dynamik habe ich in den Beiträgen dieses Bandes auseinandergesetzt, sie betreffen die verschiedenen Versuche eines Persönlichkeitsprotestes gegenüber der Empfindung einer minderwertigen Rolle und beziehen sich auf einen Gegensatz, der wörtlich und figürlich in den Beziehungen von »Unten und Oben« zum Ausdruck kommt.

Besonders deutlich tritt bei den Syphilidophoben aus dem Kreise der Sicherungstendenzen die Furcht vor der Frau hervor. In der Vorgeschichte findet man starke, männlich geartete Mütter oder Väter, deren Überlebensgröße auf das Kind gedrückt und dessen Neurose mitverschuldet hat.3) Die entarteten Kinder genialer Menschen geben den Schulfall ab. Der Neurotiker hilft sich mit der Entwertung von Mann und Frau, um dem Gefühl der eigenen Minderwertigkeit zu entgehen.

Ebenso deutlich tritt eine auffallend übertriebene Sucht nach Reinlichkeit auf, gleichfalls in der Sicherungstendenz gelegen, und äußert sich oft in Waschzwang, Furcht vor Flecken, Schmutz und Staub. Daß dabei den Stuhl- und Harnfunktionen ein geradezu rituelles Gepräge gegeben wird, wobei nicht selten auch Obstipation als Zeichen des Reinlichkeitsdranges und, wie alle obigen Symptome, der Zeitvertrödelung auftritt, auch in der Absicht, die Umgebung mit sich, mit dem Stuhl zu beschäftigen, liegt auf der gleichen Linie. Organische Minderwertigkeitserscheinungen des Darm- und Harnapparates (Hämorrhoiden, Fissuren, Hypospadie, Enuresis und Erkrankungen der beiden Apparate in der Vorgeschichte) sind häufig, und deren Äußerungen werden als schreckende Spuren von der Erinnerung bewahrt und als Präokkupation verwendet.

Die Phantasietätigkeit umrankt fortwährend — entsprechend der frühzeitig erregten und eingestellten Aufmerksamkeit — Probleme des Krankseins, des Sterbens, der Schwangerschaft und des Gebarens (auch bei Männern), heftet sich an Ausschläge, Flecken, Schwellungen und verwendet sie in symbolischer Weise ebenso wie Gedankengänge über Kastration 4) und Kleinheit der Genitalien. Das Empfinden einer nicht erreichten, nie ganz zu vollendenden Männlichkeit führt kompensatorisch maßlose Übertreibungen herrschsüchtiger, sadistischer und erotischer Regungen herbei.

Ein überaus verschärftes Mißtrauen, die immerwährende Sucht, bei anderen Fehler zu entdecken, steht mit der Entwertungstendenz im Zusammenhang und hindert jede dauernde freundschaftliche und erotische Beziehung. Eine weitere Lebensschwierigkeit schafft der aus der Kindheit übernommene Zweifel, ursprünglich aus dem Gefühl der Minderwertigkeit erwachsen, die hervorstechendste Form der ursprünglichen Unsicherheit, die zum Nichtstun führt.

Aus Erlebnissen, wie sie jedermann zu Gebote stehen, holen die Syphilidophoben ihre Überzeugung von ihrer alles überschreitenden Erotik. Diese Überzeugung drückt auf ihre Entschließungen, ruft die Phobie hervor und steigert sie stetig. Genügt diese nicht vollkommen, um den Patienten zu sichern, dann kommt es zu psychischer Impotenz oder anderen Sicherungen. Nicht selten gesellen sich weitere Phobkn, wie Platzangst, Erythrophobie usw. und andere hysterische, neurasthe-nische und Zwangserscheinungen hinzu und machen den Patienten gesellschaftsunfähig, um ihn vor Liebe und Ehe zu schützen. Einmal beobachtete ich eine Kombination mit Nieskrampf, in der sich der Patient wie der Held in Vischers Auch Einer benahm, ohne daß er diesen Roman gekannt hätte.

Syphilidophobe Mädchen zeigen sich vollkommen in der männlichen Einstellung. Die Entwertung des Mannes erreicht bei ihnen die gleiche Stärke wie die der Frauen bei den männlichen Phobikern.

Die Bedeutung der Phobie als Sicherung wird ganz klar in solchen Fällen, wo der Patient, meist wenn er mit der Verheiratung ernst machen soll, ein Exanthem oder öfters einen gonorrhoischen Ausfluß fälschlich an sich bemerkt und die Flucht ergreift. Organminderwertigkeitszeichen wie paraurethrale Gänge, Phimose, kleiner Penis, Kryptorchismus oder kleine Testes, vergrößerte Labia minora sind öfters zu konstatieren, geben aber fast nie zureichende Gründe ab.5)

Die Analyse ergibt, wie so oft in der Neurosenpsychologie, eine Aufklärung, die dem Standpunkt des Patienten gerade entgegengesetzt ist. Der Patient gibt an, er fürchte die Lues und hüte sich deshalb vor dem Sexualverkehr. Wir können ihm nachweisen: Er fürchtet die Frau (resp. den Mann) und deshalb arrangiert er die Syphilidophobie. Immer dringt die Kampftendenz gegen das andere Geschlecht durch und läßt sich bis ins früheste Kindesalter zurückverfolgen. Ich habe auf die literarische und wissenschaftliche Verwendung dieses Problems bereits hingewiesen (Schopenhauer, Strindberg, Moebius, Fließ, Weininger) und will nur kurz auf die Ubiquität dieser Phobie vor der Frau in Dichtkunst und Malerei aufmerksam machen. Wegen der scharfen Problemstellung ist mir der Dichter Georg Engel [Die Furcht vor der Frau und Der Reiter auf dem Regenbogen) aufgefallen, sowie die gedankenreiche Arbeit Philipp Freys: Der Kampf der Geschlechter.

Schopenhauer läßt sich in den Aphorismen zur Lebensweisheit folgender­maßen vernehmen: »Sie zusammen (das ritterliche Ehrenprinzip und die venerische Krankheit) haben vetxos Kai cpiha des Lebens vergiftet. Die venerische Krankheit nämlich erstreckt ihren Einfluß viel weiter, als es auf den ersten Blick scheinen möchte, indem derselbe keineswegs ein bloß physischer, sondern auch ein moralischer ist. Seitdem Amors Köcher auch vergiftete Pfeile führt, ist in das Verhältnis der Geschlechter zueinander ein fremdartiges, feindseliges, ja teuflisches Element gekommen; infolge wovon ein finsteres und furchtsames Mißtrauen es durchzieht; und der mittelbare Einfluß einer solchen Änderung in der Grundfeste aller menschlichen Gemeinschaft erstreckt sich mehr oder weniger auch auf die übrigen geselligen Verhältnisse; —.« Wir tun dem Späherauge des großen Philosophen wohl keinen Abtrag, wenn wir auch sein »feindseliges« Verhältnis zur Frau in Zusammenhang bringen mit seiner ursprünglichen feindseligen Regung gegen die starke Mutter. Daß Schopenhauer auch in den übrigen Punkten unserer Schilderung des Syphili-dophoben gerecht wird, ist männiglich bekannt. Hervorheben will ich sein Beben und sein Erstaunen über die Macht des Sexualtriebs, seine Überempfindlichkeit, sein Mißtrauen und die stark ausgeprägte Entwertungstendenz gegen Mann und Frau. Gab er doch seinem Hunde den Namen »Mensch«. Seine Verneinung des Lebens ist im selben Sinne Verneinung des Sexualtriebes wie die Syphilidophobie. Das Motiv ist das gleiche wie bei unseren Neurotikern: der Kampf gegen das starke Weib, die Furcht vor der Frau, die Furcht nach »unten« zu kommen. — Den klaffenden Widerspruch zum Gemeinschaftsgefühl suchte er im Finale seiner Philosophie durch die Berufung auf das Mitleid zu überbrücken, ähnlich wie Nietzsche dem Gemeinschaftsgefühl in der »Wiederkehr des Gleichen« seinen ethischen Tribut zollte. — August Strindberg, einer der stärksten männlichen Protestler, schreibt im Buche der Liebe über die Waffen der Liebe: »Mit welchen Waffen kann die Frau am besten ihre kleine Person verteidigen, damit sie nicht unter ihn kommt und sich verliert?« Dabei verweise ich auf die neurotische Furcht der Männer vor der Frau, die »oben« ist, auf den heimlichen Wunsch aller weiblichen Nervösen, oben zu sein, wovon in diesen Blättern schon öfters die Rede war.

Ich will noch eine Reihe von Gemälden namhaft machen, die aus der gleichen psychischen Dynamik erflossen sind. Der in ihnen sichtbare Antrieb führt so deutlich auf die Furcht vor der Frau zurück, daß es uns nicht wundern wird, alle oben ausgeführten Probleme des Phobikers wiederzufinden. Deutlicher bei symbolischen und stilisierten Darstellungen. Eine Unzahl oft der herrlichsten Werke folgen dem Kampaspa-6), Delila- oder Salome-Motiv und stellen bei oberflächlicher Betrachtung oft nur den abstrakten Triumph oder die Macht der Liebe dar, oder das Problem ist so weit reduziert, daß bloß die räumlichen Maße (große Frau — kleiner Mann, die Frau oben — der Mann unten) die Furcht vor der Frau andeuten. Daß sich das Madonnenmotiv dazu sehr gut eignet, ist leicht zu erraten. Unter den Reaktionen auf diese ursprüngliche Furcht fehlt die Entwertung der Frau in der überwiegend von Männern geübten Kunst 7) gleichfalls nicht. Entscheidend aber ist, daß man, wie beim Phobiker, ganze Reihen von Bildern aufstellen kann, seien sie nun von einem oder mehreren Künstlern genommen, die fast alle die oben angeführten Sicherungstendenzen aufweisen. Recht augenfällig ist die umfassende Produktion der Probleme bei Rops, und die Identität mit den Problemen des Neurotikers bedarf keines weiteren Beweises, wenn wir folgende Bilder der Betrachtung empfehlen: »La dame au pantin«, »Sphinx«, »Pornokrates«, »Co-cottocratie«, »Alkoholistin«, Mors syphilitica. Es klingt wie der Text zu diesen Bildern und schildert die Empfindung des Syphilidophoben, wenn Baudelaire verkündet: »Ich kann mir eine Schönheit ohne ein damit verbundenes Unglück gar nicht vorstellen.« Und in den »Blumen des Bösen«:

 

Du wandelst über Tote, Schönheit, lachst sie aus,

Den Schrecken hast du dir zum schönsten Schmuck erwählt,

Behängst als liebstes Zierat dich mit Mord und Graus,

Der protzig gleißend uns von deinem Stolz erzählt.

Du bist der Augenblick, der wehend uns verfliegt,

Die Flamme bist du, wie sie knistert und verblaßt.

Der Mann, der brünstig schönen Frauenleib umschmiegt,

Ist gleich dem Sterbenden der's eigne Grab umfaßt.8)

 

Der Künstler ist, wie ähnlich schon oft hervorgehoben wurde, aus einem dem Neurotiker verwandten Stoff gefertigt. Seine aus dem Organischen abgeleitete Unsicherheit 9) begleitet ihn durch das ganze Leben, nie und nirgends fühlt er sich ganz heimisch; sein Zagen vor der Handlung, vor der Prüfung, das Lampenfieber und die Furcht, nicht zu Ende zu kommen, sind ebenso zu weit getriebene Sicherung wie das Zurückweichen des Neurotikers in seiner Höhen- oder Platzangst, wie sein Beben vor dem stärksten männlichen Triumph, vor der Liebe. Es erschreckt nicht die Höhe, sondern die Tiefe, und während seine Gier ihn nach »oben« reißt, zittert er vor dem »Unten«. Vor der Neurose, deren er oft teilhaftig wird, schützt ihn sein stärkeres aktives Gemeinschaftsgefühl. Die Syphilidophobie ist ein kleiner Ausschnitt aus der Sicherungstendenz, die vor dem »Unten« behüten soll und es deshalb grauenhaft ausmalt.10)

In der Praxis ergeben sich meiner Erfahrung nach zumeist Bilder wie die folgenden, die nach dem Obigen leicht zu durchschauen sind:

I. Ein kürzlich verheirateter Fabrikant, der mit seiner Gattin in glücklicher Ehe lebt, kommt mit der Klage, daß ihn seit einigen Tagen ununterbrochen die Furcht quäle, er werde Lues bekommen. Er könne nicht schlafen und nicht arbeiten; er fürchte sich, im Ehebett zu schlafen, seine Frau zu küssen oder sein Badezimmer zu benützen, um nicht auch seine Gattin zu gefährden. Auf näheres Befragen ergibt sich, daß er kurz vor Ausbruch seiner Phobie ein fremdes Mädchen in der Bahn geküßt habe. Die Heilung erfolgte nach zwei Unterredungen, in denen dem Patienten klar gemacht wurde, daß er sich durch die Syphilidophobie vor weiteren Seitensprüngen sichern wolle. — Die Disposition dürfte dadurch kaum beeinflußt worden sein, sie bestand in der Furcht, sich eine Blöße zu geben und der Frau nicht mehr gewachsen zu sein.

II. Traum aus einer längeren Kur eines Mediziners, der an Zwangsvorstellungen und gehäuften Pollutionen litt.

»Mir träumte, ich sei bei der Türkenbelagerung Wiens anwesend und erwarte die Niederlage und Flucht der Türken. Ich wußte im Traume, um welche Zeit die Türken geschlagen auf der Bildfläche erscheinen müßten, ich hatte es ja gelesen. Um ein übriges zu tun, nahm ich ein Gewehr und wollte den fliehenden Kara Mustapha unter Zuhilfenahme einiger Genossen gefangen nehmen. Zur bestimmten Zeit tauchte Kara Mustapha mit mehreren anderen auf schwarzen Pferden auf. Meine Gefährten liefen davon. Ich sah mich allein einer riesigen Macht gegenüber, wollte mich auch zur Flucht wenden und erhielt einen Schuß ins Rückenmark. Ich fühlte, wie ich starb.«

Die Deutung ergibt als Versuch des Vorausdenkens im Traum Gedanken über den Erwerb einer Lues und deren Ausgang, Tabes und Tod. Die Einfälle gingen über Türken und Vielweiberei. Was dem Träumer, einem jungen Mediziner, aus dem Buche bekannt war, betraf die Zeit des Exanthemaus-bruchs. Der Reiter auf dem schwarzen Roß (»Das ist der finstere Thanatos«) ist der Tod. Der Schuß in den Rücken bedeutet außer Tabes noch das Erleiden einer Niederlage einem Manne gegenüber, der Versuch eines männlichen Protestes liegt im Ergreifen des Gewehres. Schließlich dringt der männliche Protest auf dem Umweg über die Vorsicht durch: Weg von den Prostituierten! Das heißt weg von jenen Frauen, die für den Patienten fast ausschließlich in Betracht kamen. Und ein weiterer Protestgedanke: viele Weiber, Türken, Harem! — Ähnliche Sicherungstendenz zeigt der zweite Traum, den ich in den ›Träumen einer Prostituiertem (Zeitschrift für Sexualwissenschaft, 1908, Heft 2) analysiert habe. Auch Lenau behandelt das gleiche Problem in der gleichen Weise in seiner »Warnung im Traum«:

 

»Nun ist kein Haus zu schauen mehr;

Mit arg betroffnen Blicken

Sieht er nur Gräber rings umher

Und ernste Kreuze nicken.

Da wend't sie sich im Mondenlicht,

Zu seiner Qualgenesung:

Mit grau verwischtem Angesicht

Umarmt ihn — die Verwesung.« —

 

Von ausführlicheren Analysen sehe ich hier ab. Wo ein Patient Syphilidophobie zeigt, kann man sicher sein, daß dahinter die Furcht vor dem Weibe, respektive vor dem Manne, meist vor beiden zu finden sein wird.

 

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1) Bei der Perversion ist, wie ich in anderem Zusammenhange (s. Das Problem der Homosexualität, l. c.) schon öfters ausgeführt habe, ein zweifacher psychischer Modus zu entdecken. 1. Die Perversion, in der Regel Masochismus, um durch eigene Unterwerfung den Partner zu fesseln. Als Pseudomasochismus. Oder 2. Perversion als äußerster Grad der Unterwerfung, um vom Partner loszukommen, sich zu erschrecken und vor andern Partnern zu fliehen, vor ehelicher Verbindung usw. Ganz durchsichtig, wenn der Masochismus auf das Gebiet der Phantasie beschränkt bleibt. Anschließend daran — zur Revanche — oft sadistische Äußerungen und Phantasien oder Ekel. Neigung zur Herrschsucht und Sekkatur. Immer liegt die Tendenz zur Ausschaltung eines dem eigenen Ehrgeiz gefährlich scheinenden Gebietes, der Kooperation in der normalen Erotik, zugrunde.

2) Halluzinatorische Erregungen, die sich der letzten Konsequenz bemächtigen, das Endresultat einer Infektion unter der Form von Tabes, Paralyse, Kopfschmerz und Vergeßlichkeit vorwegnehmen, konstituieren oft in erschreckender, aber sichernder Weise den hypochondrischen Zustand.

3) Es ist als ob ein junges Bäumchen dicht neben stärkere gepflanzt, von letzteren bedrängt und im Wachstum gehemmt worden wäre.

4) Später im ganzen Umfang von Freud auch gefunden.

5) Wenger hat diese Befunde in einer interessanten Arbeit (Wiener med. Wochenschr. 1928) bestätigt.

6) Kampaspa, die Geliebte Alexanders, auf Aristoteles reitend.

7) Hier liegt offenbar eine der Ursachen für die Überlegenheit des Mannes in der Kunst, daß das vielleidit weitreichendste Problem der Malerei und Bildhauerei aus den psychischen Regungen des Mannes stammt.

8) Siehe die entsprechenden Auseinandersetzungen in Gustave Kahn, Das Weib in der Karikatur Frankreichs, denen auch diese Verse entnommen sind.

9) Siehe Adler, Studie über Minderwertigkeit von Organen (l. c), das Kapitel von der ›Psychischen Kompensation‹.

10) Ein Neurotiker zeigte ausgesprochene Abneigung gegen die Malerei. Er motivierte folgendermaßen: »Die Malerei stellt alles, was nebeneinander gehört, übereinander«.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 23.12.2009 
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