15. Der Sinn des Lebens


Nach einem Sinn des Lebens zu fragen hat nur Wert und Bedeutung, wenn man das Bezugsystem Mensch-Kosmos im Auge hat. Es ist dabei leicht einzusehen, daß der Kosmos in dieser Bezogenheit eine formende Kraft besitzt. Der Kosmos ist sozusagen der Vater alles Lebenden. Und alles Leben ist ständig im Ringen begriffen, um den Anforderungen des Kosmos zu genügen. Nicht so, als ob da ein Trieb bestünde, der später im Leben imstande wäre, alles zu Ende zu führen, der sich nur zu entfalten brauchte, sondern angeboren als etwas, was dem Leben angehört, ein Streben, ein Drang, ein Sichentwickeln, ein Etwas, ohne das man sich Leben überhaupt nicht vorstellen kann. Leben heißt sich entwickeln. Der menschliche Geist ist nur allzu sehr gewöhnt, alles Fließende in eine Form zu bringen, nicht die Bewegung, sondern die gefrorene Bewegung zu betrachten, Bewegung, die Form geworden ist. Wir Individualpsychologen sind seit jeher auf dem Weg, was wir als Form erfassen, in Bewegung aufzulösen. Daß der fertige Mensch aus einer Eizelle stammt, weiß jeder; er soll aber auch richtig verstehen, daß in dieser Eizelle Fundamente für die Entwicklung liegen. Wie das Leben auf die Erde gekommen ist, ist eine zweifelhafte Sache, eine endgültige Lösung werden wir vielleicht niemals finden.

Die Entwicklung des Lebenden aus einer winzigen lebenden Einheit konnte nur unter Billigung des kosmischen Einflusses geschehen. Wir können daran denken, wie zum Beispiel der geniale Versuch Smuts 1) es getan hat, anzunehmen, daß Leben auch in der toten Materie besteht, eine Auffassung, die uns durch die moderne Physik sehr nahegelegt wird, wo gezeigt wird, wie die Elektronen sich um das Proton bewegen. Ob diese Auffassung auch weiterhin recht behalten wird, wissen wir nicht; sicher ist, daß unser Begriff vom Leben nicht mehr angezweifelt werden kann, daß damit auch gleichzeitig Bewegung festgestellt ist, Bewegung, die nach Selbsterhaltung geht, nach Vermehrung, nach Kontakt mit der Außenwelt, nach siegreichem Kontakt, um nicht unterzugehen. Im Lichte, das Darwin angesteckt hat, verstehen wir die Auslese alles dessen, das den äußeren Forderungen gerecht werden konnte. Die Anschauung Lamarcks, die der unseren noch nähersteht, gibt uns Hinweise auf die schöpferische Kraft, die in jedem Lebewesen verankert ist. Die Gesamttatsache der schöpferischen Evolution alles Lebenden kann uns darüber belehren, daß der Richtung der Entwicklung bei jeder Species ein Ziel gesetzt ist, das Ziel der Vollkommenheit, der aktiven Anpassung an die kosmischen Forderungen.

An diesen Weg der Entwicklung, einer fortwährenden aktiven Anpassung an die Forderungen der Außenwelt müssen wir anknüpfen, wenn wir verstehen wollen, in welche Richtung Leben geht und sich bewegt. Wir müssen daran denken, daß es sich hier um Ursprüngliches handelt, das dem ursprünglichen Leben angehaftet hat. Immer handelt es sich um Überwindung, immer um den Bestand des Individuums, der menschlichen Rasse, immer handelt es sich darum, eine günstige Beziehung herzustellen von Individuum und Außenwelt. Dieser Zwang, die bessere Anpassung durchzuführen, kann niemals enden. Ich habe diesen Gedanken bereits im Jahre 1902 entwickelt 2) und scharf darauf hingewiesen, daß das Verfehlen dieser aktiven Anpassung durch diese »Wahrheit« ständig bedroht ist und daß der Untergang von Völkern, Familien, Personen, Spezies von Tieren und Pflanzen dem Fehlschlagen der aktiven Anpassung zuzuschreiben ist.

Ich spreche von aktiver Anpassung und schalte damit die Phantasien aus, die diese Anpassung sei es an die gegenwärtige Situation oder an den Tod alles Lebens geknüpft sehen. Es handelt sich vielmehr um eine Anpassung sub specie aeternitatis, weil nur jene körperliche und seelische Entwicklung »richtig« ist, die für die äußerste Zukunft als richtig gelten kann. Ferner besagt der Begriff einer aktiven Anpassung, daß Körper und Geist sowie die ganze Organisation des Lebens dieser letzten Anpassung, der Bewältigung aller durch den Kosmos gesetzten Vor- und Nachteile zustreben müssen. Scheinbare Ausgleiche, die vielleicht für einige Zeit Bestand haben, erliegen der Wucht der Wahrheit über kurz oder lang.

Wir sind mitten im Strom der Evolution und merken es ebensowenig, wie wir die Umdrehung der Erde merken. In dieser kosmischen Verbindung, wo das Leben des einzelnen Individuums ein Teil ist, ist das Streben nach siegreicher Angleichung an die Außenwelt Bedingung. Selbst wenn man zweifeln wollte, daß schon am Anfang des Lebens das Streben nach Überlegenheit bestanden hat, der Lauf der Billionen von Jahren stellt es klar vor unsere Augen, daß heute das Streben nach Vollkommenheit ein angeborenes Faktum ist, das in jedem Menschen vorhanden ist. Etwas anderes kann uns diese Betrachtung noch zeigen. Wir wissen ja alle nicht, welches der einzig richtige Weg ist. Die Menschheit hat vielfach Versuche gemacht, sich dieses Endziel der menschlichen Entwicklung vorzustellen. Daß der Kosmos ein Interesse an der Erhaltung des Lebens haben sollte, ist kaum mehr als ein frommer Wunsch, kann aber als solcher in der Religion, in der Moral und Ethik als starke Triebkraft zur Förderung des Gesamtwohles der Menschheit Verwendung finden und hat sie auch gefunden. Auch die Verehrung eines Fetisches, einer Eidechse, eines Phallus als eines Fetisches innerhalb eines prähistorischen Stammes erscheint uns wissenschaftlich nicht gerechtfertigt. Wir dürfen aber nicht übersehen, wie diese primitive Weltanschauung das Zusammenleben der Menschheit, ihr Gemeinschaftsgefühl gefördert hat, indem jeder, der im Banne der gleichen religiösen Inbrunst stand, als Bruder, als Tabu angesehen und dem Schutz des großen Stammes anheimgegeben war.

Die beste Vorstellung, die man bisher von dieser idealen Erhebung der Menschheit gewonnen hat, ist der Gottesbegriff.3) Es ist gar keine Frage, daß der Gottesbegriff eigentlich jene Bewegung nach Vollkommenheit in sich schließt als ein Ziel, und daß er dem dunklen Sehnen des Menschen, Vollkommenheit zu erreichen, als konkretes Ziel der Vollkommenheit am besten entspricht. Freilich scheint es mir, daß jeder sich seinen Gott anders vorstellt. Da gibt es wohl Vorstellungen davon, die von vornherein dem Prinzip der Vollkommenheit nicht gewachsen sind, aber zu seiner reinsten Fassung können wir sagen: hier ist die konkrete Fassung des Ziels der Vollkommenheit gelungen. Die Urkraft, die in der Aufstellung richtender religiöser Ziele so wirksam war, die zur Bindung der Menschheit aneinander führen sollte, war keine andere als die des als Errungenschaft der Evolution zu betrachtenden Gemeinschaftsgefühls und des Strebens aufwärts im Strome der Evolution. Natürlich gibt es eine Unzahl von Versuchen unter den Menschen, sich dieses Ziel der Vollkommenheit vorzustellen. Wir Individualpsychologen, insbesondere wir individualpsychologischen Ärzte, die mit den Fehlschlägen zu tun haben, mit Menschen, die an einer Neurose, an einer Psychose erkrankt sind, die delinquent geworden sind, mit Trinkern usw., wir sehen dieses Ziel der Überlegenheit in ihnen auch, aber nach einer anderen Richtung, die der Vernunft insoweit widerspricht, als wir darin ein richtiges Ziel der Vollkommenheit nicht anerkennen können. Wenn einer zum Beispiel dieses Ziel sich dadurch konkret zu machen sucht, daß er über andere herrschen will, so scheint uns dieses Ziel der Vollkommenheit deshalb schon unfähig, den einzelnen und die Masse zu lenken, weil nicht jeder sich dieses Ziel der Vollkommenheit zur Aufgabe setzen könnte, weil er gezwungen wäre, mit dem Zwang der Evolution in Widerspruch zu geraten, die Realität zu vergewaltigen und sich voll Angst gegen die Wahrheit und ihre Bekenner zu schützen. Wenn wir Menschen finden, die sich als Ziel der Vollkommenheit gesetzt haben, sich auf andere zu stützen, so scheint uns auch dieses Ziel der Vollkommenheit der Vernunft zu widersprechen. Wenn einer vielleicht das Ziel der Vollkommenheit darin findet, die Aufgaben des Lebens ungelöst zu lassen, um nicht sichere Niederlagen zu erleiden, die das Gegenteil des Ziels der Vollkommenheit wären, so erscheint uns auch dieses Ziel durchaus ungeeignet, obwohl es vielen Menschen annehmbar erscheint.

Wenn wir unseren Ausblick vergrößern und die Frage aufwerfen: was ist mit jenen Lebewesen geschehen, die sich ein unrichtiges Ziel der Vollkommenheit gesetzt haben, deren aktive Anpassung nicht gelungen ist, weil sie den unrichtigen Weg eingeschlagen haben, die nicht den Weg der Förderung der Allgemeinheit gefunden haben? — da belehrt uns der Untergang von Spezies, Rassen, Stämmen, Familien und tausenden von einzelnen Personen, von denen nichts übriggeblieben ist, wie notwendig es für den einzelnen ist, einen halbwegs richtigen Weg zu finden zum Ziel einer Vollkommenheit. Es ist ja auch für unsere Tage und für den einzelnen unter uns selbstverständlich, daß das Ziel der Vollkommenheit die Richtung gibt, für die Entwicklung seiner ganzen Persönlichkeit, für alle Ausdrucksbewegungen, für sein Schauen, für sein Denken, seine Gefühle, seine Weltanschauung. Und ebenso klar und für jeden Individualpsychologen verständlich ist es, daß eine einigermaßen von der Wahrheit abweichende Richtung zum Schaden des Betreffenden ausschlagen muß, wenn nicht zu seinem Untergang. Da wäre es eigentlich ein glücklicher Fund, wenn wir Näheres wüßten über die Richtung, die wir einzuschlagen haben, da wir ja doch im Strom der Evolution eingebettet sind und ihm folgen müssen. Auch hier hat die Individualpsychologie große Arbeit geleistet, ebenso wie mit der Feststellung des allgemeinen Strebens nach Vollkommenheit. Sie hat aus tausendfältiger Erfahrung eine Anschauung gewonnen, die imstande ist, die Richtung zur idealen Vollkommenheit einigermaßen zu verstehen, und zwar in ihrer Feststellung der Normen des Gemeinschaftsgefühls.

Gemeinschaftsgefühl besagt vor allem ein Streben nach einer Gemeinschaftsform, die für ewig gedacht werden muß, wie sie etwa gedacht werden könnte, wenn die Menschheit das Ziel der Vollkommenheit erreicht hat. Es handelt sich niemals um eine gegenwärtige Gemeinschaft oder Gesellschaft, auch nicht um politische oder religiöse Formen, sondern das Ziel, das zur Vollkommenheit am besten geeignet ist, müßte ein Ziel sein, das die ideale Gemeinschaft der ganzen Menschheit bedeutet, die letzte Erfüllung der Evolution. Natürlich wird man fragen, woher ich das weiß. Sicher nicht aus der unmittelbaren Erfahrung, und ich muß schon zugeben, daß diejenigen recht haben, die in der Individualpsychologie ein Stück Metaphysik finden. Die einen loben es, die anderen tadeln. Es gibt leider viele Menschen, die eine irrige Anschauung von der Metaphysik haben, die alles, was sie nicht unmittelbar erfassen können, aus dem Leben der Menschheit ausgeschaltet wissen wollen. Damit würden wir die Entwicklungsmöglichkeiten verhindern, jeden neuen Gedanken. Jede neue Idee liegt jenseits der unmittelbaren Erfahrung. Unmittelbare Erfahrungen ergeben niemals etwas Neues, sondern erst die zusammenfassende Idee, die diese Tatsachen verbindet. Sie können es spekulativ nennen oder transzendental, es gibt keine Wissenschaft, die nicht in die Metaphysik münden müßte. Ich sehe keinen Grund, sich vor der Metaphysik zu fürchten, sie hat das Leben der Menschen und ihre Entwicklung im stärksten Grad beeinflußt. Wir sind nicht mit der absoluten Wahrheit gesegnet, deshalb sind wir gezwungen, uns Gedanken zu machen über unsere Zukunft, über das Resultat unserer Handlungen usw. Unsere Idee des Gemeinschaftsgefühles als der letzten Form der Menschheit, eines Zustandes, in dem wir uns alle Fragen des Lebens, alle Beziehungen zur Außenwelt gelöst vorstellen, ein richtendes Ideal, ein richtunggebendes Ziel, dieses Ziel der Vollendung muß in sich das Ziel einer idealen Gemeinschaft tragen, weil alles, was wir wertvoll finden im Leben, was besteht und bestehen bleibt, für ewig ein Produkt dieses Gemeinschaftsgefühles ist.

Ich habe im vorhergehenden die Tatsachen, die Wirkungen und die Mängel des gegenwärtigen Gemeinschaftsgefühls im Individuum und in der Masse beschrieben und war im Interesse der Menschenkenntnis, der Charakterologie bemüht, meine Erfahrungen darzulegen, wie man das Bewegungsgesetz des einzelnen und der Masse, sowie deren Verfehlungen klarzustellen vermag. In der Individualpsychologie sind alle unwiderleglichen Erfahrungen unter dem Gesichtspunkt dieser Wissenschaft gesehen und verstanden, deren wissenschaftliches System sich unter dem Drucke dieser Erfahrungen entwickelt hat. Die gewonnenen Resultate sind untereinander widerspruchslos und durch den Common sense gerechtfertigt. Was zur Erfüllung der Forderungen einer streng wissenschaftlichen Lehre beigebracht werden muß, ist in der Individualpsychologie erreicht: eine immense Zahl von unmittelbaren Erfahrungen, ein System, das diesen Erfahrungen Rechnung trägt und ihnen nicht widerspricht, und die trainierte Fähigkeit des Erratens im Einklang mit dem Common sense, eine Fähigkeit, die Erfahrungen im Zusammenhang mit dem System diesem einzureihen imstande ist. Diese Fähigkeit ist um so notwendiger, als jeder Fall sich anders darstellt und zu stets neuen Anstrengungen des künstlerischen Erratens Anlaß gibt. Wenn ich nun darangehe, auch das Recht der Individualpsychologie, als Weltanschauung zu gelten, zu verfechten, indem ich sie dazu verwende, den Sinn des menschlichen Lebens verstehen zu lassen, so muß ich mich aller moralischen und religiösen, zwischen Tugend und Laster richtenden Anschauungen entschlagen, obwohl ich seit jeher überzeugt war, daß beide Strömungen, sowie auch politische Bewegungen stets darauf hinzielten, dem Sinn des Lebens gerecht zu werden, und unter dem Druck des Gemeinschaftsgefühls als einer absoluten Wahrheit gewachsen sind. Der Standpunkt der Individualpsychologie ihnen gegenüber ist durch ihre wissenschaftliche Erkenntnis, wohl auch durch ihren direkteren Versuch, das Gemeinschaftsgefühl als Erkenntnis stärker zu entwickeln, gegeben. Er lautet: Ich würde jede Strömung als gerechtfertigt ansehen, deren Richtung den unwiderleglichen Beweis liefert, daß sie vom Ziele des Wohles der gesamten Menschheit geleitet ist. Ich würde jede Strömung als verfehlt erachten, die diesem Standpunkt widerspricht oder durchflossen ist von der Kains-Formel: »Warum soll ich meinen Nächsten lieben?«

Gestützt auf die vorherigen Feststellungen darf ich, wie in einem kurzen Beweis, die Tatsache klarlegen, daß wir bei unserem Eintritt ins Leben nur vorfinden, was unsere Vorfahren als Beitrag zur Evolution, zur Höherentwicklung der gesamten Menschheit fertiggestellt haben. Schon diese eine Tatsache könnte uns darüber aufklären, wie das Leben weiterrollt, wie wir uns einem Zustand größerer Beiträge nähern, größerer Kooperationsfähigkeit, wo sich jeder einzelne mehr als bisher als ein Teil des Ganzen darstellt, ein Zustand, für den natürlich alle Formen unserer gesellschaftlichen Bewegung Versuche, Vorversuche sind, von denen nur diejenigen Bestand haben, die in der Richtung dieser idealen Gemeinschaft gelagert sind. Daß dieses Werk, vielfach von überragender menschlicher Kraft zeugend, sich auch in vieler Hinsicht als unvollkommen, ja auch gelegentlich als verfehlt erweist, deutet nur darauf hin, daß die »absolute Wahrheit«, auf dem Wege der Evolution vorwärts zu schreiten, dem menschlichen Vermögen unzugänglich ist, wenngleich wir ihr näherzukommen imstande sind, und daß es eine ganze Anzahl von Gemeinschaftsleistungen gibt, die nur für eine gewisse Zeit, für eine gewisse Situation vorhalten, um sich nach einiger Zeit sogar als schädlich zu erweisen. Was uns davor bewahren kann, ans Kreuz einer schädlichen Fiktion geschlagen zu sein, das Schema einer schädlichen Fiktion festzuhalten, ist der Leitstern des Wohles der Allgemeinheit, unter dessen Lenkung wir besser und ohne Rückschläge den Weg zu finden vermögen.

Das Wohl der Allgemeinheit, die Höherentwicklung der Menschheit basieren auf den ewig unvergänglichen Forderungen unserer Vorfahren. Deren Geist bleibt ewig lebendig. Er ist unsterblich, wie andere es in ihren Kindern sind. Auf beide gründet sich die Fortdauer des menschlichen Geschlechtes. Sein Wissen darum ist überflüssig. Die Tatsachen gelten. Die Frage des rechten Weges scheint mir gelöst, wenngleich wir oft im dunkeln tappen. Wir wollen nicht entscheiden, nur das eine können wir sagen: eine Bewegung des einzelnen und eine Bewegung der Massen kann für uns nur als wertvoll gelten, wenn sie Werte schafft für die Ewigkeit, für die Höherentwicklung der gesamten Menschheit. Man soll sich, um diese These zu entkräften, weder auf die eigene noch auf die fremde Dummheit berufen. Daß es sich nicht um den Besitz der Wahrheit, sondern um das Streben danach handelt, ist selbstverständlich.

Noch schlagkräftiger, um nicht zu sagen selbstverständlicher, wird diese Tatsache, wenn wir fragen: was geschah mit jenen Menschen, die nichts zum Wohle der Allgemeinheit beigetragen haben? Die Antwort lautet: sie sind bis auf den letzten Rest verschwunden. Nichts ist übrig von ihnen, sie sind leiblich und seelisch ausgelöscht. Die Erde hat sie verschlungen. Es ging mit ihnen wie mit ausgestorbenen Tierspezies, die keine Harmonie mit den kosmischen Gegebenheiten finden konnten. Da liegt doch eigentlich eine heimliche Gesetzmäßigkeit vor, als ob der fragende Kosmos befehlen würde: Fort mit euch! Ihr habt den Sinn des Lebens nicht erfaßt. Ihr könnt nicht in die Zukunft reichen.

Keine Frage, daß dies ein grausames Gesetz ist. Nur vergleichbar mit den grausamen Gottheiten alter Völker und dem Tabugedanken, der allen Untergang drohte, die sich gegen die Gemeinschaft vergingen. So betont sich der Bestand, der ewige Bestand des Beitrags von Menschen, die etwas für die Allgemeinheit geleistet haben. Freilich sind wir besonnen genug, um nicht anzunehmen, daß wir den Schlüssel dazu hätten, in jedem Fall genau zu sagen, was für die Ewigkeit berechnet ist und was nicht. Wir sind überzeugt, daß wir irren können, daß nur eine ganz genaue, objektive Untersuchung entscheiden kann, oft auch erst der Lauf der Dinge. Es ist vielleicht schon ein großer Schritt, daß wir vermeiden können, was nicht zur Gemeinschaft beiträgt.

Unser Gemeinschaftsgefühl reicht heute viel weiter. Ohne es verstanden zu haben, suchen wir in der Erziehung, im Verhalten des einzelnen wie der Masse, in Religion, Wissenschaft und Politik den Einklang mit der zukünftigen Wohlfahrt der Menschheit auf verschiedenen, oft falschen Wegen herzustellen. Natürlich ist der näher der Erfassung künftiger Harmonie, der das bessere Gemeinschaftsgefühl besitzt. Und im großen und ganzen hat sich der soziale Grundsatz Bahn gebrochen, den Strauchelnden zu stützen und nicht zu stürzen.

Wenden wir unsere Anschauung auf unser heutiges Kulturleben an und halten wir fest, daß das Kind bereits das Ausmaß seines Gemeinschaftsgefühls, unveränderlich ohne weiteren bessernden Eingriff, fürs ganze Leben festlegt, dann richtet sich unser Blick auf gewisse allgemeine Zustände, deren Einfluß auf die Entwicklung des kindlichen Gemeinschaftsgefühls verheerend wirken kann. So die Tatsache des Krieges und seine Glorifizierung im Schulunterricht. Unwillkürlich richtet sich das vielleicht noch unfertige, vielleicht im Gemeinschaftsgefühl schwache Kind auf eine Welt ein, in der es möglich ist, Menschen gegen Maschinen und Giftgase kämpfen zu machen, sie dazu zu zwingen, und es als ehrenhaft zu empfinden, wenn man möglichst viele, sicherlich auch für die Zukunft der Menschheit wertvolle Mitmenschen tötet. In kleinerem Maße wirkt sich die Tatsache der Todesstrafe aus, deren Schaden auf das kindliche Gemüt wenig vermindert wird durch die Betrachtung, daß es sich dabei nicht um Mitmenschen, eher um Gegenmenschen handelt. Selbst die brüske Erfahrung des Todesproblems kann Kinder von geringerer Neigung zur Kooperation zum überstürzten Abschluß ihres Gemeinschaftsgefühls veranlassen. Ebenso sind Mädchen gefährdet, die das Liebes-, Zeugungs- und Geburtsproblem von unbedachter Umgebung als schreckhaft erfahren. Mit übergroßer Schwere lastet das ungelöste ökonomische Problem auf dem sich entwickelnden Gemeinschaftsgefühl. Selbstmord, Verbrechen, schlechte Behandlung von Krüppeln, Greisen, Bettlern, Vorurteile und ungerechte Behandlung von Personen, Angestellten, Rassen und Religionsgemeinschaften, Mißhandlungen Schwächerer und von Kindern, Ehestreitigkeiten und Versuche, die Frau in irgend einer Art als minderwertig hinzustellen und anderes mehr, Protzerei mit Geld und Geburt, Cliquenwesen und dessen Auswirkungen bis in die höchsten Kreise setzen neben Verwöhnung und Vernachlässigung der Kinder frühzeitig den Schlußpunkt in der Entwicklung zum Mitmenschen. In unserer Zeit hilft dagegen nur neben Herstellung der Mitarbeit des Kindes die richtige, rechtzeitige Aufklärung darüber, daß wir heute erst ein verhältnismäßig niedriges Niveau im Gemeinschaftsgefühl erreicht haben und daß ein richtiger Mitmensch es als seine Aufgabe erfassen muß, an der Lösung dieser Mißstände zum Wohle der Gesamtheit mitzuarbeiten und diese Lösung nicht von einer sagenhaften Entwicklungstendenz oder von anderen zu erwarten. Versuche, wenn auch in bester Absicht unternommen, die Höherentwicklung durch Verstärkung eines dieser Übel zu erzielen, durch Krieg, durch die Todesstrafe oder durch Rassen- und Religionshaß bringen in der folgenden Generation stets einen Abfall des Gemeinschaftsgefühls und damit eine wesentliche Verschlechterung der anderen Übel mit sich. Interessanterweise führen sie fast regelmäßig zur Bagatellisierung des Lebens, der Kameradschaft und der Liebesbeziehungen, eine Tatsache, an der man deutlich das Sinken des Gemeinschaftsgefühls wahrnehmen kann.

Ich habe im vorhergehenden genügend Material beigebracht, um den Leser verstehen zu lassen, daß es sich hier um eine wissenschaftliche Auseinandersetzung handelt, wenn ich betone, daß das Individuum in seiner richtigen Entwicklung nur dann weiterkommt, wenn es als Teil des Ganzen lebt und strebt. Die flachen Einwendungen individualistischer Systeme sind dieser Auffassung gegenüber recht bedeutungslos. Ich könnte noch mehr davon sprechen und zeigen, wie alle unsere Funktionen darauf berechnet sind, die Gemeinschaft der Menschen nicht zu stören, den einzelnen mit der Gemeinschaft zu verbinden. Sehen heißt aufnehmen, fruchtbarmachen, was auf die Netzhaut fällt. Dies ist nicht bloß ein physiologischer Vorgang, er zeigt den Menschen als Teil des Ganzen, der nimmt und gibt. Im Sehen, Hören, Sprechen verbinden wir uns mit den anderen. Der Mensch sieht, hört, spricht nur richtig, wenn er in seinem Interesse mit der Außenwelt, mit den anderen verbunden ist. Seine Vernunft, sein Common sense unterliegt der Kontrolle der Mitmenschen, der absoluten Wahrheit und zielt auf ewige Richtigkeit. Unsere ästhetischen Gefühle und Anschauungen, vielleicht die stärkste Schwungkraft zu Leistungen in sich tragend, haben Ewigkeitswert nur, wenn sie im Strom der Evolution zur Wohlfahrt der Menschheit verlaufen. Alle unsere körperlichen und seelischen Funktionen sind richtig, normal, gesund entwickelt, sofern sie genügend Gemeinschaftsgefühl in sich tragen und zur Mitarbeit geeignet sind.

Wir sprechen von Tugend und meinen, daß einer mitspielt, von Laster und meinen, daß einer die Mitarbeit stört. Ich könnte noch darauf hinweisen, wie alles, was einen Fehlschlag bedeutet, deshalb ein Fehlschlag ist, weil es die Entwicklung der Gemeinschaft stört, ob es sich um schwer erziehbare Kinder, Neurotiker, Verbrecher, Selbstmörder handelt. In allen Fällen sieht man, daß der Beitrag fehlt. In der ganzen Menschheitsgeschichte finden sich keine isolierten Menschen. Die Entwicklung der Menschheit war nur möglich, weil die Menschheit eine Gemeinschaft war und im Streben nach Vollkommenheit nach einer idealen Gemeinschaft gestrebt hat. Das drückt sich in allen Bewegungen, allen Funktionen eines Menschen aus, ob er diese Richtung gefunden hat oder nicht, im Strom der Evolution, der durch das Gemeinschaftsideal charakterisiert ist, weil der Mensch unverbrüchlich durch das Gemeinschaftsideal gelenkt, gehindert, gestraft, gelobt, gefördert wird, so daß jeder einzelne jede Abweichung nicht nur zu verantworten, sondern auch zu büßen hat. Das ist ein hartes Gesetz, grausam geradezu. Diejenigen, die in sich bereits ein starkes Gemeinschaftsgefühl entwickelt haben, sind unentwegt bestrebt, die Härten für den, der fehlerhaft schreitet, zu mildern, als ob sie es wüßten: das ist ein Mensch, der den Weg verfehlt hat, aus Ursachen, die die Individualpsychologie erst nachzuweisen imstande ist. Wenn der Mensch verstünde, wie er, der Seite der Evolution ausweichend, fehlgegangen ist, dann würde er diesen Weg verlassen und sich der Allgemeinheit anschließen.

Alle Probleme des menschlichen Lebens verlangen, wie ich gezeigt habe, Fähigkeit und Vorbereitung zur Mitarbeit, des sichtbaren Zeichens des Gemeinschaftsgefühls. In dieser Stimmungslage ist Mut und Glück miteingeschlossen, die sonst nicht zu finden sind.

Alle Charakterzüge erweisen den Grad des Gemeinschaftsgefühls, laufen der Linie entsprechend, die nach der Meinung des Individuums zum Ziel der Überlegenheit führt, sind Leitlinien, verwoben mit dem Lebensstil, der sie geformt hat und immer wieder zutage bringt. Unsere Sprache ist zu arm, um feinste Gebilde des Seelenlebens mit einem einzigen Wort auszudrücken, wie wir es Charakterzügen gegenüber tun, dadurch die Mannigfaltigkeit übersehend, die durch diesen Ausdruck verdeckt ist. Daher schimmern für die, die sich an Worte klammern, Widersprüche durch, so daß ihnen die Einheit des Seelenlebens nie klar wird.

Vielleicht wird manchen die einfache Tatsache am stärksten überzeugen, daß alles, was wir als Fehlschlag bezeichnen, den Mangel an Gemeinschaftsgefühl aufweist. Alle Fehler der Kindheit und im Leben der Erwachsenen, alle schlechten Charakterzüge, in der Familie, in der Schule, im Leben, in der Beziehung zu anderen, im Beruf und in der Liebe erweisen ihre Herkunft aus dem Mangel an Gemeinschaftsgefühl, sind vorübergehend oder dauernd, beides in tausend Varianten.

Eine genaue Betrachtung des persönlichen Lebens und des Lebens der Masse, der Vergangenheit und der Gegenwart zeigt uns das Ringen der Menschheit um ein stärkeres Gemeinschaftsgefühl. Es ist kaum zu übersehen, daß die Menschheit um dieses Problem weiß und von ihm durchdrungen ist. Was in der Gegenwart auf uns lastet, stammt aus dem Mangel sozialer Durchbildung. Was in uns drängt, um auf eine höhere Stufe zu kommen, von den Fehlschlägen unseres öffentlichen Lebens und unserer Persönlichkeit frei zu werden, ist das gedrosselte Gemeinschaftsgefühl. Es lebt in uns und sucht sich durchzusetzen, es scheint nicht stark genug zu sein, um sich trotz aller Widerstände zu bewähren. Es besteht die berechtigte Erwartung, daß in viel späterer Zeit, wenn der Menschheit genug Zeit gelassen wird, die Kraft des Gemeinschaftsgefühls über alle äußeren Widerstände siegen wird. Dann wird der Mensch Gemeinschaftsgefühl äußern wie Atmen. Bis dahin bleibt wohl nichts anderes übrig, als diesen notwendigen Lauf der Dinge zu verstehen und zu lehren.

 

__________________

1) J. Chr. Smuts, Wholeness and Evolution. London.

2) Siehe A. Adler, Heilen und Bilden, l. c.

3) Siehe E. Jahn u. A. Adler, Religion und Individualpsychologie, l. c.


 © textlog.de 2004 • 01.11.2014 04:48:52 •
Seite zuletzt aktualisiert: 19.12.2009 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright