9. Religiosität.


Solchen Menschen gelingt manchmal der Rückzug in die Religion. Hier tun sie eigentlich dasselbe wie früher. Sie jammern und klagen, belästigen fortwährend den lieben Gott mit ihren Schmerzen, sie wissen ihn mit nichts anderem zu beschäftigen als mit ihrer eigenen Person. Dabei haben sie meist das Bewußtsein, dieser so außerordentlich Verehrte und Angebetete stehe eigentlich in ihrem Dienst, habe für sie die ganze Verantwortung und sei außerdem noch durch künstliche Mittel heranzulocken, wie etwa durch ein besonders eifrig verbrachtes Gebet oder durch eine sonstige religiöse Hingebung. Kurz, der liebe Gott weiß gar nicht, was er sonst zu tun hätte, sondern muß erst durch sie besonders aufmerksam gemacht werden. Man muß zugeben, in dieser Art der religiösen Verehrung liegt eine so unheimliche Ketzerei, daß man fürchten muß, falls wieder die alten Zustände der Inquisition kämen, würden gerade diese Menschen zuerst verbrannt werden. Sie tun dem lieben Gott gegenüber auch nichts anderes, als was sie den anderen Menschen gegenüber tun, die sie immer nur anjammern und anraunzen, ohne dabei selber etwas zu tun, um die Verhältnisse zu bessern.

Das verlangen sie immer nur von andern. Wieweit das gehen kann, zeigt der Fall eines 18jährigen Mädchens. Es war ein überaus braves und tüchtiges, allerdings sehr ehrgeiziges Mädchen, das sich auch in religiösem Belang hervortat, indem sie allen religiösen Pflichten gewissenhaft nachkam. Eines Tages begann sie sich Selbstvorwürfe zu machen, daß sie nicht genügend fromm gewesen sei, gegen religiöse Gebote verstoßen und öfters sündhafte Gedanken gehabt habe. Sie kam darin schließlich so weit, daß sie den ganzen Tag damit zubrachte, sich selbst anzuklagen, so daß ihre Umgebung bereits ernstlich für ihren Verstand zu fürchten begann. Denn man hätte ihr nicht das Mindeste vorwerfen können. Immer war sie in einer Ecke weinend anzutreffen und mit Selbstvorwürfen beschäftigt. Da kam ein Geistlicher auf den Einfall, ihr ihre ganze Sündenlast abzunehmen, indem er ihr erklärte, das seien keine Sünden und sie sei frei. Am nächsten Tag stellte sich ihm dieses Mädchen auf der Gasse entgegen und rief ihm laut zu, er sei nicht würdig, in die Kirche zu gehen, weil er eine so große Sündenlast auf sich genommen habe.

Der Fall soll nicht weiter verfolgt werden. Man sieht daraus, wie der Ehrgeiz auch in diesen Fragen durchbricht, wie die Eitelkeit ihren Träger zum Richter macht über Tugend und Laster, Reinheit und Unreinheit, über Gut und Böse.


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